Ausstellung "Privat" in Frankfurt

Unter den Bettdecken

Als Tracey Emin 1999 ihr ungemachtes Bett samt schmutziger Unterwäsche in der Londoner Tate Gallery präsentierte, war das noch eine Provokation. Die Grenze zwischen dem privaten und dem öffentlichen Leben ist seither immer durchlässiger geworden. Fernsehformate wie Talkshows und Reality-TV bringen Menschen dazu, weit mehr noch als ihre Schlafzimmertür zu öffnen. Im Internet werden persönliche Bilder und intime Gedanken auf Blogs und sozialen Netzwerken geteilt. Die verfassungsrechtlich geschützte Privatsphäre, zu der auch das grundgesetzlich verankerte Fernmeldegeheimnis zählt, wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, wenn ein Klick mit dem Smartphone reicht, um die halbe Welt mit unter die Bettdecke zu nehmen – als Zuschauer oder Akteur. Sind wir tatsächlich auf dem Weg in die transparente „Post-Privacy“, in der das Persönliche komplett öffentlich wird?

Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn sucht eine kritische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Bedeutungen von Privatheit anhand von 30 künstlerischen Positionen seit den späten 50er-Jahren. Aus nächster Nähe zeigt Richard Billingham in der zwischen 1989 und 1996 entstandenen Fotoserie „Ray’s a Laugh“ seine alkoholkranken Eltern, während der 1976 geborene Leigh Ledare in einer Art inzestuösem Voyeurismus seine Mutter beim Sex fotografierte. Die Verfügbarkeit digitaler Bilder und Filme nutzen Künstler wie Mark Wallinger, der Handyfotos von Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln schlafen, in der Installation „The Unconscious“ (2010) verdichtet, und das belgische Künstlertrio Leo Gabin, das auf YouTube gefundene Filme weiterverarbeitet.

Laurel Nakadate begleitete für ihre Videoarbeit „Good Morning Sunshine“ (2009) junge Mädchen nach Hause und verführte sie zum Ausziehen vor der Kamera. Einen umgekehrten, weil körperlosen Striptease vollzog Hans-Peter Feldmann 1974, als er eine Bekannte bat, den Inhalt ihres Kleiderschrankes fotografieren zu dürfen. Die akkurat am Bügel an der Wand drapierten Kleider, T-Shirts und Strumpfhosen zeigen, dass es für einen Moment der Intimität nicht immer nackte Haut zu sehen geben muss.

„Privat“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 1. November bis 3. Februar 2013, Eröffnung am 31. Oktober um 19 Uhr

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