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In seinen Instagram-Bildern zeigt sich Richard Prince als genialer Troll

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Was macht das Internet? Das Internet hasst.

Natürlich kann es auch noch viel mehr – es löst Revolten aus, besetzt Diskurse, ist lüstern, drängelt, liebt Katzen, mischt sich ein. Aber oft scheint es, als ob Hass am besten geht, vor allem mit einem guten Troll.

In letzter Zeit hat das Netz jedenfalls mit gründlichem Hass auf die semi-revolutionären, bestechend schlichten, oft obszönen Instagram-Bilder von Richard Prince reagiert (Abbildungen hier). Man hat Prince dafür als Lustgreis, als böse und verkommen, als Perversen beschimpft. Das ist er vielleicht auch – aber dann, mit Verlaub, auf großartige Weise.

Derzeit kann man 37 dieser "New Portraits" im hinteren Teil von Larry Gagosians Laden sehen – genau, ich meine den Gagaosian Shop, die tolle Buchhandlung, die er in einem Erdgeschoss auf der Madison Avenue betreibt. Bei den Bildern handelt es sich um Tintenstrahlausdrucke von Fotos aus Instagram-Seiten – oft Mädchen, die halbnackt posieren oder sich wie zum Pinkeln hinhocken, im Gynäkologenstuhl oder als aufreizendes Selfie – ungefähr 1,20 auf 1,80 groß und auf Leinwände gezogen. Man kann sich die Arbeiten als seinen sehr paradoxen Versuch vorstellen, sich die Bilder mit einer digital wie libidinös tiefschürfenden Geste anzueignen und sie dann auszustellen.

Ist es leicht, solche Bilder herzustellen? Prince durchforscht und wildert in Instagram-Posts. Stundenlang. Dabei zeigt er sich als ergebener Diener seiner Neigungen; er ist auf seine Bedürfnisse geeicht wie Humbert Humbert auf die intuitive Lokalisierung Lolitas in seiner Umgebung. Man könnte vielleicht sogar soweit gehen, dass Prince auch unser Gespür für jene visuellen Motive der Massenkultur geschult hat, mit denen er sich beschäftigt hat – Motorsport-Magazine, Biker-Bräute.

Derzeit interessiert ihn die Selbstdarstellung von Menschen und sozialen Gruppen. Strenggenommen stammen die Bilder zwar nicht von ihm, aber einige Porträts zeigen Leute, die er kennt. Seine Künstler-Kollegin Laurie Simmons ist darunter; ebenso sein alter Kumpel Glenn O’Brien, Schriftsteller und ehemaliger Chef von Andy Warhols "Interview", der vor kurzem etwas geschrieben hat, das auch Princes neue Porträts perfekt beschreibt: "Andy hat immer gesagt, der beste Look sei ein guter schlichter Look. Mode sei zu vulgär." Einige der Prince-Porträts zeigen Celebrities wie Pamela Anderson; die meisten sind unbekannt. (Tatsächlich habe ich mir das ganze letzte Jahr vergebens gewünscht, dabei zu sein. Nicht zuletzt, weil ich ihm geholfen habe, sein Instagram-Konto wieder online zu bekommen, das wegen Obszönität aus dem Netzwerk entfernt worden war: Prince hatte sein "Spiritual America" gepostet, wofür er 1983 Gary Gross’ Fotos der jungen, nackten Brooke Shields appropriiert hatte.)

Prince entdeckt ein Bild, das ihm gefällt, schreibt einen Kommentar, kopiert es als Screengrab auf sein iPhone und schickt die Datei als Mail an einen Assistenten. Der bereitet es auf, druckt es kurzerhand aus, zieht es auf – und schon ist es Kunst. Oder zumindest etwas, über das sich viele Leute aus ganz unterschiedlichen Gründen aufregen.

Das eigentlich Geniale dabei besteht allerdings in seinen Kommentaren, durch die seine verstörenden Bilder noch die eine oder andere Zusatzbedeutung bekommen. Dabei beschäftigt er sich mit gewohnter Intensität mit seinen Themen Privatheit, Copyright und Appropriation. Er dreht und wendet die Bilder derart, dass sie wie durch eine kranke, magisch-künstlerische Transsubstantiation tatsächlich ihren ursprünglichen Schöpfern enteignet werden. Wie schon gesagt: Seine Neigungen liegen so offen wie bei Humbert Humbert.

