Zentrum für politische Schönheit

Sturmtrupp des aggressiven Humanismus

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Philipp Ruch sitzt auf einem Stuhl im Schatten, ein wenig im Abseits, auf dem Schoß ein Rechner, in seiner Hand ein Redemanuskript. Der Künstler wirkt ergriffen und doch irgendwie abwesend. „Wir hätten nicht gedacht, dass unsere Aktion so ein Echo erfährt“, sagt er und blickt dabei auf die Szene vor ihm, die letzten Vorbereitungen für den Aufbau. Jetzt startet das nächste Kapitel.

Mitten auf dem Dorothea-Schlegel-Platzes vor dem Berliner S-Bahnhof Friedrichstraße stehen zwei aufeinander gestapelte Schiffs-Container, auf der Rückseite prangt ein riesiges Porträt einer blonden Frau: Familienministerin Manuela Schwesig. Daneben streichen Menschen einen grünen Pavillon weiß. Rote Farbe für ein Kreuz, das gleich auf das Dach kommt, steht schon bereit. Fotos werden auf die Seiten der Container geklebt. Es sind Bilder von Kindern, unter den Gesichtern stehen Telefonnummern. Der untere Container ist geöffnet, die Öffnung mit einem Tuch abgehängt, auf dem oberen prangt ein Display. Jeder scheint zu wissen, was zu tun ist, hier passiert was.

Philipp Ruch, 33, ist Aktionskünstler, Regisseur und „Chefunterhändler“ des 2008 von ihm gegründeten Zentrums für Politische Schönheit (ZPS), einem „Sturmtrupp“ im Namen des „aggressiven Humanismus’“, ein aktivistischer Think Tank, der Menschenrechte mit Aktionskunst verbindet. Ziel ist die „Errichtung moralischer Schönheit“. Die aktuelle Kunstaktion thematisiert den Bürgerkrieg in Syrien. Sie ist vor zwei Wochen angelaufen, seitdem steht das ZPS im Fokus.

Wir schaffen die Nachrichten, die wir gerne hätten

Schon in der Vergangenheit waren die Aktionen des ZPS medienwirksam, als zum Beispiel 2009 Kanzlerin Angela Merkel auf eBay versteigert wurde – Zustand „gebraucht, visions- und antriebslos“. 2012 wurde auf riesigen Plakaten ein „Kopfgeld“ von 25.000 Euro versprochen für „Hinweise aller Art, die zur rechtskräftigen Verurteilung der Eigentümer des Waffenkonzerns Krauss-Maffei Wegmann führen“. Ergänzend veröffentlichte das ZPS online die Namen der Anteilseigner und Biografien der Gesellschafter (schockierend für viele, dass sich darunter auch prominente Künstler und „Alt-68er“ befanden). Die Firma ging gegen die Aktion vor, die Website wurde gesperrt.

Vor zwei Wochen dann verkündete das ZPS im Namen des Bundesfamilienministeriums, mit offiziellem Logo und unter angeblicher Schirmherrschaft von Manuela Schwesig eine Rettungsaktion für 55.000 Kinder aus dem Bürgerkrieg in Syrien – die  „Kindertransporthilfe des Bundes“. Grundlage sei der Gesetzesentwurf 18/1333 für die „Aufnahme besonders gefährdeter Kinder aus Syrien für die Dauer des Konfliktes“, der angeblich am 8. Mai im Bundestag von der Bundesregierung eingebracht wurde. Nach dem Vorbild der britischen Kindertransporte von 1938 bis 1939, bei denen 10.000 jüdische Kinder aus Nazi-Deutschland ausreisen konnten, sollen syrische Kinder nach Deutschland geholt werden. Das ZPS schafft Nachrichten, die sie gerne hätte. In diesem Sinne ist "politische Schönheit" zu verstehen.

