Leigh Bowery in Wien

Der Club war seine Galerie



Aus der Rückschau erscheinen die frühen Achtziger als das Goldene Zeitalter der Queer-Bewegung. Vor allem in der Pop-Musik geschah Unerhörtes: Geschminkte New Romantics in den Hitparaden, schwule Bands en masse  - man denke nur an Bronski Beat, Soft Cell, Wham! und Frankie goes to Hollywood -, androgyne Frontwesen, die in Gestalt von Boy George und Annie Lennox der postmodernen Unübersichtlichkeit frönten. Der perfekte Nährboden für einen jede Geschlechtszuweisung ablehnenden Selbstdarsteller wie Leigh Bowery, der die Schnittstelle zwischen Mode, Kunst und Performance wie kaum ein anderer für sich zu nutzen wusste. Der massige Australier stellte selbst für die in Sachen Exzentrik leidensfähige Subkultur eine Herausforderung dar, als er 1980 mitten in der Thatcher-Ära die britische Hauptstadt mit seinen extravaganten Outfits heimsuchte.

Strumpfmasken, Klumpfüße, Glühbirnen als Ohrersatz und türkisblaue Ganzkörperbemalungen gehörten noch zu den harmloseren Accessoires des radikalen Trash-Königs. Generationen von Modemachern ließen sich von seinen keinerlei Peinlichkeiten scheuenden Glitter-Entwürfen inspirieren, von der in ästhetischen Eskapaden nicht gerade unerfahrenen Vivienne Westwood bis zu Alexander McQueen, der sich in die clownesken Mundbemalungen verkuckt hatte. Lady Gagas angestrengter Verkleidungseifer erscheint dagegen als reines Epigonentum.

Den ausgebildeten Schneider auf die Rolle eines Drag-Artist zu reduzieren, wäre unfair. Dafür suchte er zu sehr die Nähe des Kunstbetriebs. Bowery selbst bezeichnete sich lange als Mode-Designer, seinen legendären Club „Taboo“ als Galerie. Knapp zwanzig Jahre nach seinem Aids-Tod scheint er zum Kuratoren-Maskottchen aufgestiegen zu sein, wozu neben Kooperationen mit Cerith Wyn Evans, Michael Clark und dem Galeristen Anthony d’Offay wohl nicht zuletzt das berühmte Aktporträt als nackter Zwei-Meter-Koloss im Atelier von Lucian Freud beigetragen haben mag.

Provozierendes Gesamtkunstwerk
Nach der Biennale in Venedig und Ausstellungen in London, Hannover und Düsseldorf ist jetzt Wien mit einer Hommage an der Reihe. Auf dem Weg in den ersten Stock kommentieren herzzerreißend aufgerissene Augen einen schwülstigen Soulsong. Der Mund ist mit Sicherheitsnadeln zum Stillhalten verdammt. Der Clip „Teach“ erweist sich als perfekte Einstimmung auf die folgende raumgreifende Biopic-Travestie. Gleich am Eingang zu "Xtravaganza: Staging Leigh Bowery" vermitteln auf Schachbrettbühnen installierte und wie Kronjuwelen angeleuchtete Kostüme einen Eindruck von den Auftritten, die Bowery nicht nur auf den Laufstegen der Clubs, sondern auch tagsüber in den Straßen von London absolvierte. 

Ob grotesker Sexshoppuppen-Look, Stahlhelm oder Priesterkutte, sein fast zwanghaftes Bemühen um den Status eines maximal provozierenden Gesamtkunstwerks steckt in jedem Detail. An den Wänden bevölkern deformierte Körper und traurige Madonnen die Videoprojektionen. Ihre von der Decke herabrieselnde Tonspur wechselt beim Vorbeigehen wie von Geisterhand in den nächsten filmischen Parallelkosmos. Dokumentarfilme von Charles Atlas, Talkshow-Interviews, Musikvideos, „i-D“-Covers, private Postkarten und Studio-Fotos von Fergus Greer entführen aus einer Backstage-Ecke heraus in eine Welt voller Extreme und ausufernder Proportionen. Ein Rendezvous mit einem sein Leben lang von Geldsorgen geplagten Impulsgeber, opulent und im besten Sinne verblüffend.

Kunsthalle, Wien, bis 3. Februar 2013. Der britische Kunstkritiker Adrian Searle schreibt in Monopol 12/2012 über eine Begegnung, die Kunstgeschichte schrieb: zwischen dem Maler Lucian Freud, Leigh Bowery und Bruce Bernard

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