Christoph Keller und Mirko Borsche in Stommeln

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Das Wort ist aus der jüdischen Religionspraxis nicht wegzudenken. Von dem Polemiker Heinrich Heine, selbst Sohn eines jüdischen Kleinhändlers, stammt die Einschätzung der heiligen Schriften als sein persönliches „portatives Vaterland“ mit dem Potenzial zur lebenslangen Identitätsstiftung: „Das ist ein liebes Buch. Meine Vorfahren haben es in der ganzen Welt mit sich herumgetragen und gar viel Kummer und Unglück und Schimpf und Hass dafür erduldet oder sich gar dafür totschlagen lassen. Jedes Blatt darin hat Tränen und Blut gekostet.“

Es war also eigentlich eine Frage der Zeit, bis der Thoraschrein in der ehemaligen Synagoge Stommeln in den Mittelpunkt eines der weltweit beachteten temporären Projekte rückte. Seit 1991 lädt die Stadt Pulheim unter dem Motto „Ein Ort – ein Raum – eine Arbeit“ namhafte Künstler dazu ein, sich dem Gebäude mit einer Installation zu nähern. Zuletzt verwandelte der Franzose Daniel Buren den unscheinbaren Ort in ein leichtfüßiges Spiegelkabinett – zur Abwechslung fern jeder Gedenkgeste an die Schreckenszeit der Shoa.

Nach drei Jahren Pause gelingt jetzt erneut ein unerwarteter Ansatz. Das deutsche Duo Christoph Keller und Mirko Borsche haben ganze Arbeit geleistet, um von ihrer eigenen Person abzulenken. Der eine ist studierter Künstler, Ex-Kunstbuchverleger, Kurator und neuerdings einer der gefragtesten Schnapsbrenner der Republik, der andere ein erfolgreicher Grafikdesigner, der etwa für die Gestaltung der Magazine der "Süddeutschen Zeitung" oder der "Zeit" verantwortlich zeichnet. Statt einer Ausstellung setzen die Branchenaußenseiter nun auf die Mitmachbereitschaft der Besucher.

Betritt man den einstigen Gebetraum, sucht man zunächst vergeblich nach den Spuren einer Verwandlung, bis der Blick auf die frei stehenden Regale des Thoraschreins fällt, in dem 180 schwarze Bücher den Griffreflex herausfordern. Jeder ist dazu aufgefordert nachzugeben, ist doch die Mitnahme des „Stommelner Psalter“ Teil des radikal reduzierten Konzepts. Die Bände, deren grau gefleckter Papierrand generationsübergreifenden Gebrauch simuliert, werden täglich nachgefüllt. Die Auswahl der Texte ist auf die „Lobpreisungen“ gefallen. Sie gehören zur Basis sowohl der jüdischen als auch der christlichen Theologie.

Ihre Übersetzung aus dem Jahr 1783 geht auf Moses Mendelssohn zurück, was die oft umständliche Sprache erklärt. Seit wann der poetisch schwerfällige Duktus wohl auch schon bei der jüdischen Gemeinde in Stommeln für Stirnrunzeln sorgte? Ob die Buchdeckel damals wirklich so minimalistisch daherkamen? Fragen wie diese drängen sich beim Blättern auf, und unversehens gerät der eigene Denkapparat zum Austragungsort des Kunstwerks. Ein Film läuft ab über eine Zeit, als Synagogen in einem noch so kleinen Vorort wie Stommeln fast so etwas wie Normalität ausmachten.

Psalmhinweise in römischen Zahlen werfen auf manch einer der leer belassenen Seiten Rätsel auf. Der Griff zum Alten Testament steht zu Hause an. Wikipedia hilft da kaum weiter. Unter welchem Bücherstapel war die alte Schulbibel noch mal verschwunden? Schon stellt sich Entschleunigung und Einhalten ein, bei einem gewollt mühsam zu konsumierbaren Mitbringsel, das zur Recherche animiert und den Wert der gemeinsamen kulturellen Wurzeln mit einfachsten haptischen Mitteln ins Gedächtnis ruft.

"Stommelner Psalter", Synagoge Stommeln, Pulheim, bis 15. September

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