Berliner "Kongress der Möglichkeiten"

Welcome to the Internet

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Künstler, Theatermacher, Wissenschaftler und Publizisten denken in Berlin in Ausstellungen, Workshops und auf Panels darüber nach, wie Netzpolitik in Zukunft aussehen kann

So euphorisch besungen und umarmt wie von den Techno-Pionieren Fraktus wird das Internet selten. Auf Theater- und Konzertbühnen heißen sie uns derzeit mit ihrem Stück "Welcome to the Internet" tanzend im Medienzeitalter willkommen. Und für den, der wissen will, was es mit diesem Internet auf sich hat, haben sie eine einfache Antwort parat: Im Internet wird nicht geschlafen, es bringt uns die Zukunft. Auf Netzpolitikkongressbühnen wünscht man sich gern einmal die Leichtfüßigkeit von Thorsten, Dickie und Bernd herbei, wenn endlos darüber debattiert wird, ob es nun der oder das Blog heißt. Derlei nerdige Diskussionen soll es beim "Kongress der Möglichkeiten" dieser Tage im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien nicht geben, verspricht Mitveranstalterin Laura Ewert vom Hate-Magazin.

Gemeinsam mit dem Chaos Computer Club richten die Magazinmacher als Abschluss ihres herausgeberischen Wirkens den Kongress zwischen dem 30. April und dem 10. Mai aus. Zehn Tage lang denken Künstler, Theatermacher, Wissenschaftler und Publizisten in Ausstellungen, Workshops und auf Panels darüber nach, wie Netzpolitik in Zukunft aussehen kann. Während sich der Ankündigungstext auf der Homepage noch liest, als wolle man gemeinsam in einer Theoriekapsel durch die Konzepte der vergangenen Jahrzehnte vom Ende der Geschichte und der großen Erzählungen schweben – mit dem Politikwissenschaftler Francis Fukuyama und dem Philosophen Jean-François Lyotard werden die üblichen Verdächtigen genannt –, lässt das Programm darauf hoffen, dass es tatsächlich um praktisch angewandte Netzpolitik gehen wird. Denn das Zielpublikum der Veranstalter sind nicht allein und unbedingt der theoriebeflissene Internetversteher und der wortgewandte Jongleur von zeitgeistigen Kunsttheorien, wie der Post-Internet-Art und dem Spekulativen Realismus. Es soll vor Ort um "praktische Wissensvermittlung" gehen, erklärt Ewert. So wird es beispielsweise ein Hacker_innen-Lab geben, das besonders Anfängerinnen vermitteln will, wie man sich sicher im Internet bewegt und wie man seine E-Mails verschlüsselt. Die Politikwissenschaftlerin und Autorin Julia Schramm wird über den Umgang mit Trollen im Netz sprechen. Und der Künstler Aram Bartholl wird mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Paul Feigelfeld über sein Projekt „Dead Drops“ sprechen, für das er USB-Sticks im öffentlichen Raum in Wände einmauerte, um ein anonymes offline Peer-to-Peer Filesharing Netzwerk zu schaffen.

Die Vernissage findet am 30. April statt, leider nicht wie gewünscht mit dem Diskurs-Pop von Tocotronic, dafür aber mit einer anderen musikalischen Überraschung. Und irgendwie sind Tocotronic dann doch vor Ort vertreten, nämlich in Form einer Zeichnung von Dirk von Lowtzow.

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