DC Open 2013

Offen für Neues

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Los geht’s in Düsseldorf, mitten in der Altstadt. In der Poststraße 2 und 3 liegen gleich vier Galerien – und bieten viele Eindrücke auf engem Raum. Zum Beispiel die TZR Galerie Kai Brückner. Sie präsentiert eine frische Werkreihe von Pascal Dombris (*1965). Der Pariser erzeugt seine Bilder oft auf Grundlage von Computeralgorithmen – und hat offensichtlich großen Spaß daran, den Betrachter an die Grenzen seines Sehvermögens zu führen. Für seine „Digital Mirrors“ hat er großformatige Drucke dünner Barcode-Muster mit einer Schicht feiner Glasröhrchen überzogen, die eine Art Vexiereffekt erzeugen. Das fesselnde Ergebnis: Mit jeder noch so kleinen Kopfbewegung wandern die Farben und verändert die Fläche ihr kaum fassbares Muster. So schön war visuelle Überforderung selten. Die schillernden Bilder sind übrigens auch gerade auf der Biennale in Venedig zu sehen – als Teil des Ausstellungsprojektes „Noise“.

Nur einen Treppenabsatz entfernt: Die Galerie Rupert Pfab. Sie stellte auf der DC Open ihre neueste Künstlerin vor: Lucile Desamory (*1977). Die gebürtige Brüsselerin interessiert sich für alles Unerklärliche und Unheimliche. Ihre filigranen Papiercollagen scheinen oft religiöse Motive aufzugreifen: Eine nackte Frau in einem  ornamentalen Pflanzendschungel. Rauch, der eine Treppe wie eine Himmelsleiter emporsteigt. Oder zwei Augen, von Schlangen umrahmt wie ein Medusenhaupt. Auch ihre Installationen geben sich rätselhaft: Ein bestickter Jute-Vorhang etwa, der nichts verbirgt als eine Galeriewand. Oder ein Schmuckkästchen, das einen Stecknadelkopf präsentiert. Videos macht das Multitalent übrigens auch noch, und zwar ziemlich erfolgreich: Unter anderem waren Desmorys Filme bereits in der Tate London und der Kunsthalle Zürich zu sehen. Beinahe mystisch.

Gleich um die Ecke: Die Galerie Sies + Höke. Sie lotet mit zwei Ausstellungen Gattungs- und Materialgrenzen aus. „The Digital Divide“, kuratiert von dem Berliner Künstler Henning Strassburger, erkundet die Übergänge und Gemeinsamkeiten zwischen analoger und digitaler Malerei. „Fugit Amor“ zeigt Metallskulpturen von Thomas Kiesewetter, welche der gebürtige Kasseler nach der Vorlage von kleinen Papiermodellen konstruiert. Deutlich sichtbare Schweißkanten, Nahtstellen und abgeplatzte Farbe dokumentieren den Kraftaufwand, der für die bunten Origami-Denkmäler nötig ist.

Weniger schick, aber ebenso spannend: das Capri, ein neuer Off-Raum der Galerie im bahnhofsnahem Stadtteil Wehrhahn. In einem geräumten Ladenlokal präsentieren Sies + Höke hier seit Anfang des Jahres Künstler, die nicht bei ihnen unter Vertrag stehen. Aktuell: Kitty Kraus (*1976), die  bereits für den Preis der Nationalgalerie nominiert war. Sie lässt in dem leeren Geschäftsraum den Griff eines LIDL-Einkaufswagens wie einen Propeller um sich selbst kreisen. Kurator ist übrigens Moritz Wesseler, der gerade zum Leiter des Kölnischen Kunstvereins ernannt wurde (hier im Interview).  

Auf nach Köln! Und zwar ins Belgische Viertel. In der Brüsseler Straße präsentiert die Galerie Clages „Regen“ – eine zauberhafte Installation von Claus Richter (*1971). Der Kölner Künstler liebt es, aus Karton, Sperrholz und Pappmaché phantastische Welten  nachzubasteln. Zum Beispiel eine viktorianische Gasse, die bonbonfarbene Häuserzeile aus einem Kinderfilm - oder einen Indiana-Jones-Tunnel. In Lebensgröße. Für die kleinere Galerie hat er es gewiss nicht ganz so riesig angehen lassen – und sich stattdessen den Wurzeln seiner Künstler-Karriere gewidmet: dem Basteln an Regentagen als Kind. Aus pastellig lackiertem Sperrholz hat er Illustrationen aus historischen Kinderbüchern nachgesägt - und in sechs Setzkästen an den Wänden drapiert. Der siebte Tag ist noch in der Mache: Auf einem Tisch liegen eine Sperrholz-Schere und bunte Holz-Reste.

Deutlich minimalistischer: Die Serie „308 g/m“ von Johanna von Monkiewitsch (*1979), zu sehen bei Chaplini. Mit einer analogen Kamera hat sie verschiedene monochrome Papiersorten abgelichtet: Leicht geknickte Briefbögen etwa oder die zerknitterte schwarze Doppelseite eines Zeitungsmagazins. Die entwickelten Fotos hängt sie jedoch nicht einfach an die Wand – sondern biegt und knickt das Papier genau an den Stellen, an denen es die Fotografie suggeriert. Eine Gratwanderung zwischen Bild und Skulptur – und für den Betrachter ein spannendes Ratespiel: Ist der Knick fotografiert, real oder beides? Ein bemerkenswertes Projekt für eine erst zweieinhalb Jahre alte Galerie, die in diesem Jahr zum ersten Mal an der DC Open teilgenommen hat.

Die Ausstellung in der Galerie Susanne Zander hätte sich sicher auch auf der Biennale gut gemacht. „Heim der Liebe und der Sünde“ zeigt Arbeiten des Outsider-Künstlers Martin Erhardt, eines oberbayerischen Bergmanns. Viel ist heute nicht mehr über ihn bekannt,  nur dass er in den 70er-Jahren viele Nachtschichten unter Tage verbrachte, gerne Gummistiefel trug und weder Frau noch Kinder hatte. Dafür zeichnete er etliche Baupläne für eigenwillige Räume unter Tage: Zum Beispiel zur „Ausübung von Sexualitäten aller Arten nach Wunsch und Trieblust“. Oder „für Nachholung Sport, Übung und Kunst sowie zum Schauvergnügen mit sündhafter Genießbarkeit“. Arnulf Rainer sammelt die Arbeiten bereits.
 
Denn die Verkaufsstimmung auf der DC Open schien gut: „Das Schöne am Rheinland ist, dass die Sammler hier extrem aufgeschlossen sind“, so lautete am Samstagabend, beim Empfang der Langen Foundation in Neuss, etwa das erste Fazit von Moritz Willborn. Er ist mit seiner Galerie erst vor kurzem von Karlsruhe nach Düsseldorf gezogen. Und bereut das kein bisschen: „Süddeutsche Sammler sind eher konservativ und setzen stärker auf arriviertere Künstler wie Jonathan Meese. Die Rheinländer sind auch offen für ganz Neues.“

Die meisten der genannten Ausstellungen sind noch bis Oktober oder November zu sehen

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