Kunst am Bau für den Berliner Flughafen

Weiß der Himmel

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Teppichreinigung ist das Mindeste. Pae Whites “Magic Carpet” hängt seit einem Jahr in der Check-in-Halle des neuen Berliner Flughafens. „Inzwischen müsste er extrem dreckig sein“, sagt die Künstlerin. Von Wartungs- oder Schutzmaßnahmen des großen roten, in der Halle schwebenden Metallgewebes weiß Pae White auch nichts zu berichten. Alles wird getan, damit die Maschinen endlich vom Flughafen BER abheben können. Da bleibt wenig Zeit, sich um die Kunst-am-Bau-Projekte zu kümmern.

Erinnern wir uns: Nach einigen Turbulenzen im Auswahlverfahren waren die sechs Werke pünktlich zur geplanten Eröffnung am 3. Juni 2012 fertig. Doch bis heute wurde der Flughafen nicht in Betrieb genommen. Das Chaos könnte bis 2015 andauern. Pae Whites roter Teppich schwebt, Olaf Nicolais Riesenleuchtperlenkette „Gadget“ ist längst um eine der Fluggastbrücken geschlungen, aber die Künstler hängen in der Luft. „Ich bin sehr frustriert“, das ist alles, was Takehito Koganezawa zum Status Quo seiner blau-weißen Lichtbox anmerken will, die der Fluggast nach den Sicherheitskontrollen passieren soll.

Die Verzögerung schafft ein ganzes Bündel von Problemen für die Kunst am Bau. Zum Beispiel kann sich ein Kunstwerk nur dann entfalten, wenn es auch von der Öffentlichkeit betrachtet werden kann (konzeptualistische Ausnahmen bestätigen die Regel). Insofern hat auch Matt Mullican nichts davon, dass die Zeit den Motiven mit Bezug auf das Fliegen, den Himmel und die Kosmologie nichts anhaben kann, die mit Sandstrahltechnik in einigen Treppenaufgängen angebracht wurden.

Was den Fortbestand der Arbeit angeht, muss sich das Duo STOEBO schon größere Sorgen um ihren „Sterntalerhimmel“ machen. Cisca Bogman und Oliver Störmer haben lauter Münzen (mit Flug- oder Reisemotiven) aus verschiedenen Ländern in zwei Bodenflächen eingelassen. „Ein Krügerrand und eine Silbermünze sind immerhin dabei“, erzählt Störmer. Im normalen, gut kontrollierten Flughafenbetrieb würde niemand das Geld aus den Fliesen herausmeißeln. Auf einer Baustelle sei das schon anders, sagt Störmer, der auch beobachtet hat, dass einige Fliesenflächen schon freiliegen. „Offenbar haben die Handwerker die Abdeckplatten aus Holz für etwas anderes gebraucht“. Um eine etwaige ideelle Halbwertszeit des „Sterntalerhimmels“ brauchen sich die Künstler aber nicht zu sorgen. „Durch das Flughafendrama hat das Thema Münzen schon jetzt eine weitere Bedeutung bekommen“, sagt Störmer, „alle reden davon, dass mit dem Flughafenprojekt ein Haufen Geld im Märkischen Sand vergraben wurde. Nun reflektiert unsere Arbeit auch das.“

Dagegen macht sich Bjørn Melhus große Sorgen um den Bedeutungsverlust seines „Gate X“-Projektes. Die Arbeit ist nur über Laptop, Smartphone oder Tablet-PC sichtbar. Die neuartige Software seines Projekts lässt rätselhafte Flughafenbewohner auf den Displays der Kommunikationsgeräte erscheinen. Die Story: Eine Familie, die aussieht, als sei sie einem Flugzeug-Sicherheitsvideo entsprungen, hängt im Transitraum zwischen Security-Check und Gate fest, wie einst Tom Hanks im Film „Terminal“. Wie diese Unglücklichen ist auch Melhus zur Aktivität auf begrenztem Spielraum verdammt. Denn damit seine Akteure nicht ganz von den Bildschirmen verschwinden, muss die Software ein- bis zweimal im Jahr an die rasante Entwicklung der Empfangsgeräte angepasst werden. Für zwei Jahre haben sich Melhus und Co. zur Nachwartung verpflichtet, danach wird wieder Geld gebraucht. Der Künstler hofft, dass der Enthusiasmus der Verantwortlichen weiter anhält. In der Verbindung von Technologie und künstlerischem Konzept ist Melhus und seinen Unterstützern eine Punktlandung gelungen, die durch die Stagnation nun in Frage gestellt wird. „Vor einem Jahr hatten wir noch einen großen Innovationsvorsprung“, sagt Melhus, „aber in zwei Jahren könnte die Sache ziemlich alt aussehen.“

Der Notausgang ist den beteiligten Künstlern übrigens auch versperrt. Pae White könnte ja theoretisch einen zweiten „Magic Carpet“ an einem anderen Standort aufhängen, Melhus könnte sein virtuelles Drama problemlos an einen anderen Flughafen verkaufen. Nur: Alle sind vertraglich an den Flughafen BER gebunden. Aus der Warteschleife gibt es kein Entkommen.

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