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Was hat dich bloß so ruiniert?

Zwischen Kontrollsucht und Größenwahn: wie Starfotografin Annie Leibovitz 24 Millionen Dollar Schulden anhäufte und die Rechte an ihrem Werk aufs Spiel setzte. Eine Spurensuche bei Freunden, der Familie und Kollegen.

von Andrew Goldman
29.09.2009

Fotografen gehen nicht einfach in Rente“, sagte Annie Leibovitz, als sie im Mai dieses Jahres in New York auf der Bühne stand, um die Ehren des International Center of Photography entgegenzunehmen. Es missfiel ihr sichtlich, was diese Auszeichnung für ihr Lebenswerk bedeutete: Die besten Tage lagen hinter ihr. Annie Leibovitz trug ein einfaches schwarzes Kleid und eine Brille, ihr Haar war, wie üblich, ein wenig zerzaust. „Fotografen werden sehr alt und arbeiten bis zum Schluss“, sagte sie, fast trotzig. Lartigue sei 92 geworden, Steichen 93, Cartier-Bresson 94. „Irving Penn wird nächsten Monat 92 und arbeitet immer noch.“

Dann änderte sich ihr Tonfall, ihre Stimme wurde brüchig. „Aber das hier ist natürlich eine große Sache.“ Die Frau, in der nicht wenige die legitime Erbin von Richard Avedon und Helmut Newton sehen, reckte ihren Infinity Award in die Höhe – und für einen kurzen Moment wirkte es, als kämpfte sie mit den Tränen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel mir das gerade jetzt bedeutet. Diese Auszeichnung ist so schön, gerade jetzt. Ich mache eine schwere Zeit durch.“
Die 700 Freunde und Kollegen, die an diesem Abend gekommen waren, wussten um ihre schwierige Phase. Zwei Geschäftsleute hatten sie wegen nicht gezahlter Rechnungen auf 700 000 Dollar verklagt, im Februar berichtete die „New York Times“ auf der Titelseite, die 59-Jährige habe für einen Kredit die Rechte an ihrem gesamten Werk verpfändet. Ein Schock, selbst für Branchenkenner – schließlich zeichnete Leibovitz für einige der symbolträchtigsten Zeitschriftentitel überhaupt verantwortlich.

Ob sie John Lennon und Yoko Ono für das Cover des „Rolling Stone“ fotografierte oder die nackte, hochschwangere Demi Moore für „Vanity Fair“ – trotz ihres zwanghaften Perfektionismus und der exorbitant hohen Produktionskosten war Leibovitz’ Arbeit stark gefragt. Es hieß, ein „Vertrag auf Lebenszeit“ beim Condé-Nast-Verlag bringe ihr fünf Millionen Dollar pro Jahr ein, ihre Tagesgage für Werbekunden schätzte man auf 250 000 Dollar. Leibovitz eilte der Ruf voraus, dass sich jeder Prominente auf der Welt (die Queen eingeschlossen) von ihr fotografieren ließe.

Kaum jemand wunderte sich also dar­über, dass Leibovitz im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen in prestigeträchtige Immobilien investierte. Sie kaufte ein Penthouse in Chelsea, ein nahe gelegenes Atelier, ein weitläufiges townhouse in Greenwich Village, ein Anwesen in Rhinebeck, das einst im Besitz der Astor-Familie gewesen war, und ein pied-à-terre in Paris mit Blick auf die Seine.

Zuletzt jedoch bekam Leibovitz’ Leben eine dunkle Färbung. Ihr Hinweis auf „schwere Zeiten“ war deutlich untertrieben. Während der vergangenen fünf Jahre starben sowohl ihre Eltern als auch ihre Lebensgefährtin Susan Sontag. Und ihre Schulden türmten sich auf 24 Millionen Dollar – Forderungen, die bei einem Gläubiger, der New Yorker Art Capital Group (ACG), zusammenliefen, der die Rückzahlung bis zum 8. September gerichtlich einklagt hatte. Leibovitz war auch zu diesem Zeitpunkt nicht zahlungsfähig und hat mit ACG in letzter Sekunde einen Aufschub der Tilgung ausgehandelt. Ein genaues Datum wurde nicht genannt. Falls Leibovitz die Schulden nicht tilgt, könnte sie ihren gesamten Besitz verlieren – und mit ihm die Rechte an ihrem eigenen Werk.

