Frankfurter Städelschule

Fünf Fragen an Nikolaus Hirsch

Sie haben zuletzt in London, Istanbul und Indien gearbeitet. Was reizt Sie an Ihrem neuen Posten in Frankfurt?
An der Städelschule hat mich immer fasziniert, dass es sich gar nicht anfühlt wie Frankfurt, nicht einmal wie Deutschland. Dass der Ort etwas Exterritoriales hat. Dieser Mikrokosmos ist extrem international ausgerichtet, was sich im Kollegium ebenso spiegelt wie bei den Studenten: Mehr als die Hälfte sind nicht deutscher Herkunft. Die Schule gehört weltweit zu den führenden Kunstakademien, außerdem bleibt sie mit 170 Studenten sehr klein und dadurch beweglich. Man kann direkt Dinge umsetzen, es gibt keinen großen Apparat – das Rektorenamt ist schlichtweg eine großartige Aufgabe.

Ihr Vorgänger Daniel Birnbaum hat die Städelschule ja durch einen ziemlich interdisziplinären Ansatz geprägt. Werden Sie den weiterverfolgen?
Es geht weniger darum als vielmehr um signifikante und experimentelle Aspekte. Legendär ist etwa Peter Kubelka, der unter dem damaligen Direktor Kasper König die Filmklasse leitete und sein Atelier zur Küche umdefinierte. Heute sind es Lehrende wie Tobias Rehberger oder Simon Starling, die sich auf verschiedene Kontexte beziehen, ohne jedoch deshalb interdisziplinär zu sein. Auf der anderen Seite hat Birnbaum zusammen mit Isabelle Graw das Institut für Kunstkritik aufgebaut, das auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Dieser breite Ansatz verschiedener Positionen wird erhalten und – vor allem durch verschiedene Gastprofessuren – weiter ausgebaut.

Sie sind ausgebildeter Architekt. Wird dieses Fach künftig eine größere Rolle spielen?
Die Struktur der Schule, also der Zuschnitt der Professuren, ändert sich prinzipiell nicht. Aber ich werde mich darum kümmern, dass das Verhältnis der Architekturklasse zu denjenigen der Kunst produktiver wird. Einerseits sind Debatten über Architekturen und Urbanismus in der aktuellen Kunstproduktion ganz selbstverständlich bedeutend, umgekehrt viel weniger. Für die Studenten sollte es daher nicht so entscheidend sein, Modelle im kleinen Maßstab zu fertigen oder abstrakte Zeichnungen, die auf dem Bildschirm schön glänzen, sondern die kritische Auseinandersetzung mit einem konkreten Ort und dem unverwechselbaren Format der Ausstellung zu suchen. Hierfür konnte ich Eyal Weizman, den Direktor des Londoner Centre for Research Architecture, gewinnen, der ab Oktober eine Gastprofessur übernehmen wird.

Nicht nur die Grenzen zwischen den Sparten, auch diejenigen zwischen Künstler und Kurator scheinen zu schwinden. Was halten Sie davon?
In den zunehmend hybrid werdenden Rollenmodellen sehe ich großes Potenzial, und bei uns im Besonderen etwa darin, mit dem Portikus zu arbeiten. Ein im Gegensatz zu Kasper Königs altem White Cube recht schwieriger, „neoneogotischer“ Bau aus dem 21. Jahrhundert, der ursprünglich nicht für Schauen geplant war – einer dieser Unfälle, bei denen später niemand mehr genau weiß, wie es eigentlich dazu kam. Aber gerade solch ein Missverständnis kann man produktiv nutzen: durch Ausstellungen und Formate, die künstlerisch und kuratorisch den Raum neu definieren.

Mit dem Videokünstler Douglas Gordon dürfen Sie eine weitere spektakuläre Neubesetzung verbuchen. Gordon hat seit Jahren Angebote von internationalen Kunsthochschulen bekommen — wie haben Sie ihn jetzt dann doch noch überzeugen können?
Ich denke, für ihn haben dieselben Argumente gezählt wie für mich auch: der Charakter der Schule und die Tatsache, dass man hier enorm spezifisch und in einem fast familiären Rahmen arbeiten kann.  

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