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Künstlerin Hein über ihre Rekonstruktion des Popstar-Gebisses

Bowies Beißer

Es ist ein großes Rätsel der Popgeschichte: Warum hat ausgerechnet David Bowie, der als Sonderling gefeiert wurde, seine schiefen Zähne gegen eine perfekte "Hollywood-Garnitur" auswechseln lassen? Bedauerlich findet das die deutsche Illustratorin und Künstlerin Jessine Hein. Sie hat das alte Gebiss des Sängers jetzt rekonstruiert

Jessine Hein, Sie vermissen David Bowies schiefen Zähne und haben das alte Gebiss des Sängers rekonstruiert. Warum?
Bowies Zähne waren genau wie alles andere an ihm: anders! Nicht die Norm, nicht perfekt, aber auf seine authentische Art wunderschön. Sein Lächeln enthüllte eine Imperfektion, die ihn real und vielleicht auch nahbarer machte. Jemand, der selbstbewusst zu seinen "Makeln" steht, erweckt Sympathie. Bowie war für so viele Menschen eine Identifikationsfigur, und ich glaube, dass seine Zähne einen Teil dazu beigetragen haben. Für mich sind Zähne schon immer eine ganz große Faszination und dies gilt auch für die Gebisse derer, die ich bewundere oder wertschätze. Zähne sind in den grundlegendsten Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation stets präsent. Ob beim Lachen, Sprechen, Schreien oder eben beim Singen: Sie sind unvermeidlich involviert und Teil der Kommunikation. David Bowie sang zu uns durch seine schiefen Lücken, und es war entzückend!

Was meinen Sie: Warum hat Bowie sich die Zähne neu machen lassen? War das eine gute Idee?
Die Skulptur entstand aus dem Wunsch, dass Bowies altes Gebiss zurück auf Planet Erde ist. Insofern kann man sagen, dass ich seine Entscheidung schon bedauere. Allerdings kam sein Zahnwechsel auch mit einem Umschwang in seiner Musik. Ein neues Kapitel Bowie war aufgeschlagen. Es passte zu seiner Entwicklung. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern das eine bewusste Entscheidung seinerseits war. Sicher ist, dass seine natürlichen Zähne nicht sonderlich gesund waren und ich spekuliere, dass schon aus rein medizinischen Gründen eine Zahnbehandlung nötig war. Allerdings ist es durchaus möglich, eine recht realistische Reproduktion der natürlichen Zähne herzustellen, um sie dann dem Patienten in Form von Prothesen oder Implantaten als gesunden Ersatz einzusetzen. Doch stattdessen wurde eine "Hollywood-Garnitur" gewählt. Ob dies der behandelnde Zahnarzt entschied oder Bowie selbst, frage ich mich schon seit langem. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass ein David Bowie die Gestaltung seiner Mundinneneinrichtung jemand anderem frei überlassen würde.

Für Modedesigner Wolfgang Joop verlor Bowie mit seinen alten Zähnen auch den "engen, britisch dekadenten Kiefer" und den "Babymund, der sagt: Ich werde mich der sexuellen Reife entziehen. Aber es musste sein, Bowies Wandlungen haben mit dem Begreifen der eigenen Sexualität zu tun."
Babymund? Monstergebiss! Ich finde Bowie war von Anfang an derart sexuell reflektiert, gar sexuell revolutionär, und das hatte noch recht wenig mit seinen Zähnen zu tun. Reife tritt doch nicht mit der Anpassung des eigenen Körpers an eine Norm ein, sondern im Gegenteil: Mit dem Verständnis und dem Zelebrieren, wer man wirklich ist.

Wie sind Sie bei der Rekonstruktion vorgegangen?
Zunächst einmal bin ich auf Bildersuche gegangen. Dazu diente mir das kollektive fotografische Gedächtnis des Internet. Mit den gesammelten Referenzen ging ich zu einem naheliegenden Zahntechniklabor, in dem ich bereits vorher kleine Projekte umsetzte. Dort wurde mir ein Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt, an dem ich dann für die darauffolgenden Tage das Gebiss nachstellte. Ich bin keine ausgebildete Zahntechnikerin, nur eine Künstlerin mit großer Passion für Kauwerkzeug. Der grobe Prozess ist folgender: Auf einem Gips-Gaumen-Modell wird mit Wachs Zahnfleisch modelliert, in das man in gewünschter, in diesem Fall recht schiefer, Position die Zahnreihen aufstellt. Hiervon wird ein Silikonabdruck genommen, in dem man dann die Zähne positioniert, um die Form mit dem Zahnfleischfarbenen Kunststoff auszugießen. Abschließend wird geschnitzt, geschliffen, gebohrt und poliert. Die Zähne, die ich verwendet habe, sind natürlich auch dem Vorbild nach individuell einzeln modelliert worden, um ein möglichst realistisches Ergebnis zu erzielen.

Sollte man Ihre Skulptur auch als ironischen Kommentar auf den Reliquienkult verstehen, wie er etwa mit der großen Bowie-Ausstellung vom V & A-Museum betrieben wurde?
Man könnte meine Skulptur durchaus ironisch betrachten, allerdings ist mein Anliegen doch recht ernsthaft. Wir leben in einer Gesellschaft, dominiert vom Beauty-Wahn. Dass eine Person wie Bowie, der ein Vorreiter des Individualismus war, ein Missionar der Authentizität und des Sich-selbst-Auslebens, sich dafür entschied, seine schiefen Beißer zu "normalisieren", ist in meinen Augen ein extremer Bruch. Und vielleicht genau deshalb auch von Ihm als Statement gemeint und kein willkürlicher medizinischer Eingriff. Im Sinne: "Ihr wollte Perfektion? Ich gebe euch Perfektion". Dieser Umbruch bedeutete für Bowie die Transformation vom Alien-Held der Herzen zum Weltstar.

Mehr von Jessine Hein auf ihrer Website

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