Freunde berichteten am Rande der New Yorker Ehrenfeier, sie habe sich zuletzt weniger als berühmte Künstlerin mit privilegiertem Lebensstil gesehen denn als alleinerziehende Mutter dreier Kinder, die um das tägliche Brot und ein Dach über ihrem Kopf kämpft. Eine Frage schien an diesem Abend allen ins Gesicht geschrieben: Wie, um alles in der Welt, konnte es so weit kommen?

Annie Leibovitz wird 1949 in Waterbury, Connecticut, geboren. 1967 schreibt sie sich am San Francisco Art Institute für Kunsterziehung ein, doch schon bald entdeckt sie ihre Liebe zur Fotografie. 1970 überredet sie ein Freund, eine Reihe ihrer Bilder, die im Rahmen eines Projektkurses entstehen (Polizeieinsatz gegen Randalierer; Allen Ginsberg auf einer Friedensdemo), an das Magazin „Rolling Stone“ zu schicken. Bereits drei Jahre später nimmt sie der Herausgeber Jann Wenner als Chief-Photographer ins Impressum auf, in dem sie sich neben Hunter S. Thompson und anderen Stars wiederfindet.
Später, bei „Vanity Fair“ und „Vogue“, macht sich Leibovitz einen Namen durch ihre stilisierten, heroisch-erhabenen Porträts. Sie verfüge über die unheimliche Fähigkeit, „langweilige weiße Männer mit Schreibtischjobs wie Helden aussehen zu lassen“, sagt „Vanity Fair“-Chef Graydon Carter über seine Starfotografin. Und Quentin Tarantino schwärmt: „Sie hat ein Foto von mir gemacht, auf dem ich aussehe wie James Dean. Und ich habe wirklich nicht die geringste Ähnlichkeit mit James Dean.“

Seit ihren frühen Tagen beim „Rolling Stone“ begleitet Leibovitz stets die Sorge, sie könnte ihre Arbeit nicht abliefern. Lloyd Ziff, damals Grafiker des Magazins, erinnert sich an einen Auftrag, der schlicht darin bestand, die älteste Coca-Cola-Flasche der Welt in einem kleinen Museum aufzunehmen. „Sie kam mit 500 Polaroids zurück“, erzählt Ziff. Und Graydon Carter sagt: „Egal, wer du bist und über wie viel Energie du verfügst – Annie schafft dich. Sie macht dich fertig. Sie hat mehr Geduld als du. Am Ende kriegt sie ihr Bild.“

Üblicherweise erhalten Fotografen ein Honorar, dazu kommen Spesen und Herstellungskosten. Der Auftraggeber, ein Magazin, ein Werbeunternehmen oder eine Privatperson, legt ein Budget fest, an das sich der Fotograf zu halten hat. Annie Leibovitz kümmert sich von Anfang an herzlich wenig um solche Restriktionen. Sorglos geht sie mit Geld um, verliert wertvolle Kameras, kassiert unzählige Strafzettel fürs Falschparken – und lässt Leihwagen einfach irgendwo stehen.
Gegen den Rat ihres Chefredakteurs Jann Wenner willigt sie 1975 ein, für zwei Monate als offizielle Fotografin der Rolling Stones mit auf die „Tour of the Americas“ zu gehen. Wie von Wenner prophezeit, wird auf dem Trip derart heftig gefeiert, dass ihr Hunger nach Kokain schnell mehr als nur ein Freizeit­spaß ist. In seiner „Unzensierten Geschichte“ der Zeitschrift zeichnet Robert Draper Leibovitz als Junkie, der zweimal fast an einer Überdosis stirbt und sogar Teile der Fotoausrüstung für Drogen verkauft.