Er rekonstruiert seine "Freundinnen" und "Gangs" – die nach Ähnlichkeitskriterien betitelten Motivgruppen aus verwandten Bildern, die wie seine appropriierten „Marlboro“-Cowboys zu seinem künstlerischen Markenzeichen wurden. Diesmal benutzt er dafür jedoch keine anonymen Bilder aus der Werbung oder aus Magazinen, sondern bedient sich gleichsam an der Quelle, bei Menschen, mit denen er potenziell oder tatsächlich kommuniziert. Diese wiederum wissen, dass er sie beobachtet. Und das übrigens unter eigenem Namen.

Unter eine Dame, deren Nippel sich durch einen anregenden, weißen Badeanzug drücken, postet er: "Sehr hübsch. Lass uns nächste Woche treffen. Lunch. Smiley R." Das Bild einer jungen Frau, die in kurzen Shorts breitbeinig auf einem Motorrad posiert, kommentiert er: „Ich kann mich gut erinnern.“ Dann tippt er das Emoji eines Zelts dazu und schreibt weiter: "Gut, dass wir das Zelt hatten." Einem Mädchen, das seine lange Zunge zeigt, schreibt er: "Jetzt ist mir alles klar." Und zum Bild des sehr jungen Jean-Michel Basquiat, den der superreiche Mogul Alberto Mugrabi - einer der größten Sammler sowohl des verstorbenen Künstlers wie Prince’ selbst - gepostet hat, bemerkt er: "Hab ich schon mit Mr. Jimi vom Berge verkündet".

Prince erfindet sich dafür ein Rock’n’Roll-HipHop-Ghetto-Patois, irgendwo zwischen Subkultur, Hipster, Angeber, Las Vegas-Salonlöwe, Zocker, Voyeur und Jäger. Eine solche Zweitidentität ließ sich schon immer implizit in seiner kulturellen Sammlerarbeit erkennen. Diesmal geht er einerseits näher an seine Objekte, aber zugleich weist er uns auch auf diese Nähe hin. Er wird dabei zu einem, wie man in der Literatur sagt, "unzuverlässigen Erzähler". Hören wir aus den Kommentaren den echten Prince? Spricht eine angenommene Netz-Identität, nimmt er uns hoch oder versteckt er sich? Diese Unschärfe verleiht der ganzen Sache einen nicht geringen Zusatzreiz, sie wirft einen durchaus beunruhigenden Schatten auf die Arbeiten und verhindert jede wohlfeile Interpretation. Das Bild Mugrabis, aber auch die Porträts von Pamela Anderson, Simmons, O’Brien und China Chow erinnern an Warhols Celebrity-Porträts. (Warhol hat übrigens einst Chows Vater porträtiert.)

Princes Instagram-Posts bestätigen die Vermutung, dass diese Serie genau so sorgfältig organisiert und visuell belesen ist wie seine früheren "Gangs" — die großflächigen Bilder, auf denen sich thematisch sortierte Einzelfotografien zu rasterhaften Mustern fügen. Ich habe selbst schon ein paar eigene Screen-Grabs seiner Instagram-Gruppen gemacht und werde sie vergrößern und auf Leinwand ziehen. Die Arbeiten sind jedenfalls tiefschürfender als man denkt.

Aber zugleich auch flacher. Man muss genau hinsehen. Die "New Portraits" sind durchweg verschwommen und unscharf, wie es der niederen Auflösung von digitalen Dateien und iPhone-Objektiven entspricht. Dazu kommt natürlich noch der Qualitätsverlust durch die Vergrößerung. Die verschwommenen Pixel erinnern an die Ben-Day-Dots der alten Druck- und Offset-Technologien. Zudem strapaziert der Upload dieser Ausschnitte aus der immateriellen, digitalen Wirklichkeit in den physischen Raum und die Galerie die Membran zwischen diesen Sphären. Prince untersucht - wie auch Alex Israel, Frances Stark, Oliver Wasow, Ajay Kurian, Darja Bajagić, Margaret Lee, Ann Veronica und viele andere – den neuen unwirklich-wirklichen Raum, in dem wir uns alle bewegen, die Cut-and-Paste-Welt aus Bildern, die Online als Fragmente und Posts kursieren und sich dort mit Online-Identitäten, Websites und Verhaltensauffälligkeiten mischen. Und hier auch mit der realen Welt.

