"Kino der Kunst" in München

Erzähl mir doch mal was Neues

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Narration ist Trumpf beim Münchener Festival "Kino der Kunst" und den flankierenden Ausstellungen

Alle reden über das Softsexfilmchen "Fifty Shades of Grey". Wir auch, vor allem aber über dessen Regisseurin Sam Taylor-Johnson. Warum? Als Sam Taylor-Wood zählte sie zu den zentralen Köpfen der Young British Artist ab den 90er-Jahren. Und wie stark die Künstlerin einmal von prekären Paarbeziehungen erzählen konnte, zeigt ihre Drei-Kanal-Videoinstallation "Atlantic", die als Dauerschleife zurzeit in der Münchener Pinakothek der Moderne läuft.

Die mittlere Leinwand zeigt einen bevölkerten Speisesaal in der Totale. An einem Tisch im Mittelgrund ist das Paar auszumachen, das auf den übereck am zentralen Bild angrenzenden Screens in Großaufnahme zu sehen ist: links das in Tränen aufgelöste Gesicht der Frau, rechts die nervösen, an einer gelöschten Zigarette im Ascher herumfingernden Hände des Mannes. Dazwischen ein Menschenmeer. Man hört nur Wortfetzen. Ein ungelöster Konflikt? Eine Trennung? In der knapp vierminütigen Etüde über Sprachlosigkeit steckt mehr Beziehungsdrama als in der öden "Fifty Shades"-Romanverfilmung.

Um Taylor-Woods’ Werk herum gruppiert sich in der Pinakothek eine Reihe weiterer starker Arbeiten, die zum überwiegenden Teil aus der Sammlung Goetz stammen. Omer Fast, Pierre Huyghe, Sven Johne, Jesper Just seien hier genannt, sie alle setzen sich mit fiktionalem Erzählen (statt mit dokumentarischen Formen) auseinander. Erzählkino in der Kunst ist nicht nur Gegenstand der vierteiligen Schau "Creating Realities" (ab 16. April wird sie um "Kapitel 3" am selben Ort und Camille Henrots "Grosse Fatigue" im Museum Brandhorst ergänzt), sondern auch des Künstlerfilmfestivals „Kino der Kunst“. Anders gesagt: Das genannte Ausstellungspaket und weitere Präsentationen in Münchner Galerien flankieren das Festival, für das der Leiter Heinz Peter Schwerfel brandneue Filme in den internationalen Wettbewerb geholt hat.

Rund 50 Filme konkurrieren um die zwei mit jeweils 10 000 Euro dotierten Hauptpreise, darunter der Nachwuchspreis für Künstler unter 35. Weiter gibt es eine Trophäe (und 10 000 Euro) für ein "filmisches Gesamtwerk"; beim ersten "Kino der Kunst"-Festival 2013 bekam den von Louis Vuitton gestifteten Preis Wael Shawky, in diesem Jahr wird Cory Arcangel damit ausgezeichnet. Mit einem zusätzlichen Publikumspreis und einem Projektpreis ist ein Gesamtposten von 45 000 Euro erreicht.

"Narrative Strategien sind kennzeichnend für den heutigen Künstlerfilm", sagt Leiter Schwerfel, "aber das ist überhaupt ein Zug der Zeit, selbst die Werbung kommt ja nicht ohne das Geschichtenerzählen aus." Apropos Reklame: Keren Cytters Soap-Opera-Persiflage "Vengeance" besteht aus sieben 15-minütigen Beziehungsdramen. Künstler halten sich ungern an Standardzeiten: Der kürzeste Wettbewerbsbeitrag stammt von John Stezaker und wird mit anderer Kurzware zu einem 90-Minuten-Programm zusammengefasst. In "Blind" zeigt Stezaker eine Abfolge von Filmstills, die jeweils nur eine Vierundzwanzigstelsekunde stehen bleiben. Die 18 Sekunden Gesamtfilm werden zu einem Loop von zehn Minuten gestreckt. Am anderen Ende der Zeitskala liegt Alexandre Singhs bereits bekannter, knapp dreistündiger Film "The Humans", der läuft allerdings in München außer Konkurrenz.

Weltpremieren mit Preischance sind Filme von Bjørn Melhus und Shirin Neshat, dazu stellen sich Phil Collins, Larry Clark (der auch nach München kommt) und Agnieszka Kurant ("The Cutaways" mit Charlotte Rampling) mit Deutschlandpremieren der Jury. Den Vorsitz hat Ingvild Goetz, Jurymitglied Hans-Ulrich Obrist wird sich in einem Publikumsgespräch mit "Kino der Kunst"-Gast Ed Atkins unterhalten.

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