Bildband

Wo Richter, Tillmans und Koons arbeiten

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Mitten im Raum, umgeben von Werkzeug, Baustrahlern, Trittleitern und halb fertigen Kunstwerken, liegt eine Matratze auf dem Boden. Ohne Decke, nur ein Handtuch und ein dünnes Kopfkissen darauf. Es könnte das Studio eines jungen Künstlers sein, vielleicht noch Student, irgendwo in einem Szeneviertel wie Dalston, Williamsburg oder Neukölln. Dabei befindet sich das Schlaflager im Pariser Atelier von Christian Boltanski, der auf eine jahrzehntelange Karriere zurückblickt. Abgebildet ist die Szene im Fotoband "Atelier" von Gautier Deblonde, und der hat noch mehr Überraschungen parat.

Fast zehn Jahre reiste der Franzose, der in London wohnt, durch Europa, Amerika und Asien und fotografierte Künstlerateliers. Unter den 69, die er im Buch präsentiert, sind etwa die Arbeitsstätten von Ai Weiwei, Jeff Koons, Wolfgang Tillmans, Nan Goldin, Damien Hirst und Georg Baselitz. Die dazugehörigen Menschen hat er weggelassen, Deblonde konzentrierte sich auf Räume und Gegenstände.

Bei Gerhard Richter in Köln ist das zum Beispiel so: Da hängen sieben Gemälde an der Wand, und würden nur eine Farbkommode und ein Schreibtischstuhl herausgerollt, hätte sich das Atelier in den perfekten White Cube gewandelt. Eher wie eine bürgerliche Wohnung wirkt dagegen das Studio von Kiki Smith: Architektonische Details (offener Kamin, weiße Sprossentür) führt die New Yorkerin in ihrer Einrichtung fort (antike Möbel, petrolfarbene Wände, daran ein runder Spiegel, gerahmte Zeichnungen). Wären da nicht Skizzen und Skulpturen auf dem Tisch, könnte man meinen, es sei ein Salon aus proustschen Tagen.
 
Nicht ganz so gemütlich hat es Anish Kapoor – er arbeitet in London in einer vollgestellten Garage. Da besuchte man doch lieber Elmgreen & Dragset in Berlin und spielte mit dem Künstlerduo eine Runde Tischtennis.

Dass im Buch keine Namen neben den Bildern stehen, ist eine gute ästhetische Entscheidung, fast noch toller daran ist aber, dass man – bis man im Index nachgeschaut hat–, eigentlich nicht weiß, wessen Atelier man gerade sieht. Es ist wie ein Ratespiel, oft freut man sich, weil man anhand der angefangenen Werke schon sagen kann, wer der Künstler ist.

Deblonde habe keine Porträts geschaffen, schreibt der Autor Jim Lewis im Vorwort, sondern biete Einblicke in einen Bereich der Kunstwelt, der dem öffentlichen Auge sonst verborgen bleibe. Damit hat er recht, und doch liegt er voll daneben. Dass im Atelier von Raymond Pettibon ein Schlagzeug steht, bei Liu Xiaodong eine fast hippieske Sofalandschaft und ein gemütlich ausgebeulter Hundekorb bei Ed Ruscha, verrät so einiges über die Besitzer. Deblonde braucht keine Bildtitel und keine Menschen. Bei ihm sprechen die Dinge selbst.

Gautier Deblonde: „Atelier“. Auf Englisch. Steidl Verlag, 168 Seiten, 88 Euro

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