Leigh Ledare in Brüssel

Mutters nackte Haut

Mit der Erhebung der eigenen Biografie zum Gegenstand der Kunstbetrachtung verdient sich heute wohl kaum noch jemand das Etikett „Skandalkünstler“. Für wohlwollende Aufmerksamkeit reicht die exhibitionistische Attitüde natürlich immer noch, zumal wenn sie auf allzu schrille Töne verzichtet. Die Kunst von Leigh Ledare oszilliert irgendwo zwischen Tracey Emin, Nan Goldin und Norman Bates. Während eine Irina Ionesco ihre heranwachsende Tochter als Fotomodell für morbide Lolita-Posen ausbeutete, dreht der New Yorker den Spieß um und erklärt seine Jugend mit einer als Callgirl und Stripperin arbeitenden Mutter zur Fundgrube ödipaler Verwirrungen.    

Sie ist es auch, die in Videos, Text-Collagen und Fotografien auf Schritt und Tritt für Intim-Terror sorgt. Was man sieht, ist drastisch. Ein großes Porträt zeigt die einstige Balletthoffnung in lasziver Pose auf einer Blumenbettdecke. Das Gesicht und die Genitalien sind bis zur Unkenntlichkeit mit bunten Kritzeleien übersät. Hinterlassen hat sie ein dreijähriges Kind, dem die Geschichte der verrenkten Frau unbekannt war. Was beim ersten Hinschauen auf aggressive Ablehnung schließen lässt, entpuppt sich als unschuldige Geste.

Während Ledares älterer Bruder der Malerei und Heroin verfiel, zog der 15-Jährige von zu Hause aus und tauschte das Skateboard irgendwann gegen eine Kamera aus. Nach einer Zwischenstation als Assistent bei den Dreharbeiten von Larry Clarks „Kids“ nahm er seine erste Serie „Pretend You’re Actually Alive“ in Angriff. Sie kommt als semi-dokumentarisches Tagebuch einer exzentrischen Familienaufstellung daher. Die rothaarige Körperarbeiterin posiert für ihren Sohn in guten wie in schlechten Zeiten, stellt ihre schwindende Attraktivität zur Schau und fordert mit einem offensiven Blick die Moralvorstellungen des Betrachters heraus. Der Filius hockt mit ihr in geschmacklos eingerichteten Appartments. Er spart weder ihre Liebhaber, expliziten Sex noch Aufenthalte im Krankenhaus aus.

Mit den Jahren rückt Ledare zunehmend selbst ins Bild. Für die Serie „Personal Commissions“ (2008) nimmt er bis auf Socken und Unterhose ausgekleidet erotisch aufgeladene Posen an, in denen ihn Absenderinnen von Kontaktanzeigen inszeniert haben. Ob er so die Lust seiner Mutter an dem voyeuristischen Blick im Selbstversuch erkunden wollte?

Dass die Ausstellung nicht ohne Grund den Titel „Leigh Ledare, et al.“ trägt, beweisen die vielen Aufnahmen aus der Serie „Double Bind“ (2010). Die schwarz-weißen Porträts seiner Ex-Frau, die er wenige Jahre nach der Scheidung in einer abgelegenen Hütte schoss, liegen übereinander gestapelt in einer Glasvitrine. Manch eine der über 500 Fotografien geht auf das Konto ihres neuen Ehemanns, zufällig auch ein Fotograf. Wer für welche Perspektiven verantwortlich zeichnet, lässt sich nur vermuten.

Auffällig ist der zärtliche, auf jede Provokation verzichtende Blick, der die Serie zu einer wehmütigen Momentaufnahme wechselnder amouröser Temperaturen steigert. Beim Hinausgehen ist man erleichtert, dass Ledares Familie trotz Verluste zu wachsen scheint. Es gibt noch reichlich Platz in seinem Bett. Das lässt auf die nächste porenscharfe Serie hoffen.

Wiels, Brüssel, bis 25. November 2012

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