Bildbände über den DDR-Geheimdienst

Verstehen Sie Stasi?

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Warum fotografiert jemand ein zerwühltes Doppelbett? Man könnte bei Susan Sontag nachschlagen, die in einem ihrer Essays allen Fotografen das „Interesse daran, dass die Dinge bleiben, wie sie sind“, unterstellt. Ihr Wunsch sei, am „Status quo festzuhalten“. Auf kuriose Weise trifft Sontags Postulat sogar auf das Polaroid von einem Teddybären zwischen zerknautschten Bettdecken in Simon Menners Band „Top Secret – Bilder aus den Archiven der Staatssicherheit“ zu. Die Aufnahme wurde während einer heimlichen Wohnungsdurchsuchung von Stasi-Mitarbeitern gemacht – um die Wäsche wie das Kuscheltier nach der Aktion wieder in die ursprüngliche Position bringen zu können. Solche Vertuschungen waren meistens erfolgreich. Viele Ausgespähte erfuhren erst nach 1989 von den Einbrüchen der Staatsmacht.

Die Staatssicherheit ist gescheitert. Die Dinge blieben nicht, wie sie waren. Aber die Fotos sind noch da. Simon Menner (siehe Monopol-Watchlist 07/2011) hat über zwei Jahre im Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde recherchiert und die Fundstücke thematisch gegliedert. Die Zusammenstellung bietet gleichermaßen Informatives, Erschreckendes und Amüsantes. Helge Schneider könnte mit den Strickjacken, Sonnenbrillen, falschen Bärten und Perücken „Aus einem Verkleidungsseminar“ (Kapitelüberschrift) nicht lächerlicher wirken. Hochkomisch – und hinsichtlich der Professionalität der damaligen Organe durchaus fragwürdig – ist auch die Abteilung „Verkleidung als westlicher Tourist“: Beamte werden mit Plastiktüten, Birkenstock-Sandalen und teuren Spiegelreflexkameras ausrüstet, um den Klassenfeind zu imitieren.

Bei der Lektüre vergeht einem das Lachen jedoch recht bald. Der Kontext eines repressiven Staatsapparats lässt sich kaum ausblenden, dafür sorgen nicht zuletzt Menners Begleitkommentare für die 25 Kapitel, die in drei Abschnitte – „Anleitungen“, „Operationen“ und „Interne Angelegenheiten“ – gegliedert sind. Mit bizarrer Lustigkeit feiern Stasi-Leute den Geburtstag eines ranghohen Funktionärs, indem sie sich als Friedensaktivisten, Leistungssportler, Mediziner oder Bischöfe kostümieren. Eine gezwungene Parodie jener Bevölkerungsgruppen, die im Fadenkreuz der Stasi standen.

Seit Längerem interessiert sich der 1978 in Baden-Württemberg geborene Simon Menner für die mitunter winzigen Spuren von Realitäten, die der normalen Alltagswahrnehmung verborgen bleiben. Dass er zumindest ansatzweise noch an die erkenntnisfördernde Kraft der Fotografie glaubt, verbindet ihn mit dem US-Künstler Trevor Paglen, der Militärbasen oder Abhörsatelliten dokumentiert. Die von Menner 2005 in Chicago fotografierten Obdachlosen („Metacity“, 2005–09) waren unter ihrer schützenden Tarnung noch gerade auszumachen. Bei den Bildern seiner „Camouflage“-Serie von 2008 muss man Menner glauben, dass im Gestrüpp der abgelichteten Waldstücke Bundeswehr-Scharfschützen auf ihn zielen. Zu sehen sind sie nicht. Das „Top Secret“-Buch – bereits der Titel ist ein Widerspruch in sich – bietet eine Art Antithese: Was verborgen bleiben sollte, wird nun an die Rampe gestellt. Ob sich der Covermann mit hochgeklapptem Pelzkragen und Sonnenbrille im Einsatz bewährt hätte, ist ohnehin fraglich.

Jens Klein hat sich für seine Publikation „Hundewege – Index eines konspirativen Alltags“ ebenfalls im Stasi-Archiv bedient. Es gibt sogar Überschneidungen. Drei der in körnigem Schwarz-Weiß fotografierten Bilder der Überwachung von Briefkästen sind sowohl bei Menner als auch in der Sammlung von Jens Klein zu sehen. Klein geht aber ganz anders mit seinem Material um als der zu thematischer Vollständigkeit strebende Menner. In den vier in einem Schuber zusammengefassten Broschüren mag sich eine Innenperspektive des 1970 im thüringischen Apolda geborenen, also in der DDR volljährig gewordenen Künstlers abzeichnen. Prägend scheint sich auch die Arbeit des Lehrers ausgewirkt zu haben: Klein hat in Leipzig bei Peter Piller studiert, der seine Archivfunde neben inhaltlichen häufig nach formalen Kriterien sortiert.

Das Besondere bei Klein ist die serielle Anmutung durch eine zumeist fest installierte Überwachungskamera. Nur die „Hundewege“ – Frauchen, Herrchen und Hund beim Gassigehen – wurden aus der Hand fotografiert. Dass die Bildausschnitte beim offenbar über Jahre observierten Briefkasten, bei Fahrradfahrern in einer Kleingartenanlage und Mopedfahrern auf einer holprigen Pflasterstrecke jeweils praktisch gleich bleiben, führt zu einer auffälligen Reibung zwischen starrem Fahndungsraster und individueller Bewegung. Eine nicht eindämmbare Freiheit der Gesten und Gänge, die sich bei den Moped-Fotos gewissermaßen in die schräg gekippte Kameraposition eingeschrieben hat. Easy Rider, born to be wild. Das Leben der anderen ist eben ansteckend.

Simon Menner: „Top Secret – Bilder aus den Archiven der Staatssicherheit“. Hatje Cantz, 128 Seiten, 16,80 Euro

Jens Klein: „Hundewege – Index eines konspirativen Alltags“. Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, 164 Seiten, 29 Euro

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