Paris nach dem Terror

Die Dinge des Lebens

ANZEIGE

Wie die Pariser Kunstwelt die Terror-Attentate erlebte und verarbeitete

Samstagnachmittag saßen drei Männer in einem Café im Pariser Viertel Marais beisammen. Sie gestikulierten wild, gelegentlich fuhr ein Arm in die Höhe. "Shoot", sagte einer von ihnen laut. Kurz, schneidend. Ungewollt verfolgte ich am Nachbartisch sitzend ein Gespräch mit, in dem immer wieder das Wort "shoot" fiel, begleitet von lautem Gelächter. Man unterhielt sich über Fotografie und Fotobücher. Die Straßen um das Café herum waren leer, nur die Männer waren zu hören. Gelegentlich ging ein Mitarbeiter des Cafés vor die Tür, sah sich eine Weile um, lehnte sich mit verschränkten Armen an einen Pfosten und stellte sich kurz darauf wieder hinter seine Kaffeemaschine.

In der Nacht zuvor waren Krankenwagen durch das Viertel umgeleitet worden. Die Opfer der Pariser Attentate mussten schnell versorgt werden. Am Tag nach den Anschlägen waren die Rollläden fast aller Geschäfte im Marais, dem jüdischen Viertel, unten. Einige Cafés hatten geöffnet, um den Parisern die Möglichkeit zu geben, zusammenzukommen und den Opfern zu gedenken.

Da saßen sie nun, die drei Männer. Offensichtlich Fachbesucher der Paris Photo. Die auf Fotografie spezialisierte Kunstmesse mit knapp 150 Galerien aus 34 Ländern blieb am Samstag und Sonntag auf Anordnung des französischen Kulturministeriums wie alle Kultureinrichtungen in der Stadt aus Sicherheitsgründen geschlossen. Weil die Messe im Grand Palais an der Seine nicht offen war, suchten sie also einen anderen Ort zum Austausch. Auch sie hatten ein Thema, das sie bewegte. Als ich längst wieder bei meinem Kaffee und der Nachrichtenlage war, echauffierte sich einer von ihnen lautstark: "Fucking Juergen Teller photographed a bum. It’s not fine art." Gemeint ist der Hintern von Kim Kardashian, der von Mittwoch bis Freitag auch Aufreger und zugleich Highlight auf der Paris Photo war. Die Assistentin von Juergen Teller verbrachte den ganzen Donnerstag auf einer Couch im pinkfarbenen Stand der Galerie Suzanne Tarasieve, um die Reaktion der Messebesucher auf das großformatige Werk festzuhalten.

Grand format!! #juergenteller #kimkardashian #parisphoto

A photo posted by christine corbel (@christinecorbel) on

 

Kim Kardashian in fleischfarbener Unterwäsche auf einem Erdhügel. Von diesem Foto wollte jedenfalls fast jeder ein Foto. Für Instagram. Um sich über die Pose lustig zu machen, oder den Hintern, oder um Bewunderung zum Ausdruck zu bringen. Denn Fans soll sie ja auch haben. Zumindest hat Kim Kardashian 52 Millionen Follower auf Instagram.

Schocken oder Aufmerksamkeit erregen wollten sie auf der Messe mit dem prominenten Aufmacher des Standes nicht, sagte die Galeristin Suzanne Tarasieve, als ich sie am Montag in ihrem Loft in der Villa Marcel Lods im Viertel Belleville besuchte. Für einige Pariser ist Tarasieve die coolste Galeristin der Stadt, andere stören sich daran, dass sie ihre Person und ihre Geschichte immer mit präsentiert. So auch auf der Paris Photo. Neben Juergen Tellers Foto von Kim Kardashian hing ein Wandtext, wie in einem Museum, der die Messepräsentation erklärt. "Les choses de la vie", im Deutschen "Die Dinge des Lebens", lautete der Titel, der Bezug auf einen Film aus dem Jahr 1970 von Claude Sautet nimmt. Es ist ein Film über eine kriselnde Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau, die durch einen tragischen Unfall, an dessen Folgen der Mann stirbt, jäh beendet wird. Die Galeristin Tarasieve erlitt in ihrer Jugend selbst einen Unfall, den sie schwer verletzt überlebte und der noch heute ihre Arbeit mit Künstlern prägt. Sie stellt in ihren beiden Galerien Künstler aus, die sich kompromisslos mit der condition humaine befassen – mit Demut und Humor, erklärt sie, um den ernsten Dingen des Lebens für einen kurzen Moment die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Als ich Montag um die Mittagszeit in ihrem Loft 19 ankomme, das gleichzeitig Galerie, Unterkunft für Künstler und ihre eigene Wohnung ist, ruft sie als erstes, zwischen Englisch und Französisch springend: "Terrible. C’est horrible." Sie selbst war im Taxi, auf dem Weg von ihrer Galerie im Marais nach Hause ins Loft, als die Attentäter im Musikclub Bataclan um sich schossen und Geiseln nahmen und weitere Attentäter in der Nähe der Place de la République mehrere Cafés und Restaurants angriffen. Unterwegs waren Schüssen zu hören, aber erst zu Hause, vor dem Fernseher, erfuhr sie, dass es sich um Terroranschläge handelte.

