Freispruch für Jonathan Meese

"Triumph der Kunst"

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Die beiden Seiten von Jonathan Meese: Hier der Privatmensch, der am liebsten allein ist, dort die Bühnenfigur, die den Hitlergruß zeigt. Auch im Gerichtssaal, wenn er sich wegen Nazi-Symbolen verantworten muss. Nicht weniger als die Freiheit der Kunst stand für ihn auf dem Spiel

Als im «Hitlergruß-Prozess» das Urteil gefallen ist, zeigt sich der Künstler Jonathan Meese erleichtert und setzt seine goldene «Brille des Sieges» auf. «Die Kunst hat triumphiert. Jetzt bin ich befreit», sagt er. «Jetzt werde ich erst einmal jede Ideologie wegpennen.» In der Verhandlung vor dem Amtsgericht Kassel war er meist der private Meese, doch nun ist sie wieder da, die Bühnenfigur Jonathan Meese.

   Auch am Mittwoch, dem dritten Verhandlungstag, trägt der 43-Jährige einen schwarzen Trainingsanzug, den er auch bei Auftritten anhat, lediglich die Sonnenbrille fehlt zunächst. In seinem fast halbstündigen letzten Wort zeigt er sich von seinen beiden Seiten. Während der Plädoyers wirkt Meese angespannt. Mit gefalteten Händen dreht er nervös seine Daumen.

   Angeklagt ist er wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. In einem «Spiegel»-Gespräch zum Thema «Größenwahn in der Kunst» hatte Meese im Juni 2012 in Kassel die «Diktatur der Kunst» gefordert und den Arm zweimal zu dem verbotenen Gruß gehoben. Die Richterin wird ihm später ausstellen: «Es ist klar, dass der Angeklagte sich nicht mit nationalsozialistischen Symbolen oder Hitler identifiziert, sondern das Ganze eher verspottet.»

   Doch für Meese geht nicht nur um ihn, es geht ihm auch um die Freiheit der Kunst. Seine Anwältin Heide Sandkuhl betont: «Man muss das, was Jonathan Meese macht, nicht mögen, aber man darf es nicht verurteilen.»

   Der private Meese spricht in seinem letzten Wort zunächst frei. In der Realität sei er der freundlichste Mensch der Welt. Er wehrt sich gegen Anschuldigungen, er habe den Prozess inszeniert, um Aufmerksamkeit zu erlangen. «Ich finde es ekelerregend, zu sagen, ich würde das hier als Werbekampagne nutzen.» Er reibt sich die Augen. «Es ist auch nervlich belastend, was hier passiert.»

   Dann wechselt er zur Figur Meese: In einem sechsseitigen Vortrag liest er in der ihm eigenen Stakkato-Sprache ab: «Meese ist totalster Bühnenmensch.» Er sei geschmacklos, «und das darf ich auch.» In der Tat:  Auf der Bühne provoziert er immer wieder mit Nazi-Symbolen. In Mannheim ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen möglicher Volksverhetzung. Meese hatte bei einer Theateraufführung im Juni mehrmals den Hitlergruß gezeigt und eine Alien-Puppe mit einem Hakenkreuz beschmiert.

   Er schließt mit: «Kunst muss frei sein. Wehret den Anfängen.» Und als müsse er es noch einmal betonen: «Das war keine Performance. So rede ich auch mit Mami.» Nach seinem Freispruch macht er den Gerichtssaal dann doch zu seiner Bühne und salutiert für die Kameras.

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