Diedrich Diederichsen über "The Whole Earth"

"Der kalifornische Universalismus kann den Ort Kalifornien nicht ausblenden"

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Die Ausstellung „The Whole Earth – Kalifornien und das Verschwinden des Außen“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) beschäftigt sich mit dem Bild vom Blauen Planeten – ein Bild, das es 1968 erstmals zu sehen gab und bald die Cover einer ganz besonderen Publikation schmückte. Der „Whole Earth Catalogue“, herausgegeben von Stewart Brand erschien von 1968 bis 1974. In dem Kompendium bündelten sich Ideen und Konzepte zum „System Erde“ und zur Ökologiebewegung. Die Ausstellung nimmt mit Kalifornien die last frontier der westlichen Welt ins Visier, wo im 20. Jahrhundert die Welle der Expansion an der „Mauer des Pazifik“ (Lyotard) bricht und zurückschwappt – in psychedelische Innenwelten, Phantasien von globaler Verständigung, kybernetischer Kontrolle und der Erlösung durch Technologie. Die Schau ist Bestandteil des zweijährigen Anthropozän-Projekts am HKW. Kuratiert wurde sie von Anselm Franke und Diedrich Diederichsen. Monopol traf den Publizisten und Ästehtikprofessor Diederichsen zum Gespräch

Herr Diederichsen, warum beschäftigt Sie gerade Kalifornien? Bei „The Whole Earth“ hat man den Globus vor Augen, muss man dann nicht auch eine globale Perspektive einnehmen?
Eine Ausstellung über die Welt aus der Perspektive der Welt wird irgendwann sehr unspezifisch [lacht]. Es gibt eine spezifisch kalifornische Kulturgeschichte, das ist auch keine Entdeckung von Anselm Franke und mir. Es geht um die Verlängerung dieser kalifornischen Kulturgeschichte beziehungsweise Ideologie wie sie in den späten 70ern und frühen 80ern auch so benannt worden ist unter den Bedingungen von Internetkultur und digitaler Welt. Jeder Universalismus wird dort brüchig, wo er seinen spezifischen Ort ausblendet. Der kalifornische Universalismus kann den Ort Kalifornien nicht ausblenden. Wir reden hier nicht vom Universalismus Hollywoods, den es auch gibt, sondern von der Gegenkultur und ihrer merkwüdigen Allianz mit Holismen und den Regelungsphantasien der Kybernetik. Um diese zwischen San Francisco und Silicon Valley beheimatete Kultur Kaliforniens geht es uns.

Der Whole Earth Catalogue als Publikation, wie sie von 1968 bis 1974 erschien, bildet das Rückgrat der Ausstellung.
Der Whole Earth-Katalog und was ihn hervorgebracht hat, ja. Der Herausgeber Steward Brand ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern stand in Kontakt etwa mit Ramon Sender vom San Francisco Tape Music Center, an dem sich wiederum Grateful-Dead-Mitglieder wie Phil Lesh und Tom Constanten herumtrieben. Um diese Konstellation hat er 1966 bereits das Trips-Festival organisiert. Brand war also schon als Aktivist im Hippie-San-Francisco tätig, bevor es den Whole Earth Catalogue gab. Dieses ganze Milieu bildet ein Element der Ausstellung. Das andere ist dieses Bild.

Das Bild vom blauen Planeten Erde ist zentral und taucht immer wieder auf, aber da ist noch ein anderes, das eine wichtige Rolle zu spielen scheint: der Atompilz.
Das Bild vom Atompilz, die Einführung des Genres globales Bild überhaupt. Er wird verwendet als Bild für die Vernichtung der Welt. Unsere These ist, dass der Atompilz Auschwitz verdeckt, das nicht vorhandene Bild von Auschwitz als der großen Infragestellung der Zivilisation. Er ist sozusagen die Überschrift des Kalten Krieges als der Epoche, die die Katastrophen des Zweiten Weltkriegs beerbt hat. Dieses Bild wird dann um 1970 vom Bild des blauen Planeten überschrieben.