 

Ihre Galerie im Marais blieb wie viele andere dort am Wochenende geschlossen. Morgens wollte ihr Mitarbeiter die Galerie in der rue Pastourelle öffnen, doch sie sagte ihm, er solle zu Hause bleiben, bei seiner Familie. Einige Galerien waren trotz der Terrorwarnungen geöffnet, und eine Kunstbuchhandlung in der rue Vieille du Temple. Der Buchhändler ging in dem fast leeren Laden immer wieder nervös zur Tür, schaute hinaus auf die Straße und dann wieder prüfend in die Gesichter der Besucher.

Die Menschen in der Stadt sind unruhig und nervös, auch wenn sie fast wie ein Mantra wiederholen, dass sie sich nicht einschränken lassen, dass sie sich ihre Freiheit und die Freude am Leben nicht nehmen lassen, nicht von Terroristen, die gegen eine Kultur kämpfen, die ihnen verhasst ist und die sie morden lässt. Die Menschen sind verunsichert, so sehr, dass eine geplatzte Glühbirne ihnen einen solchen Schreck einjagt, dass sie losrennen, auf der Straße "Krieg, es ist Krieg" rufen, an fremde Türen klopfen und um Unterschlupf bitten. Am Sonntagabend breitete sich die Massenpanik, die während der Trauerfeierlichkeiten ausbrach, von der Place de la République bis nach Belleville hinauf aus. Menschen riefen aus ihren Fenstern auf die Straße hinunter, man solle nach Hause gehen, es sei wieder etwas passiert. Und bis die Entwarnung kam, es handele sich um einen Fehlalarm, liefen die Menschen, weg von den Hauptstraßen in dunkle Gassen oder lagen zitternd auf dem Boden, während Restaurantbesitzer eilig ihre Tische und Stühle zusammen klappten.

"Die Stimmung in der Stadt ist gedrückt", berichtet der Heidelberger Verleger Klaus Kehrer am Telefon. Erst morgens am Sonntag war die Meldung zu ihm durchgedrungen, dass die Paris Photo dieses Jahr nicht mehr öffnen wird. Er hatte einen Stand auf der Messe, die für seinen Verlag wie für viele Galerien und andere Verlage das wichtigste Ereignis des Jahres war. Einige wenige Galerien hatten eine Terrorismus-Versicherung abgeschlossen, er nicht. Sich in solch einer Situation um verlorenes Geld Gedanken zu machen, sei pietätlos. Denn was seien einige tausend Euro im Vergleich zum Leid der Menschen, was spiele das noch für eine Rolle angesichts der Toten, sagt er. Froh sei er, dass sein Team wohlbehalten sei. Seinen Messestand hätte er fast nicht zurück nach Heidelberg bringen können. Die Frau des Fahrers ließ ihren Mann mit dem Transporter nicht nach Paris fahren.

Am Montag öffneten die Museen wieder. Der Louvre wird militärisch bewacht, Soldaten laufen im Innenhof vor der Glaspyramide mit Maschinengewehr im Anschlag auf und ab, während im Musée Rodin nur ein Sicherheitsbeamter mit einer Armbinde auf der groß "Securité" geschrieben steht, einen kurzen Blick in Taschen und Rucksäcke wirft. Dort sorgt man sich derweil mehr darum, dass die Besucher statt durch den Ausgang, das Museum durch den Eingang verlassen könnten oder gar nicht korrekt hinter der Linie in der Schlange vor der Kasse stehen. Eine aufgebrachte Museumsmitarbeiterin versuchte eine ganze Weile einer kleinen Gruppe italienischer Touristen verständlich zu machen, dass sie sich nicht vor, sondern hinter der Linie an der Kasse anzustellen hätten.

Die Paris Photo hat derweil einen virtuellen Rundgang ins Netz gestellt. Und am Dienstag lud die Paris Photo gemeinsam mit einigen Galerien für Ende November zu einem Gallery Weekend, damit Sammler und Fotobegeisterte noch die Möglichkeit haben, die Messepräsentationen im kleineren Rahmen zu sehen. Paris will sich durch die Attentate seine Kultur nicht nehmen lassen.

Drucken

Weitere Artikel aus Interpol