Fotograf Ryan McGinley

Auch ich war in Arkadien!

Nackt über den Highway rennen, Wiese und Berghügel in Sicht. Eine exhibitionistische Praktik? Ein Anfall von zivilisationskritischer Naturverbundenheit? Nur ein Häuflein junger New Yorker, die vor der Linse von Ryan McGinley ihre Post-Hippie-Sehnsucht nach einem unbeschwerten Arkadien jenseits aller Zwänge leben. Und ein mehr als passendes Covermotiv für ein Album der isländischen Romantiker von Sigur Rós. Auf seinen entrückten, farbig gedämpften Fotografien springen die schlanken Körper in verdreckte Flüsse, schweben durch Baumkronen, stellen stolz ihre Blessuren aus und führen unter dem Nachthimmel ekstatische Walpurgistänze auf. Einmal Adam und Eva vor dem Sündenfall, Sex in der Wüste wie Antonionis hübsches Studentenpaar in „Zabriskie Point". Diese ansteckende Freude an Waldertüchtigungen können wohl nur cyberspacemüde Stadtkids ausstrahlen.

Der 34-jährige McGinley fängt die Ausstiegsträume seiner Freunde seit über zehn Jahren ein. Einige von ihnen haben sich bereits ins Jenseits verabschiedet. Meistens starben sie an Drogen. Jüngere Laien und Models nahmen ihren Platz ein. Inzwischen übernimmt ein Casting Director die Vorauswahl. Das System schlug früh zu, gierig nach dem nächsten unverbrauchten Talent. Ausstellungen im Whitney Museum of American Art absolvierte der Ex-Skater, dem Larry Clark als Mentor zur Seite stand, im zarten Alter von 26 Jahren. Weitere berühmte Häuser folgten, vom Guggenheim bis zum MoMA.

Fotografie als Distanzmittel
Von Anfang an interessierte sich McGinley nur für Menschen im Stadium jugendlichen Ausnahmezustands. Die ersten Porträts entstanden noch in seinem New Yorker Appartment. Sie sind gerade noch so dreckig, um als Zeugnisse einer autodestruktiven Subkultur magisch anzuziehen. Die neuesten Aufnahmen kommen aus dem Studio und erinnern an die porentiefe schwarz-weiße Ästhetik von Hedi Slimane. Vor allem in den berühmten Roadtrip-Serien blieb er stets ein unaufdringlicher Chronist, der dem authentischen Lebensgefühl mit gezielten Inszenierungen auf die Sprünge hilft. Meistens bewegen sie sich am Rande der Illegalität, wenn die entspannten Aktstudien in freier Wildbahn durch sittlich verletzte Farmer aufzufliegen drohen.

Ein monografischer Bildband feiert jetzt das für immer junge Guerilla-Universum als zärtliche Fata Morgana. Texte von John Kelsey und Chris Kraus verorten McGinleys Werk zwischen „tagtäglicher Selbstpreisgabe“ im Netz, „cineastischer Konstruktion“ und der sorglosen Unschuld der frühen 70er. In einem langen Interview mit Regisseur Gus Van Sant gibt er Auskunft über den Fluch und Segen des frühen Ruhms: „Wenn ich nicht Bilder machen würde – weiß der Teufel, wo ich dann gelandet wäre. Durch die Kamera konnte ich immer in sicherer Entfernung zur Situation bleiben, vor allem in meinen früheren dokumentarischen Arbeiten. Das ist auch der Grund, warum ich zum Fotografieren aus der Stadt raus muss. Ich muss mich selbst und alle anderen aus unserem jeweiligen Kontext lösen, weg von den ganzen Ablenkungen und Lasten“. Also, ab ins Ferienlager. 

Ryan MicGinley „Whistle for the Wind“, 2012, Verlag Schirmer/Mosel München, 49,80 Euro

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