„Playing the City III“ in Frankfurt

Stadt als Beute

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Zwei Polizisten auf Motorrädern schieben sich durch die zähe Masse an Einkäufern, die an diesem späten Donnerstagnachmittag die Frankfurter Zeil bevölkern. Im Gefolge eine kleine Schar von Demonstranten, die bunte Schilder in die Höhe halten. Wieder irgendwelche Spinner, die für die Freiheit Palästinas kämpfen oder für diesen verrückten Chinesen. Aber halt! Irgendwas ist anders. Die rufen keine Parolen und die Schilder sehen aus wie selbst gemalte Bilder. „Wofür kämpfen Sie?“, fragt eine irritierte Passantin. „Für die Kunst“, antwortet ein Demonstrant und drückt der Frau eines der abstrakten Schilder in die Hand.

Auf solche Interaktionen mit dem Publikum zielt die Aktion des schwedischen Künstlers Jacob Dahlgren ab. Sie ist Teil des Projekts „Playing the City“, das die Frankfurter Schirn nun schon zum dritten und - wie es heißt - letzten Mal aufführt. Vom 11. bis 25. August realisieren fünfzehn internationale Künstler in der Frankfurter Innenstadt Aktionen, Performances und Installationen, die auf unterschiedliche Weise die Stadt und ihre Bewohner einbeziehen.

Von subversiv bis harmlos
Aktionen wie „Guerilla-Knitting“, Baum-Graffiti oder der Kundgebung des „Immigrant Movement International“ der kubanischen Performance-Künstlerin Tania Bruguera haftet noch der subversive Geist an, unter dem Vorläufer wie Dada, Fluxus und die „Collaboration Art“ entstanden sind. Andere Aktionen sind bloß harmlos bis absurd: Die Künstlergruppe Upper Bleistein etwa ermutigt Besucher dazu, Hand an ihre bewegliche Skulptur zu legen, um über einen überdimensionierten Blasebalg ein Gewächshaus auf dem Dach der Schirn zu belüften. Der britische Künstler Tim Etchells bietet Eissorten an, die zentrale Begriffe des zeitgenössischen Kunstdiskurses erfahrbar machen sollen: Body, Archive, Spectacle und Memory. Wer tiefer in die Praxis des Künstlerischen eindringen will, kann sich auf einer eigens aufgestellten Plakatwand verewigen oder – sehr viel mutiger – mitten auf der Zeil eine der zwanzig Handlungsanweisungen umsetzen, die Etchells auf kleinen Kärtchen verteilt. „Bitte jemanden, Dich zu tragen“, „Tausche Deine Kleidung“ oder „Wirf Deine Prinzipien über Bord“ steht da etwa.

Den öffentlichen Raum erobern
Der theoretische Anspruch ist hoch: „Playing the City“ soll nicht nur Kunst auf die Straße tragen und im Sommerloch lustig die Stadt „bespielen“. Es geht um das Verschwimmen der Grenzen zwischen Produktion und Rezeption, um eine „Neubestimmung des Ortes als Situation“ und die „Verdichtung unterschiedlicher, aber zusammenhängender Prozesse“. Als „relationale Kunst“ sollen die Aktionen den Menschen helfen, den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Zum Beispiel, indem sie am kommenden Samstagabend unter einen von zwei Theaterscheinwerfern an der Hauptwache treten und eine kleine Performance aufführen. Oder sie können sich am Sonntag ganz in Weiß kleiden und auf einem – noch geheimen – Platz in der Innenstadt mit anderen weiß gekleideten Menschen an weiß gedeckten Tischen sitzen, Weißbrot essen und Prosecco trinken. Eine soziale Plastik in Damast.

Wie gut sich dieser Anspruch in das Konzept eines Museums fügt, das auch sonst nicht verlegen um außergewöhnliche Marketingstrategien ist, zeigt eine Szene am Rande der Kunst-Demo: Auf die Frage der Tochter, warum diese Leute mit so komischen Bildern durch die Stadt laufen, antwortet die Mutter: „Die machen wahrscheinlich Werbung für eine Ausstellung in der Schirn.“

Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 25. August

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