Anselm Reyle in Hamburg

Malen nach Zahlen

Mit seinen neonfarbenen und glitzernden Skulpturen und Bildern hatte er viel Erfolg. Den gönnt ihm nicht jeder, denn Anselm Reyles Feier der Oberflächlichkeit ist nicht so diskursfähig wie etwa die von Jeff Koons (von dem sich Reyle viel abgeschaut hat – nur wo Koons figürlich ist, bleibt er abstrakt). So heißt es, Reyle sei bloß dekorativ.

Alle Schlagwörter über den 42-Jährigen in Kürze: Streifenbilder, Auktionsrekorde, Sammlerliebling, Krisenopfer (auf enorme Wertsteigerung folgten unverkaufte Werke), jetzt Nagellack für Dior. Ein Harald Glööckler der Kunst ist er deshalb trotzdem nicht.

Das Betreten der Deichtorhallen ist, als fände man sich in einem Platzhalter für „Kunstausstellung“ wieder. Denn Reyle komprimiert die Stereotypen der modernen Kunst mit Hochdruck: abstrakte Figur zwischen Henry Moore und Weihnachtsbasar, riesig und aus Edelstahl. Dekofolienbilder hinter buntem Plexiglas in großzügiger Serie. Versilberte Strohballen. Leuchtstoffröhren ohne Botschaft in der Dunkelheit. Und erstaunliche Variationen seines großen signature-Opus, des Streifenbilds.

Das habe doch „jeder Kunststudent“ schon mal gemacht, wird Reyle, der in Hamburg eine Professur hat, in den Wandtexten zitiert. Was natürlich nicht stimmt, weil Kunststudenten in der Regel viel zu große und auch berechtigte Angst haben, zu banal zu sein. Diese Furcht kennt Reyle nicht. Nur er hat Streifenbilder gemacht. Und sie mit einer bewundernswerten Beharrlichkeit zum Erfolgsmodell ausgebaut, die ihn vermutlich auch in jeder anderen Branche an die Spitze gebracht hätte.

So finden viele, dass er die Kunst verhöhnt. Darüber, wie er mit seinen „Malen nach Zahlen“-Bildern den Großmalergestus endgültig vernichtet, werden manche Menschen wütend. Aber warum eigentlich, wenn man sich stattdessen inmitten dieser fast comicartig zugespitzten Schau auch einfach fühlen kann wie „Tick, Trick und Track im Museum“, wie in einer Klischeekunstausstellung über Kunstklischees? Man sollte nur endlich einmal aufhören zu sagen, Anselm Reyles Kunst sei dekorativ. Das ist sie wirklich nicht.

„Mystic Silver“, Deichtorhallen, Hamburg, bis 27. Januar

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