Bildband: Andreas Gehrkes "Topographie"

Im Unterholz der Geschichte

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Früher gab es in Berlin mal eine Kneipe an der Ecke Wilhelmstraße und Kochstraße, die hieß Land’s End, und der Name traf wirklich zu. Es war auch die Zeit von Straps-Harry, einem Transvestiten, der auf dem Grundstück gegenüber „Fahren ohne Führerschein“ für ein paar Mark anbot, hier, an Westdeutschlands symbolisch östlichstem Punkt. Bis in die 80er-Jahre war das Grundstück, das man von der Kneipe aus sehen konnte, nichts weiter als eine Brache an der Mauer, wechselnde Pächter, ökonomisch uninteressant, nicht verwertbar. Auch Straps-Harry verschwand irgendwann.

Allmählich machten sich Sträucher und Bäume breit, von der schnell wachsenden Sorte. Inzwischen ist daraus ein undurchdringliches Stück Wald geworden, mit Robinien, Geflechten aus flinken Luftwurzeln, störrischem Unterholz und schartigen Mooskrusten. Ein zugewuchertes Reservat, Betreten verboten, ringsum umtost von der wiedervereinigten Hauptstadt, in deren Mitte das seltsam stumme Grundstück inzwischen gerückt ist.

Wie vergessen, trotz seiner Größe, trotz seiner historischen Bedeutung. Denn auf diesem Gelände befanden sich von 1933 bis 1945 Zentralen des nationalsozialistischen Terrors: das Geheime Staatspolizeiamt mit Foltergefängnis, die Reichsführung-SS und das Reichssicherheitshauptamt. Erst seit 1987, eröffnet zur 750-Jahr-Feier Berlins, informiert die Dauerausstellung „Topographie des Terrors“ über den Ort, Gebäudereste und Kellerkammern wurden freigelegt. Doch ein großer Teil des Grundstücks bleibt weiterhin ein eigenartig blinder Fleck in der Stadt.

Ein Jahr lang immer wieder vor Ort
Wie erzählt man Geschichte ohne Sprache, ohne Anekdoten? Der Fotokünstler Andreas Gehrke, der unter dem Namen Noshe einer der besten jungen Architekturfotografen Deutschlands ist, versuchte, den Ort mit seinen Mitteln zu durchdringen, das heißt: mit der Großbildkamera. Deren Aufnahmen haben die Eigenschaft, mehr zu sehen als das Auge – man kann diese Bilder nicht mit einem Blick erfassen, man schaut stattdessen lange in ihnen herum, denn sie besitzen eine Tiefe und Genauigkeit, die das menschliche Sehen überbieten, überfordern.

Ein Jahr lang kam Gehrke immer wieder an diesen Ort, mit Sondergenehmigung, und machte Bilder, die so stumm und verwuchert sind, dass sie dem Schreckensschauplatz auch auf einer höheren Ebene als der des reinen Abbildens genau entsprechen. Sie verzichten auf eine dramatische Tatortperspektive, sie ästhetisieren nicht und überhöhen nicht ins Negative, sie überlassen weder dem Licht noch dem Wetter noch irgendeinem anderen aussagestarken Detail die Inszenierung. Manchmal gibt eine im Hintergrund durchscheinende Hausfassade eine Koordinate preis; oder ein geteertes Stück Weg ist Zeuge von Bemühungen, das Gelände irgendwie zu fassen.

Gehrke wertet nicht

Gehrkes Blick ist neutral, sofern das eine fotografische Kategorie sein kann. Er wertet nicht, er ist konzentriert bei der Sache des Sehens. Er stellt das Geheimnis des Ortes nicht aus. Und doch lassen seine Bilder die Vermutung zu, dass Ereignisse an ihren Schauplätzen unsichtbare Spuren hinterlassen. Ob sie nun „in den Wänden stecken“ oder ungestört wuchern und Wurzeln schlagen, weil hier mehr als einmal die Welt aufgehört hat.

Andreas Gehrke: „Topographie“. Distanz Verlag, 130 Seiten, 49,90 Euro

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