Gruppenschau in Bonn

Prism, Tempora und andere Heimsuchungen

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Vertrauenswürdig wirkt das Labyrinth, das Martine Feipel & Jean Bechameil im Kunstmuseum Bonn errichtet haben, nicht gerade. Die verspiegelte Architektur sieht instabil aus, und dann vibriert am Ende des Ganges auch noch ein Stuhl – bald flehen die ersten Besucher im Flüsterton, zum Ausgang gelassen zu werden. Die beiden Luxemburger sind Spezialisten für raumgreifende Irritationen, doch in der Gruppenschau „HEIMsuchung“ gehört das Duo noch zu den sanfteren Vertretern des Horrors im Privaten. Ein Gefühl der Sicherheit gewährt keine der rund 20 Arbeiten. Mal verwandeln Eisschollen die Toilette in eine Rutschbahn, mal kehrt sich das Innere einer Galerie nach außen.

Die Enthüllungen der letzten Wochen zu den Spionageprogrammen der NSA und des britischen Geheimdienstes haben es noch einmal deutlich gemacht: Das Private ist in der digitalisierten Überwachungsgesellschaft in der Defensive. Diesen Befund übersetzen die Künstler der Schau erfolgreich in physische Erfahrung. Der Besuch wird dabei zum Selbsttest: Wie kommt man heil durch den Strudel aus Terrorgefahr und dem Overkill an Information? Neu ist das Klima der Angst natürlich nicht. Stephan Mörsch greift auf einen US-Aufklärungsfilm von 1954 zurück, um die damalige Atombombenparanoia in die Gegenwart zu holen. Die Botschaft ist kurios: Während ein verwahrlostes Holzhaus in Flammen aufgeht, trotzt sein gepflegter Nachbar dem Strahlenpilz. Hauptsache, der Rasen ist frisch getrimmt.

John Bock kontert mit anarchischem Schrecken: In seiner Multimediainstallation „Zweierlei/Eigen“ finden Displays mit Wandkreuzen und Fischgräten ebenso ihren Platz wie ein Film über eine Frau, die vergeblich Schutz in ihrem Bett sucht. Eine untote Doppelgängerin hat sich des Schlafzimmers bemächtigt.

Ob bei Thomas Demand, Gregory Crewdson oder Jennifer und Kevin McCoy, das Böse war immer schon da. Stricher müssen dran glauben, ein Ehemann wird hingemetzelt, aus Lautsprechern ertönt dazu ein lieblicher Blues von Billie Holiday. Und wenn die Heimsuchung nicht von außen kommt, dann eben von innen: Alexandra Ranner lässt in ihrer Installation „Silencio Súbito“ einen Mann im Video auf einem Sofa vegetieren, in stummer Ereignislosigkeit. Sein lautstarker Einwand? Zum Brüllen komisch: „Wenn jetz net gleich a Ruah is! A Ruah is!“

„HEIMsuchung. Unsichere Räume in der Kunst der Gegenwart“, Kunstmuseum Bonn, bis 25. August

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