Luc Tuymans kuratiert in Dresden

Alte Meister von neuen geliebt

ANZEIGE

John Constable „ Blick von East Bergholt auf Deadham Vale“
„Ich weiß nicht, ob Constable wirklich an jener Stelle gemalt hat. Aber es sieht in diesem Gemälde aus, als ob die Natur lebendig sei, ganz anders als bei Caspar David Friedrich. Da ist eine ungeheure Fülle, das spürt man auch daran, wie der Himmel gemalt ist. Ein grandioses Bild. Bei Constable hat sich die Landschaft verselbstständigt.“

Caspar David Friedrich „Gebüsch im Schnee“
„Was mich an Caspar David Friedrich interessiert, ist, dass seine Bilder nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar sind. Er war ein unglaublich mentaler Künstler. Alles ist sehr durchdacht, stilisiert, ohne Wert auf Details zu legen. Damals wurde er wegen dieser vermeintlichen Unvollständigkeit kritisiert. Dabei könnte ein kleiner Friedrich viele großformatige Bilder regelrecht vernichten! So fokussiert und spezifisch ausgearbeitet sind seine Werke. Obwohl er für einen romantischen Maler gehalten wird, ist er für mich der am wenigsten romantische Maler.“

Francisco de Goya „Maria Josepha von Bourbon und Sachsen, Infantin von Spanien“
„Das Gemälde kommt aus dem Prado, ich habe es im Original noch nicht gesehen und bin sehr gespannt darauf. Es ist eine Vorstudie zu dem großen Porträt der Familie von Karl  IV. Ein unerbittliches Abbild einer alten Dame aus dem Königshaus. Das ist so was von hart und brutal, eine fast gewalttätige Stellungnahme. Kompromisslos, präzise, direkt. Und malerisch sehr modern. Eine frontale Erfahrung, die mich schockiert hat.“

Eugène Delacroix „Verwundeter Räuber“
„Dieses Bild ist nicht besonders groß, es hat fast etwas Objekthaftes. Das Interessante daran ist, dass es ein Bild der Zerstreuung ist, es hat auch eine gewisse Beziehung zu einigen Goya-Werken. Was Delacroix, Goya, Constable und Friedrich verbindet, ist eine Romantisierung des Geschehens oder auch der Existenz. Damit meine ich durchaus ein gewisses Pathos. Die Ausstellung heißt ja ‚Die Erschütterung der Sinne‘ – in dieser Hinsicht passt es perfekt.“

Max Liebermann „Blumenterrasse in Wannsee“
„Was mich an diesem Gemälde fasziniert hat, als ich es das erste Mal gesehen habe in dem Museum in Houston, Texas, war, dass es im Grunde genommen ein abstrahiertes Bild ist. Es handelt sich um ein relativ spätes Werk von Liebermann, einem Künstler, der sich damals positionieren musste. Er ist glücklicherweise vor den ganzen Greueltaten gestorben, aber von ihm kommt auch der Satz von 1933, er könne gar nicht so viel essen wie er kotzen möchte. Man spürt am Ende in Liebermann eine Erbitterung, die sich durchzieht. In diesem Garten, der eigentlich idyllisch aussieht, spürt man förmlich, dass einer entschwindet. Es ist seine direkte Umgebung, vermeintlich sicheres Terrain, aber gleichzeitig ist eine fundamentale Verunsicherung zu spüren. Das deutet sich ganz modern an in einer bestimmten Form von Abstraktion.“

Der Belgier Luc Tuymans wurde 1958 geboren und lebt in Antwerpen.
Die von Tuymans kuratierte Ausstellung: „Constable, Delacroix, Friedrich, Goya – Die Erschütterung der Sinne“, im Albertinum, Dresden, läuft vom 16. März bis 14. Juli

Drucken

Weitere Artikel aus Interpol