1983 verlässt Leibovitz den „Rolling Stone“ und geht zu „Vanity Fair“. Ihren zweifelhaften Ruf nimmt sie mit. „Es war immer wieder ein Kampf, die Abrechnungen für gemietete Häuser und Studios von ihr zu bekommen“, sagt Andrew Eccles, von 1983 bis 1986 Leibovitz’ Assis­tent. Nicht kreditwürdig, kann Leibovitz lange nur mit Bargeld zahlen. 1987 bietet ihr American Express eine lukrative Werbekampagne an, ironischerweise hatte sie dort mehrfach erfolglos Anträge gestellt. Nachdem die Anzeigenagentur erfährt, dass Leibovitz während eines Shootings ein Kuvert mit Tausenden Dollar in einer Telefonzelle liegen gelassen hat, unternimmt man schließlich alles, ihr doch noch eine Kreditkarte zu besorgen.

1984 wird Tina Brown Chefredakteurin von „Vanity Fair“ – und macht die neue Hausfotografin zu ihrer Hauptattraktion. Ob sie Nicole Kidman oder das Regierungskabinett von Bush senior fotografiert – von Auftrag zu Auftrag werden Leibovitz’ Projekte aufwendiger. Als sie Whoopi Goldberg in einer Wanne voll Milch fotografiert, verfügt sie bereits über einen Mitarbeiterstab, der ohne zu Murren Hunderte Milchtüten auf Badetemperatur erwärmt.
Leibovitz’ früherer Laborant Anthony Accardi berichtet von extremem Zeitdruck: Einmal sei er um drei Uhr nachts ins Labor bestellt worden, um Aufnahmen von Bill Clinton zu entwickeln, vorzulegen bis sieben Uhr morgens – ein derart eiliger Auftrag, dass er Condé Nast das Dreifache des gängigen Honorars in Rechnung stellt. Accardi ist auch erstaunt über die routinemäßig bestellte Zahl der Abzüge. Nachdem er 300 großformatige Prints eines Shootings mit Roseanne Barr anfertigt und „Vanity Fair“ für seine Arbeit 15 000 Dollar in Rechnung gestellt hat, erhält er einen persönlichen Brief von Graydon Carter, er würde in Zukunft nur noch für 50 solcher Kopien zahlen. „Wie sollte ich das Annie erklären?“ erinnert sich Accardi. „Sie hätte mich verprügelt.“

Ab 1993 veröffentlicht Leibovitz regelmäßig Modestrecken für „Vogue“, die Produktionskosten in den Ausmaßen eines Filmsets haben. Eines der wohl übertriebensten ist das Couture-Portfolio „Wizard of Oz“, in dem Jeff Koons zusammen mit Keira Knightley als geflügelter Affe erscheint.
In den 90er-Jahren beginnt Leibovitz, hochpreisige Immobilien in Downtown Manhattan zu kaufen und zu renovieren. 1994 erwirbt sie für viel Geld ein Penthouse im Wohnkomplex London Terrace in Chelsea und steckt noch mehr hinein – extravagante Instandsetzungen geraten ihr in den folgenden Jahren zur Obsession: 1996 ersteht sie ein Anwesen in Rhinebeck im Bundesstaat New York und verwandelt es in einen äußerst repräsentativen Landsitz. Drei Jahre später kauft sie für 2,1 Millionen Dollar eine 1300 Quadratmeter große Immobilie in der Nähe ihrer Wohnung in Chelsea und baut es in ein hochmodernes Fotostudio um.

