Sechs Fragen an Dave Hickey

"Gagosian ist nicht meine Schuld"

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Der amerikanische Essayist Dave Hickey pries vor genau 20 Jahren in seinem Buch "The Invisible Dragon" den Wert der Schönheit – und erntete Hass. Heute triumphiert dekorative Kunst von Koons & Co. – hat sich das Blatt gewendet?

Herr Hickey, als Ihr Essay "The Invisible Dragon" erschien, dominierte konzeptuelle, politische und theorielastige Kunst. Die Whitney-Biennale von 1993 behandelte Kunst, "als ob Vergnügen eine Sünde wäre", wie Kritiker Michael Kimmelman schrieb. Sie behaupteten, dass "schöne Arbeiten ohne Tugend überlebten, aber tugendhafte nicht ohne Schönheit".
Das eigentliche Problem hat mit Verwechslung von Stil und Wirkung zu tun. Ein ähnlicher Irrtum wäre die Annahme, dass gefakte naive Malerei wirklich naiv, kindlich und dumm ist. Die meisten dieser Essays wurden während der Kontroverse um Mapplethorpe geschrieben …

… damals wurde diskutiert, ob Bilder, die in Cincinnati ausgestellt wurden, obszön seien. Der Direktor des Ausstellungshauses musste sich vor Gericht verantworten.
Und ich habe lediglich auf das verwiesen, was wirklich da war. Der Reichsparteitag auf dem Nürnberger Zeppelinfeld war schön. War er böse, weil er schön war? Roberts Fotos sind schön. Sind sie aufgrund ihrer Schönheit gut oder böse? An Schönheit denke ich zum Beispiel, wenn Richard Serra die ideale Reaktion auf seine Kunst als "präkognitiv" und kinästhetisch beschreibt, also eine Reaktion, die sich fernab jeglicher moralischer Empfindungen in der subkortikalen Region des Gehirns abspielt. Stil mit irgendeiner Form von Moral in Verbindung zu bringen ist dumm. Ich weiß noch, wie ich mit meinem Freund Peter Schjeldahl in einem Programmkino Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" sah. Nachdem der Film ungefähr 15 Minuten lief, sah mich Peter an und sagte: "Diese Typen werden wir kaum schlagen können, oder?" Wir lachten beide. Der Film war großartig, aber was heißt das schon?

In "Invisible Dragon" behaupteten Sie: "Wir erkennen Schönheit, wenn wir sie sehen." Können Sie Schönheit näher beschreiben?
Ich paraphrasierte lediglich US-Verfassungsrichter Felix Frankfurter, der sagte: "Wir erkennen Pornografie, wenn wir sie sehen." Das heißt, wenn man einen Steifen kriegt, könnte es Pornografie sein. Ich kann Schönheit nicht beschreiben, denn sie ist persönlich, ein Echo dessen, was man ist oder was man will. Wenn Schönheit wie bei Warhol eine große Anhängerschaft aus Bewunderern hervorbringt, wird sie zum politischen Mittel. Schwulenehe? Danke, Andy. Wir reden hier also nicht über Schönheit als Konzept. Wir reden über Politik. Wie viele Leute finden etwas schön, um wen handelt es sich dabei, und wie wirkt sich dies auf ihre Entscheidungsfindung aus? An diesem Punkt überschneiden sich Kunst und Politik.

Welche Reaktionen haben Sie mit Ihren Essays hervorgerufen?
Ich wurde das Ziel einer Feindseligkeit, die völlig unerwartet kam und auch noch nicht vorbei ist. Es gab keine positiven Kritiken und keine Reaktionen von Intellektuellen. In Cranbrook saßen in den ersten zwei Reihen des Hörsaals Mädchen, die während der ganzen Vorlesung "Schwein, Schwein, Schwein" skandierten. Bei drei Anlässen verließen ganze Fachbereiche meine Veranstaltung. Und jetzt wollen sie mir noch die Sache mit Larry Gagosian in die Schuhe schieben, dabei können Sie mir glauben: Das ist nun wirklich nicht mein Fehler.

Jedoch hat sich die Kunstwelt heute völlig gewandelt: Einige Celebritys wie Damien Hirst, Jeff Koons oder Takashi Murakami dominieren den Markt mit riesigen, überwältigenden und glänzenden Kunstwerken. Hatten Sie diese Art von Schönheit im Kopf?
Ich hatte meinen Freund Robert Mapplethorpe im Sinn, Schönheit im dunklen Grenzbereich. Ich habe mich jedoch kürzlich aus der Kunstwelt zurückgezogen, sie ist keine Kunstwelt mehr. Wenn vier Kunsthändler das große Geld unter sich verteilen und unterschiedslos 30 Künstler in der ganzen Welt verkaufen, ohne Investitionen in Ästhetik oder Exklusivität, dann sind diese Galerien keine Galerien; es sind Investmentbanken.

Ist nicht die Sehnsucht nach Schönheit schuld an der Gleichförmigkeit kultureller Produkte und der Verwandlung der Kunst in ein Mainstreamgeschäft?
Die Kunst ist schon seit Watteau ein Mainstreamgeschäft. Einen kurzen Moment spielte sie sich im Untergrund ab, aber als es eine von den Investmentbanken begehrte Ware wurde, stieg ich aus. Schönheit trägt vielleicht auch die Schuld an Marilyn Monroes Selbstmord, aber die Kunstwelt braucht keine Schönheit, um sich selbst zu erledigen. Sie verfügt über genügend Gier, Dummheit, Comics und Filmstars. Gary Kornblau und ich haben in seinem Gästezimmer in den Hügeln von Hollywood dieses kleine Buch, "Invisible Dragon", in einer Auflage von 500 zusammengeschustert. Was mit dem Buch passierte, nachdem wir es veröffentlicht hatten, ist nicht mein Problem. Ich werde weiterhin für Geld schreiben und mich amüsieren, während ich akademische Schleimer verarsche. Ganz im Ernst. Es ist nun eure Welt. Seht zu, dass ihr die Sache um Himmels willen in den Griff kriegt.

Dave Hickey: „The Invisible Dragon“. Auf Englisch. University of Chicago Press (erweiterte Neuauflage 2012), 123 Seiten, 11,99 Euro

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