Prince war seine ganze Karriere hindurch, seit den Siebzigern, umstritten. Das Pokerface, mit dem er fremde Motive einfach reproduzierte, hat die Definition von Kunst verändert und ihn auch in legale Grenzbereiche geführt. Als er vor kurzem mit seinen "Rasta Paintings" mit dem Copyright-Gesetz in Konflikt geriet, stellte sich scheinbar sogar die Kunstwelt gegen ihn. Der Widerstand gegen seine neuen Werke gründet auf drei Motiven. Zum einen verdient er damit Geld, und zwar eine Menge. Und vor dem Hintergrund der vermeintlich umstandslosen Herstellung wirkt sein Treiben wie Diebstahl oder wenigstens Gaunerei. Nicht zuletzt, weil er die Instagram-Informationen der Leute ohne deren Erlaubnis benutzt; und am meisten wirft man ihm den Lustmolch vor, der sich Bilder junger Mädchen anschaut und Kunst daraus macht. Dabei vergisst man jedoch, dass uns all diese Bilder ohnehin ständig irgendwie umschwirren und außerdem bereits in einer öffentlichen, copyrightfreien digitalen Sphäre zirkulieren.

Und ja, er macht damit Geld, rund 40.000 Dollar pro Teil, soweit ich weiß. Dass hier ein Künstler in solchen Dimensionen absahnt, während viele andere Künstler – oft nicht weniger bekannte als Prince –   kaum über die Runden kommen und fast nichts verkaufen, macht auch mich noch wütender auf das herrschende System, das die Spitzenverdiener gegen den ganzen Rest stellt. Andererseits: Der Mann ist ein berühmter Künstler Mitte Sechzig – wenn es jemand verdient hat, dann er. Und was den "Diebstahl fremder Bilder" angeht, so kann ich keinen Unterschied zwischen der künstlerischen Nutzung von fremden Instagram-Posts und der Verwendung irgendwelcher anderen Materialien erkennen. Man sollte sich heute doch darüber klar sein, dass Bilder – selbst digitale – nur Material sind, und Künstler brauchen nun mal Material für ihre Arbeit. Punkt. Für meine Begriffe fühlen sich viel zuviele Künstler an betrüblich altmodische Copyright-Vorstellungen gebunden – an Regeln, die ihnen in den meisten Fällen nur im Weg stehen.

Und schließlich noch ein Wort zum Vorwurf, Prince sei pervers: Er hat sein ganzes Künstlerleben damit verbracht, Nischen und Subkulturen zu sortieren und auszustellen und dabei ganze, weithin unsichtbare Welten sichtbar gemacht. Er hat sich immer mit marginalisierten Figuren und unterbelichteten sozialen Sphären beschäftigt. Wo heute die ganze Welt digitalisiert ist, finden sich diese einstmaligen Außenseiterszenen viel näher am Mainstream – sie sind immer nur einen Click entfernt. Indem Prince diese sich selbst entblößenden und selbstdokumentierenden Subkulturen nun via Instagram anzapft, eliminiert er nur die Vermittlerebene aus professionellen und Modefotografen, die Werber, die Veredler. Ohne diese künstlerisch-handwerkliche Zwischenebene wirkt das Werk daher unmittelbarer, intimer – was manchen Menschen auch Angst macht.

Mit seinen Kommentaren hinterlässt er außerdem nicht nur eine Beweisspur, sondern holt auch die Sprache wieder in seine Kunst. Aber anders als in den Witzen, Cartoonausschnitten und Protestplakaten – womit er in der Vergangenheit jeweils schon gearbeitet hat – zeichnet Prince hier als Autor der Texte, gleich wie unzuverlässig dieser Autor erscheinen mag. Wer das für pervers hält, für den war Prince schon immer ein Perverser, und kein Argument wird solche empfindsamen Gemüter von ihrer Meinung abbringen. Aber zweifellos gehören seine neuen Porträts zu einer neuen Kunst, die sich durch die letzten trennenden Ebenen zwischen digitaler und physischer Welt brennen. Die Folgen dieser sich hier andeutenden Durchdringung werden schwerer wiegen, als wir uns vorstellen können.

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