„1 aus 100“ lautet der Name der Fake-Aktion, denn von den geschätzt über fünf Millionen bedrohten Kindern könne nicht jedes gerettet werden. Die dazugehörige Website bietet Bewerbungsformulare für ein befristetes Pflegeverhältnis, man kann beantragen, ein Kind für zwei Jahre aufzunehmen oder die Unterkunft bis zum Konfliktende garantieren. Auffassungen zu Kindeserziehung und die Ansichten über die arabische Welt seien relevante Entscheidungskriterien. Es würde ein Überprüfungsprozess folgen, Gespräche, ein Hausbesuch. Daneben stehen Satzungen zu Unterhaltsregelungen, Kindergeld, Zuschüsse, Steuervorteile, alles ist glaubwürdig, geregelt. Und dabei Kunst, fiktiv, visionär.

Der Erfolg dieser Kunstaktion ist beachtlich. Nicht nur, dass Medien von „Bunte“ bis „Süddeutsche“ über die Aktion berichteten, auch die Politik selbst hat reagiert: Anfang letzter Woche hat das ZPS noch Bilder von den Ruinen Aleppos auf das Kanzleramt projiziert, fünf Tage später empfing man ebendort Vertreter der Kunstaktion und ehemalige Kinder des Kindertransports von 1939. Dann schließlich fragt die Regierung die Künstler, was sie konkret machen soll. Politik sucht praktischen Rat bei Kunst – eine Überraschung.

Mahnmal gegen die Lebensgefahr und Todesängste syrischer Kinder

Was jetzt auf dem Dorothea-Schlegel-Platz gleich neben dem Denkmal zur Erinnerung an die britischen Kindertransporte aufgebaut wird, ist ein zur Kunstaktion gehörendes Mahnmal. Die auf den Seiten der Schiffs-Container angebrachten Porträts zeigen syrische Kinder, die gerettet werden können: „1 von 100“. Wie in einer Game-Show fühlt es sich an: Telefonnummern neben den Köpfen der Kinder, unter denen man anrufen kann und für ein Kind voten. Stimmen nicht genug Menschen für ein Kind, muss es in Syrien bleiben. Das ZPS arbeitet mit ähnlichen Mitteln wie Christoph Schlingensief, vor allem bei seiner Aktion "Ausländer raus!" in Wien, eine Art Big-Brother-Show in Containern mit Asylbewerbern. Wer das alles zynisch findet, hat sicher recht. Aber die Wirklichkeit ist zynischer. In der politischen Wirklichkeit wird nicht einmal ein Kind von den Hunderten gerettet.

Auf dem Display des oberen Containers laufen Videos über diese Kindern, Besucher über 18 können den abgehängten Innenraum des unteren Containers betreten. Hier drastischere Videos, Kinder, die aus Trümmern geborgen werden. Jedes der 100 Videos ist anderthalb Minuten lang. Im Sanitätszelt nebenan befinden sich syrische „Ärzte“: Ansprechpartner für die Menschen, die sich den Videos aussetzen.

Ruch beantwortet Fragen, obwohl er dafür eigentlich fünf schwarz gekleidete Schauspielerinnen engagiert hat. Mindestens zwei Dutzend Journalisten, Kamerateams, und Fotografen stehen schon eine Weile um die fünf Frauen neben dem Pavillon, der mittlerweile vollständig weiß gestrichen und mit den zwei roten Kreuzen als Sanitätszelt erkennbar ist. Sie werden interviewt, gefilmt fotografiert. Obwohl die Journalisten Ruchs Gesicht aus den Medien längst kennen, wird er in Ruhe gelassen, fast so, als würde sich keiner hineinwagen, in die Stille, die den Künstler umgibt.

Direkt vor ihm wird gerade eine Kunstaktion Wirklichkeit. Eine von Ruchs Vertreterinnen stellt sich auf das Podest und beginnt zu sprechen. Sie hält die Eröffnungsrede des gerade entstandenen „Mahnmals gegen die Lebensgefahr und Todesängste syrischer Kinder am Bahnhof Friedrichstraße“.

„Mahnmal gegen die Lebensgefahr und Todesängste syrischer Kinder am Bahnhof Friedrichstraße“, S-Bahnhof Friedrichstraße, Dorothea-Schlegel-Platz, bis 25. Mai. Das Mahnmal kann 24 Stunden am Tag besichtigt werden, täglich um 20 Uhr findet die große „1 aus 100“-Show statt

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