Inzwischen ist Leibovitz längst clean. Ihre Familie überredete sie bereits Anfang der 80er zu einer Entziehungskur. Doch an ihrem manischen Wesen ändert das nichts. „Sie konnte nie richtig abschalten, immer hatte sie Angst, es gebe noch einen besseren Einfall“, berichtet Exassistent Eccles. „Die Sorge, ihre Fotos würden nicht gut genug sein, war eine große Bürde. Sie schien es wirklich nicht leicht zu haben.“
Leibovitz und Susan Sontag, 16 Jahre älter, lernen sich Ende der 80er-Jahre kennen. Eine romantische Beziehung, ein ungleiches Paar. Leibovitz macht keinen Hehl daraus, dass sie kaum liest, während Sontag 15 000 Bücher besitzt.

Ihre Beziehung hat etwas sichtlich Symbiotisches, beide profitieren. Susan, deren 1977 erschienene Essaysammlung „Über Fotografie“ zur studentischen Pflichtlektüre gehört, verleiht der „Promifotografin“ Leibovitz eine neue Form von Glaubwürdigkeit. „Es war ungefähr so, als ginge Tom Cruise auf einmal mit Akira Kurosawa aus“, sagt ein berühmter Kollege, der nicht namentlich genannt werden will.
Susan Sontag wiederum genießt, ungeachtet ihres sorgfältig gepflegten Images als Intellektuelle, den exklusiven Lifestyle ihrer Lebensgefährtin ebenso sehr wie die Gesellschaft von Filmstars. Gelegentlich kommt Sontag sogar in Annie Leibovitz’ Studio vorbei, um bei hochkarätigen Shootings dabei zu sein.

Sontag ist es auch, die Leibovitz dazu anregt, ihrer Fotografie eine persönlichere, künstlerische Note zu verleihen. „Die Tatsache, dass sie sich überhaupt für mich oder meine Arbeit interessierte, schmeichelte mir einfach sehr“, gesteht Leibovitz einmal und fügt hinzu: „Selbst wenn sie mich kritisierte.“ Sontag empfiehlt ihr, bei der angesehenen Edwynn Houk Gallery unter Vertrag zu kommen, und überzeugt sie davon, dass es wichtig sei, am selben Ort ausgestellt zu werden wie Brassaï oder Dorothea Lange.
Doch ihr Einfluss auf Leibovitz wird nicht von allen gutgeheißen. Mitte der 90er-Jahre ändert Leibovitz ihren Coverfotostil, um den Vorstellungen Sontags gerecht zu werden. „Annies Bilder wurden dunkler, trübsinnig und malerisch“, schätzt Graydon Carter die Fotografien dieser Zeit ein, die er als „Blaue Phase“ bezeichnet. „Sie waren spektakulär – aber nicht das, was man braucht, um am Kiosk 400 000 bis 700 000 Hefte zu verkaufen.“

2001 bringt Sontag, im Alter von 51 Jahren, eine Tochter zur Welt (vier Jahre später wird eine Leihmutter für sie die Zwillinge Samuelle und Susan austragen). Obwohl Sontag bei Sarahs Geburt dabei ist und dem Kind mit Liebe begegnet, ist sie gegen die Mutterschaft ihrer Partnerin. „Ich glaube, sie wollte mich für sich allein“, sagt Leibovitz später. Die Distanz wird noch größer, als sie ein betont strenges, englisches Kindermädchen engagiert – für Sontag schlicht eine „nanny from hell“.

Leibovitz’ obsessive Art spiegelt sich auch in ihrer Mutterschaft. Als Sarah anfängt, feste Nahrung zu sich zu nehmen, führt Leibovitz ein Protokoll ein: Jeder Bissen und jede Verdauungstätigkeit müssen in einem schwarzen, unlinierten Notizbuch des schwedischen Schreibwarenhändlers Ordning & Reda festgehalten werden. Der Assistent Dan Kellum bestellt die Hefte regelmäßig in Stockholm, damit die Einträge nahtlos weitergeführt werden können. Als einmal eine Sendung beim Zoll verloren geht, besteht Leibovitz darauf, sofort neue Exemplare über einen speziellen Expresskurier nachzuordern. Kosten: rund 800 Dollar.
Über die Jahre kämpft Susan Sontag immer wieder mit ihrer Krebserkrankung. Im Frühling 2004 erfährt sie, dass die Krankheit erneut ausgebrochen ist. Annie Leibovitz hilft; sie organisiert das Privatflugzeug eines Freundes, um Sontag für eine Rückenmarktransplantation nach Seattle zu fliegen, kümmerte sich darum, dass sie rund um die Uhr in Gesellschaft von Freunden und Angehörigen ist, und chartert schließlich eine weitere Maschine, um sie zurück nach New York bringen zu lassen. Drei Tage nach Weihnachten stirbt Susan Sontag.

