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Mike Brodie fotografiert jugendliche Landstreicher

Bin nur kurz Zigaretten holen

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Das erste Mal springt Mike Brodie 2003 auf einen Güterzug. Da ist er 17 Jahre alt. Fünf Jahre lang reist der Amerikaner zehntausende Kilometer illegal mit der Bahn kreuz und quer durch die USA. Mitgebracht hat er beeindruckende fotografische Porträts seiner Weggefährten

Das Schöne am Vagabundendasein sei, dass das Unmögliche zum Ereignis werde, schrieb Jack London in "The Road", seinem maßgeblichen Roman für alle Tramps, Bums und Hobos. "Der Landstreicher weiß nie, was im nächsten Augenblick geschehen wird; darum lebt er stets dem Augenblick."

Auf den Aufnahmen von Mike Brodie, einem der wenigen Güterzug-Nomaden unserer Tage, scheint dieser Augenblick gerade eben vergangen zu sein: Seine Weggefährten wirken häufig ausgebrannt, tragen Verbände, einer krümmt sich auf einer schmutzigen Toilette in einem verlassenen Haus, einer sitzt im Polizeiauto, ein anderer liegt im Krankenhaus, während der Freund daneben steht wie ein Besucher aus einem anderen Jahrhundert, der bergeweise Keime ins sterile post-industrielle Zeitalter trägt.

Die wilde Taugenichts- und Wanderarbeiter-Romantik, die von Woody Guthrie über Johnny Cash bis Beck Hansen in Folksongs besungen und von Jack Kerouac bis William Kennedy in Romanen beschrieben wurde, bedeutet eben auch: frierend und vom Getreidestaub niesend in Waggons liegen, sich mit anderen Landstreichern prügeln, stinken wie drei Tonnen Kacke und sich nachts unter dem plötzlich leeren Himmel vor Einsamkeit nicht mehr rühren können. Brodie, dessen Bilder nun erstmals in einer Monografie erscheinen, versteckt das nicht.

Der Triumph, das Unmögliche zum Ereignis gemacht zu haben

Aber es gibt eben auch die andere Seite, die in diesen Fotografien leuchtet, und die sieht nach den großen Versprechungen der Neuen Welt und des Wilden Westen aus, nach "life, liberty and the pursuit of happiness": wehende Haare im Fahrtwind, abgewetzte Stiefel, der Blick zum Horizont, das freudige Studium der Landkarte: "Und an jeder Wegbiegung begegnet dem Landstreicher das Unerwartete", wie London schreibt. Und mischt sich die Erschöpfung in den Gesichtern der Freunde Corey, Blake, Rocket, Soup, Savannah, Lost und Trinity nicht auch mit einem triumphalen Ausdruck? Der berechtigte Triumph, das Unmögliche zum Ereignis gemacht zu haben?

Mike Brodie, der keine Interviews gibt und angeblich kein Telefon besitzt, schreibt in dem Buch mit dem euphorischen Titel "A Period of Juvenile Prosperity" lediglich auf zwei Seiten über sich. Fast alles, was über ihn bekannt ist, stammt aus dieser Selbstbeschreibung. Demnach ist er in Arizona in prekären Familienverhältnissen aufgewachsen: Der Großvater hat Brodie sexuell missbraucht, der Vater war immer wieder im Gefängnis, die Mutter Anhängerin einer religiösen Erweckungsbewegung. Als Brodie 15 war, zog er mit seiner Familie nach Florida. Sein erster Ausflug per Güterzug führte ihn in die falsche Richtung – aber egal, was ist die richtige Richtung? Der Teenager war angefixt.

Eine Freundin überließ ihm eine Polaroid SX-70, und er begann seine Reisen zu dokumentieren. Als Polaroid die Produktion von Filmen einstellte, kauft Brodie sich eine Nikon F3 35mm. 7000 Fotos will er auf seinen Reisen gemacht haben. Es dürften also nach ersten Ausstellungen im Frühjahr in New Yorker Galerien noch einige folgen. Und Bücher hoffentlich auch.

The Polaroid Kidd wird im Internet bekannt

Seine Bilder wurden – und das macht ihn dann doch zu einem ganz heutigen Phänomen – durch das Internet bekannt: Er stellte unter dem Alias The Polaroid Kidd seine Aufnahmen ins Netz, um mit seinen Tramp-Freunden in Verbindung zu bleiben – und fand ein größeres Publikum.

Der Vergleich zu Walker Evans, der in den 30er-Jahren die Wanderarbeiter der Großen Depression fotografiert hat, liegt nahe, aber kann Brodies Werke nur erdrücken. Auch Nan Goldin oder Larry Clark sind mit ihren Aufnahmen von fertigen Jugendlichen nicht eng verwandt, wie es zunächst scheint. Ihren Bildern fehlt der Optimismus, der durch Freundschaft und Sehnsucht getriggert wird und seinen Hallraum – ganz westernmäßig – in der Weite der Landschaft findet. Eher sind wir damit bei der Peer-Fotografie von Ryan McGinley – auch wenn bei dem New Yorker der Exzess inszeniert ist. Die Bilder des Autodidakts Brodie leben von einer großen Unmittelbarkeit und zeugen doch von einem großen Gespür für Komposition.

Heute ist Brodie 28 Jahre alt und lebt in Kalifornien. Mit dem Rumziehen hat er aufgehört, "von einem Tag auf den anderen", wie er sagt, und das Fotografieren hat er auch aufgegeben. Er hat eine Lehre zum Dieselmechaniker gemacht und an Lokomotiven rumgeschraubt, ausgerechnet. Aber das hat er auch wieder aufgegeben. Wie bringt man nur nach so einer heftigen Jugend die restlichen sechzig Jahre Leben rum?

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