John Smith in Hannover, Bremen und Berlin

Regisseur der Wirklichkeit

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Der Film hieß „Das Mädchen, das Kaugummi kaut“, als Macher firmierte ein gewisser John Smith, und wer trotzdem zur Vorführung in ein ehemaliges türkisches Café im Stadtteil Kreuzberg ging, sah eines der besten Werke der Berlin-Biennale 2010. Es gibt Künstler, die schaffen sich mit Malerei und Skulpturen eine bunte Welt des Als-ob. Anderen, zu ihnen zählt Smith, genügt die schnöde Wirklichkeit, ein Kaugummi kauendes Mädchen zum Beispiel. Sie ändern einfach unseren Blick.

Der Aufbau von „The Girl Chewing Gum“ ist simpel. Zwölf Minuten lang richtet der Brite seine Kamera auf eine Kreuzung in Ostlondon, aus dem Off sagt er, was passiert – allerdings so, als folgten die Passanten, Autos, selbst die Turmuhr seinen Anweisungen. „Jetzt läuft ein Mann mit weißen Haaren über die Straße. Come on, quickly. Okay, fine“, ruft Smith in pikiertem, zunehmend herrischem Oberklassenenglisch. Der Künstler als Regisseur der Wirklichkeit – ein schöner Gedanke. Er endet nur schnell bei durchgeknallten Autorenfilmern.

Die Arbeit entstand bereits 1976, doch erst seine Teilnahme an der Biennale machte Smith (Jahrgang 1952), bis dahin eher in Avantgardefilm-Kreisen verehrt, auch in der Kunstszene bekannt. 2011 stellte er in der Tate Britain aus, jetzt ist er im Museum Weserburg („Worst Case Scenario“) und bei Tanya Leighton in Berlin („Slow Glass“), ab 24. Februar auch in der Kestnergesellschaft Hannover zu sehen („Bildstörung“).

Die konzentrierte Schau in Bremen macht „The Girl Chewing Gum“ als typisches Smith-Werk lesbar: Fast jeder seiner Filme basiert auf einer Idee, begnügt sich mit einer Einstellung, spielt die Macht der Worte und des Tons gegen die der Bilder aus. Sein Filmstudium am Londoner Royal College of Art Anfang der 70er-Jahre, als von Strukturalismus und vom Dekodieren der Wirklichkeit die Rede war, habe ihn geprägt, sagt Smith. Aber er habe immer auch Videos machen wollen, die seine Freunde verstünden.

Ein an Monty Python erinnernder Existenzialismus

Der scheinbar naive Blick des „Was wäre wenn?“: In „Lost Sound“ filmt Smith alte Tonbänder, die sich an Laternen oder Ästen verheddert haben, und unterlegt die Bilder mit dem Sound der rekonstruierten Kassetten. „Hotel Diaries, Frozen War“ entsteht im Oktober 2001. Ein CNN-Livebericht über den Beginn des Afghanistankriegs gefriert durch einen Defekt des Hotelfernsehers zum Standbild; in Smiths Aufnahmen seines Zimmers scheint das große Geschehen zu ruhen.

Selbst wenn es politisch wird – John Smiths Arbeiten durchzieht ein humorvoller, an Monty Python erinnernder Existenzialismus. Bei der Vorführung von „The Girl Chewing Gum“ kam bald der Drang auf, sich umzuschauen: Vielleicht ist da ja jemand, der einem dabei zuschaut, wie man dem Welttheater zuschaut.

Weserburg Bremen, bis 25. März
Kestnergesellschaft Hannover, 24. Februar bis 29. April, Eröffnung: 23. Februar, 19 Uhr
Galerie Tanya Leighton, Berlin, bis 3. März




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