Armin Mueller-Stahl im Interview

"Nur in der Malerei fliege ich wirklich"

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Armin Mueller-Stahl ist ein Multitalent. Der 83-Jährige ist als Schauspieler ein deutscher Weltstar, machte zunächst Karriere in der DDR, dann in Westdeutschland, bevor er nach Hollywood ging. Gerade wurde er auf dem Filmfest in Locarno mit dem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Er musiziert, hat zwei Autobiografien und Erzählbände geschrieben. Nun will er sich vor allem auf die Malerei konzentrieren. Monopol hat in Locarno mit ihm gesprochen

Herr Mueller-Stahl, was geht Ihnen bei einer Auszeichnung für das Lebenswerk durch den Kopf?


Einen solchen Preis bekomme ich ja nun schon zum fünften Mal, das macht mich manchmal ein bisschen nachdenklich und ich frage mich, ob ich mich entschuldigen muss, noch immer unterwegs zu sein. Sorry! Aber das Leben geht auch danach weiter und das ist ja auch schön. Man kriegt so einen Preis und weiß, dass man etwas im Leben gemacht hat, was nicht ganz verkehrt war.

Sie haben vor einigen Jahren gesagt, mit der Schauspielerei kürzer treten zu wollen ...

Dafür fange ich mit dem Malen an! Das Drehen ist tatsächlich ein Auslaufmodell. Das habe ich sehr lange getan, übermäßig lange, wie ich finde. Es hat mein Leben dominiert. Und andere Talente, von denen ich finde, dass ich sie habe und die mir viel Freude machen, blieben immer außen vor. Und die fördere ich jetzt. Das ist die Musik und die Malerei, die plötzlich auch durch meinen Galeristen in den Vordergrund gerückt ist.

Spüren Sie beim Malen eine andere Art von Genugtuung als bei der Schauspielerei?

Das Schöne an der Malerei ist, dass Sie die Fesseln des Films los sind. Als Schauspieler sind Sie ein Gefangener, abhängig vom Drehbuch, vom Partner, vom Wetter, vom Regisseur und vielen anderen Dingen. Wenn der Partner einen schlechten Tag hat, hat man auch einen schlechten Tag, weil die Chemie nicht stimmt. Die Malerei ist der einzige Moment, wo ich wirklich fliege. Ich bin frei. Gelingt mir etwas nicht, übermale ich es. Und wenn es sein muss auch zehnmal, hundertmal. Diese Freiheiten genieße ich sehr. Alles, was mich bewegt und berührt, was ich in der Zeitung lese, will Wort oder Bild werden. Und mehr und mehr will es Bild werden. Also male ich. Nach dem 11. September 2001 habe ich mehrere Bilder gemalt, die gingen mir ganz leicht von der Hand und es wurde vor meinen Augen lebendig. Das sind Werke, zu denen ich heute hundertprozentig stehe.

Wie kann man sich das vorstellen, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Es ist anders. Der kreative Moment übernimmt manchmal die Führung und ist stärker als das Talent, das läuft ein bisschen hinterher. Die Striche machen ein Bild konkret, die Farben machen es abstrakt, sie haben ein Eigenleben, selbst Ölfarben verlaufen ineinander.  Der Zufall spielt dabei eine große Rolle und ist oft stärker als man selbst. Und die Farben machen auch etwas mit einem, in diesem kreativen Vorgang bekomme ich manchmal Antworten auf Fragen, die mir die Religion nicht geben kann. Ich gucke damit über den Tellerrand des Lebens.

Sie sagen die Malerei fällt Ihnen viel leichter als die Schauspielerei. Haben Sie damit vielleicht Ihre wahre Berufung gefunden?

Wird ja auch Zeit, dass ich sie finde! Früher dachte ich immer, was einem leicht fällt, kann nichts wert sein. Irgendwann habe ich erkannt, dass das verkehrt ist. Das Zeichnen fällt mir wirklich sehr leicht, ich kann sehr schnell eine Figur oder Situation erfassen. Die Schauspielerei ist durch die Abhängigkeiten viel komplizierter. Sie müssen zum Beispiel immer ein anderes Instrument spielen als ihr Partner. Wenn der Geige spielt müssen Sie Cello spielen. Ist er ganz schnell, bleiben Sie ruhig und machen die Pausen. Es muss ja eine Reibung entstehen. Nur schlechte Schauspieler versuchen so zu sein wie ihr Gegenüber. Schreiben ist wieder etwas anderes. Da müssen Sie den Bauch vergessen und den Kopf einschalten. Die Dramaturgie muss stimmen. Bei der Malerei dürfen Sie den Kopf vergessen, Sie genießen da einen gewissen Verdummungsprozess. Die Figur entsteht intuitiv auf dem Blatt oder der Leinwand, das ist wie eine Komposition. Und das ist mir ein großes Vergnügen, meistens zumindest.

Zur Malerei kamen Sie erst spät, nach einer langen Karriere als Schauspieler und auch nach der Musik.

Ich bin damit zumindest erst spät an die Öffentlichkeit, mit 70, aber es hat mich ein Leben lang begleitet. Irgendwann begann ich bei Dreharbeiten nach dem Ende einer Szene, die Seite des Drehbuchs zu bemalen. Das war für mich wie eine Art Tagebuch, ich konnte später die Bilder ansehen und mich einerseits erinnern, was passiert war und andererseits wusste ich, ob es ein guter oder schlechter Tag war. Ich finde Malen oft ehrlicher als Schreiben, weil es nicht so auf Pointen ausgerichtet ist, sondern nach Wahrheit sucht, in den Gesichter, in Gesten. Ich liebe diese einsame Arbeit sehr viel mehr als das Schauspielen.

Was sind Ihre Pläne für die nächste Zukunft?

Ich will weiter malen. Ich habe vier, fünf Ausstellungen. Auch einige Konzerte stehen an. Aber ich habe keine Absicht, Filme zu drehen, auch wenn ich gerade wieder ein Angebot hatte. Als ich abgelehnt habe, boten sie mir sogar das Doppelte an Geld an.

Aber Geld bedeutet Ihnen nichts?

Doch, das interessiert mich schon, aber nicht so sehr, dass ich darüber die Contenance verliere.

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