Galeristen unter Druck

Was wir verlieren können

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Hören Sie das auch, die anschwellenden Klagen über den Kunstmarkt? Sicher, die gibt es schon so lange wie die Ware Kunst. Aber diesmal ist etwas anders. Es klingt gereizter und steigert sich immer häufiger zur Totalabsage: Nein zum verschärften Business, das die Kunst korrumpiert! Und diese Kritik wird heute aus der Mitte des Systems heraus formuliert. Nicht allein von Künstlern, das wäre wirklich nichts Neues, sondern von Händlern und Galeristen.

Einer von ihnen ist Jérôme de Noirmont. Der Franzose schließt seine über 20 Jahre alte Galerie. Er sei unzufrieden mit den Veränderungen des Marktumfeldes, in dem nur noch kleine Galerien gut zurechtkämen, da sie mit geringen Kosten hantierten, sowie die großen Schlachtschiffe, sagte er in einem Interview. De Noirmonts Firma war solide, wie er betont, hätte aber jetzt wachsen müssen – und diesen Schritt wollte der Pariser nicht gehen.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt die New Yorker Galeristin Nicole Klagsbrun, die dem „Art Newspaper“ kürzlich sagte: „Früher war man nah an den Künstlern und den Ateliers. Heutzutage wird das Geschäft wie ein Unternehmen geführt. Ich strebe das nicht an nach 30 Jahren Arbeit. Das ist uninteressant. Und ich weiß nicht, wie nachhaltig das aktuelle globale Galerienmodell ist. Wenn man keine Kompromisse eingeht, ist es sehr schwierig. Man könnte es mit dem Barnes-&-Noble-Effekt vergleichen. Es gibt keine kleinen Buchhandlungen mehr.“ Im Sommer schließt Klagsbrun ihre Galerie in Chelsea.

Der Druck wächst. De Noirmont und Klagsbrun können als Aussteiger ihre Unzufriedenheit frei äußern. Viele ihrer Kollegen schweigen hingegen – das Eingeständnis von Schwäche wäre in einer Branche geschäftsschädigend, in der es um Vertrauen, Prestige und langfristige Anlagen geht. Galeristen sollen zudem als role models ein Wirtschaften verkörpern, das Geist, Geschmack und gutes Leben miteinander verbindet. Wer hinter vorgehaltener Hand dennoch spricht, bestätigt häufig die Unzufriedenheit mit den gewachsenen Anforderungen des Betriebs. Als unlängst bekannt wurde, dass der New Yorker Galerist Daniel Reich im Alter von 39 Jahren Selbstmord begangen hatte, stellte ein mit ihm bekannter Kunstberater zur Diskussion, ob man den Suizid nicht als Symptom für die Lage von Galeristen dieser Generation deuten sollte.

Sicher ist, dass Galerien mittlerer Größe den Bedeutungsverlust fürchten. Immer mehr Konkurrenten agieren auf einem sich weiter dezentralisierenden, globalisierenden Markt. Die Preisgestaltung bei Kunstwerken etwa, einst entschieden von der Autorität der Galeristen, wird zunehmend von Auktionshäusern diktiert. „Hyper-Artflation“ nennt das der Händler Kenny Schachter, der in seinem Monopol-Blog schreibt: „Traurigerweise werden diese höheren und höheren Preise für immer weniger und weniger Künstler gezahlt.“

Davon wiederum profitieren Giganten wie Gagosian oder White Cube, die Künstler selten aufbauen, sondern eher die Vorarbeit von kleinen und mittleren Galerien nutzen, indem sie die zu Erfolg gekommenen Künstler abwerben und als Label vermarkten. Diese Franchise-Galerien haben die Macht, sich neue Märkte zu erschließen, den wachsenden Betrieb aus immer mehr Messen, Biennalen, Museen zu füttern und selbst neue Großtempel zu bauen, in denen die vor allem männlichen Großkünstler ihren Ruhm erweitern.

Kritiker wie Jerry Saltz oder Sarah Thornton haben unlängst ihre Unzufriedenheit mit diesen Entwicklungen zur Sprache gebracht. „Die Kunst könnte bald aussehen wie jedes Mainstream-Business – noch eine Kulturindustrie, die sich selbst gefressen hat“, meint Saltz. Dieser Befund rückt auch den eigenen Bedeutungsverlust in den Blick; Thornton hat sogar angekündigt, gar nicht mehr über den Kunstmarkt zu schreiben.

Dabei wäre es falsch, jetzt aufzugeben. Am Ende liegt es an uns Kritikern, an den Kunstkäufern, Museumsbesuchern, Kuratoren und vor allem auch an den Künstlern und ihren Galeristen, die Situation zu diskutieren. Wir sollten uns verdeutlichen, was wir verlieren könnten.

Die Pop-Künstler mit ihren Affirmationsexzessen, später die Relational und Young British Artists mit ihrer Lust am Spektakel, sie haben uns beigebracht, den Waren- und Sensationscharakter von Kunst zu umarmen. Es war richtig, dass Künstler sich anmaßten, in einem allzu oft esoterischen Kunstbetrieb Schönheit und Erlebnis in den Mittelpunkt zu stellen. Die gesellschaftliche Relevanz der Kunst hat zugenommen. Jetzt ist die Sensation allerdings zum Zwang verkommen, Schönheit zum Protz. Es ist richtig, dass Galeristen ihren Überdruss formulieren. Nicole Klagsbrun und Jérôme de Noirmont haben angekündigt, neue Modelle für die Arbeit mit Kunst zu suchen. Es ist nicht vorbei, aber so geht es nicht weiter.

Zur Situation Berliner Galerien findet am Mittwoch, 15. Mai, um 19 Uhr in der Galerie Capitain Petzel eine Diskussionsveranstaltung des Instituts für Strategieentwicklung statt. Um Anmeldung wird gebeten unter: IFSE Friederike Landau fl@ifse.de (030/40574833)

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