Egill Sæbjörnsson im Künstlerhaus Bremen

Bubb und Poop und wie sie alle heißen

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Sie sind klein und dick. Oder groß und schlank. Sie haben hässliche Zahnlücken oder attraktive rote Lippen. Einer hat zusammengewachsene Augenbrauen. Ein anderer tief hängende Tränensäcke. Manche sind schüchtern und wortkarg, andere wiederum großkotzig und dominant. Wenn sie reden, dann beschimpfen sie sich oder sie flirten miteinander. Sie träumen von der Zukunft oder verklären die Vergangenheit. Mit all ihren äußeren Merkmalen, ihren Launen und Macken erinnern sie an die menschliche Gesellschaft.

Projektionsflächen für animierte Gesichter

Mehr als ein Dutzend große Steine ganz unterschiedlicher Form hat der in Berlin und Reykjavik lebende isländische Künstler und Musiker Egill Sæbjörnsson, Jahrgang 1973, im vollkommen abgedunkelten Ausstellungsraum des Künstlerhauses Bremen aufgestellt. Wer ihn betritt, befindet sich vom ersten Moment an inmitten einer fesselnden 28-minütigen Inszenierung aus Licht, Sound und bewegten Bildern. Die grauen, teils von Moosen und Flechten bewachsenen Oberflächen der Steine benutzt Sæbjörnsson als Projektionsflächen für animierte Gesichter.

Den mal zu kleinen Gruppen oder Familien versammelten, mal einzeln platzierten Felsen haucht er durch markante Gesichtszüge und unterschiedlichste Tonlagen Charakter und Individualität ein. Aber egal, ob der sentimentale Feuerstein Joris oder Rosalinde, der von ihm angehimmelte Vamp mit Leopardenmuster, der zwiespältige Twohead oder der grübelnde Big Stone: Am Ende ist es immer der Künstler, der mit viel Schminke und verstellter Stimme alle Rollen selbst übernommen hat.  Für den Sound allerdings holte Sæbjörnsson, der selbst einige CDs veröffentlicht hat, noch den befreundeten Komponisten Jeremy Woodruff  mit ins Boot.

Das Ende der Illusion
Sæbjörnssons loopartige Inszenierung trägt den Titel „The Egg or the Hen, Us or Them“. Und sie bietet all das, was routinierte, vom Ausstellungsbetrieb oft gelangweilte Besucher so häufig vermissen: künstlerische Innovation, technische Perfektion, Originalität, Humor und Tiefgang. Sæbjörnsson verwickelt seine steinernen Protagonisten in ebenso feinsinnige wie komische Dialoge. Da geht es um Schönheit und Machtverhältnisse, Lebensangst, das Universum, Ewigkeit und Endlichkeit oder aber ganz profane Bedürfnisse. Krumpuhólkur, ein liegender Stein gleich am Eingang, fleht den Ausstellungsbesucher an, ihn doch bitte wieder aufzurichten, schließlich sei er vor 3000 Jahren versehentlich umgefallen.

Am Ende, nachdem die Steine eine Coverversion des Paul-Young-Klassikers „Come Back and Stay“ gesungen haben, wird alles in gleißendes Licht getaucht, und der Betrachter muss erkennen, dass Bubb und Poop und wie sie alle heißen noch nicht mal echte Steine sind sondern bloß fragile Pappmaché-Kameraden auf Gestellen aus Kaninchendraht. Mit diesem anti-illusionistischen Paukenschlag entlässt Egill Sæbjörnsson den Besucher in den verregneten Bremer Sommer. Der halbstündige Aufenthalt in dieser Ausstellung voller irrlichternder Steinwesen und feinsinniger Überraschungen gefällt dem Publikum ganz offenbar. Selten hat man in einem Besucherbuch so viele positive Kommentare gelesen.

Künstlerhaus Bremen, bis 9. Oktober 2011

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