Der Whole Earth-Katalog ist als solcher erstaunlich praktisch: Wie baue ich einen Kamin, wie funktioniert Solartechnik, wie kommuniziere ich besser ... Kann man darin einen Vorläufer des Internet sehen mit seinen Tutorials, Manuals, Wikis und ähnlichem?
Dieser Internetpositivismus, dass man im Grunde genommen nur Wissen zugänglich machen muss und sich die Dinge dann von selbst erledigen, alles sich von selbst löst, das ist eine zentrale Idee von Brand und dem Whole Earth Catalogues, ja. Eine Idee, die davon ausgeht, dass sie nicht ideologisch ist, sondern praktisch. Das ist genau der Punkt.

Die Gleichzeitigkeit von Technologiebejahung und ökologischem Denken in diesem Umfeld fällt besonders auf. Ist das nicht ein Widerspruch?
Traditionell, speziell von einer deutschen Perspektive aus, ist es ja so, dass alle Bemühungen um die Natur und ihre Rettung technologiefeindlich sind. Und wenn diese Bemühungen sich auch noch mit einer Hipnesskultur verbinden wie in den späten 60er-Jahren, dann wird diese Romantik auch noch bewaffnet. Die sehr spezielle, von wenigen Leuten betriebene Versöhnung dieses Gegensatzes ist ein kalifornisches Spezifikum, das hat es anderswo so nicht gegeben. Anderswo war man entweder fortschrittsoptimistisch, wie es die gesamte Kultur des Kalten Krieges war, oder man war eben pessimistisch bis kritisch. Es gibt da zum Beispiel schon 1972 einen Artikel im "Rolling Stone", in dem Stewart Brand die frühen Computerfreaks als die neue, coole Gegenkultur beschreibt. Es gab damals noch andere Bewegungen, die aus so einer technischen Subversionsidee hervorgegangen sind. Zum Beispiel die Phone Pirates of America, die die Signale des tonbasierten amerikanischen Telefonsystems imitiert und dadurch umsonst telefoniert haben und als Vorläufer der Hackerkultur gelten. Das ist der Moment, wo es kippt, zwischen 1972 und 1976 ging es los.

Auch Steve Jobs war ursprünglich mal Hippie.
Da gibt es einige Leute. Die genaue kulturelle Biografie von Steve Jobs in dem Punkt weiß ich jetzt nicht, aber er war ein Fan von Stewart Brand. Das ist bekannt.

Heute ist Stewart Brand Vorsitzender von „The Long Now“, einem Projekt, das sich mit extrem langfristigen Entwicklungen der Menschheit befasst und etwa eine Uhr bauen lässt, die 10.000 Jahre geht.
Die Romantik der Naturbewahrer wurde damals einfach kassiert von der Stewart Brand-Fraktion. Das Erhabene, das Unüberblickbare, das zur Romantik gehört, kommt dann aber in der Planung des Unplanbaren wieder zurück. Das finde ich einen merkwürdigen Punkt. Durch das Bild der Erde wird etwas anschaulich, was vorher schon bekannt war. Dass wir auf einem Planeten leben, der begrenzt ist, ist ja keine neue Information. Aber durch dieses Anschaulichwerden wird diese Information, die mit Kant gesprochen eher zum mathematischen Erhabenen gehört, also etwas Unvorstellbares, das wir aber mit Vernunft beherrschen können, zu etwas, was Kant zum dynamischen Erhabenen rechnen würde: zu einem Sinneseindruck des Unvorstellbaren. Der ist leichter verarbeitbar und geht ein in die Position oder das Lebensgefühl, so dass Brand daraus eine Hipsterposition machen kann. Hipster sind erlebnisorientiert. Brand bekommt eine erlebnisorientierte Vorstellung von Technologie hin. Technologie wird zum Erlebnis. Die kalifornische Esoterik der 70er-Jahre mit ihren asiatischen Anleihen ratifiziert quasi die Kybernetik der 50er auf der affektiven und weltanschaulichen Ebene.

Damit wären wir wieder bei Steve Jobs.
Ja, klar. Das ist dann die marktfähige Version davon. Aber das war auch später.

"The Whole Earth - Kalifornien und das Verschwinden des Außen", Haus der Kulturen der Welt Berlin, bis 1. Juli 2013, Konferenz: 21. - 22.6.2013

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