Eine Leibovitz-Retrospektive im Brook­lyn Museum zeigt 2006 außer den hinlänglich bekannten Magazinbildern auch die privaten, eher künstlerischen Arbeiten, die Susan Sontag angeregt hatte. Darunter auch einige Fotos der von Schmerzen gezeichneten Frau im Krankenbett und eines ihrer aufgebahrten Leiche – Sontag, so wissen wir nun, trägt ihr Lieblingskleid. Nicht nur Roberta Smith, die Chefkunstkritikerin der „New York Times“, findet
diese Bilder fragwürdig – Sontags Sohn David Rieff erwähnt Leibovitz in seinem Erinnerungsbuch „Tod einer Untröstlichen“ genau zweimal. Einmal, um die Bilder als „karnevalesk inszenierten Celebrity-Tod“ zu geißeln.

Judith Cohen hingegen, Susan Sontags Schwester, ist Leibovitz positiver gesinnt. Sie glaubt fest daran, dass die Fotografin nicht in solche finanziellen Probleme geraten wäre, wenn ihre Schwester noch lebte. „Susan“, sagt sie, „hat nie viel Geld ausgegeben. Sie hat Annie von einigem abgeraten, zum Beispiel von dem Projekt in Greenwich Village.“
Das Projekt sind zwei zusammenhängende townhouses im neoklassischen Stil unweit der Greenwich Street, die Leibovitz 2002 kauft und sogleich in ein einziges Haus umbauen lässt. Anfangs will sie die Sache noch so einfach wie möglich halten und plant mit einem Budget von 500 000 Dollar, was angesichts einer Gesamtwohnfläche von fast 800 Quadratmetern nicht viel ist. Doch spätestens als sie beschließt, ein vollwertiges Untergeschoss zu bauen, das den nur eineinhalb Meter hohen Keller ersetzen soll, beginnen die Kosten zu explodieren.

Am Freitag, dem 11. Oktober 2002, ist Assistent Kellum voll mit der Organisation der ersten Geburtstagsfeier von Tochter Sarah beschäftigt, die am nächsten Tag in Rhinebeck stattfinden soll – mit einem Streichelzoo und einem Gastauftritt des Countrystars Rosanne Cash, der Sarahs Lieblingswiegenlieder spielen soll –, da klingelt sein Telefon. Mit aufgeregter Stimme meldet sich der Bauleiter, irgendetwas sei schiefgegangen.
Seit Tagen ist ein Trupp damit beschäftigt, das Kellergeschoss unter den townhouses auszuheben. Doch im Verlauf der Arbeiten gibt die Wand, die Leibovitz’ Haus mit dem Nebengebäude verbindet, nach und senkt sich mehrere Zentimeter ab. Die Mauer löst sich vom Boden, eine Lücke klafft. Die Versicherung kommt zwar für einen Teil des Schadens auf, doch die Nachbarn, die sofort ausziehen müssen, klagen. 2003 einigen sich die Parteien in einem Schiedsverfahren: Leibovitz muss der Familie deren zerstörtes Anwesen für 1,87 Millionen Dollar abkaufen.

Erstmals kann sie nicht zahlen – so viel, wie alle glauben, verdient sie offensichtlich gar nicht. Eine enge Vertraute verrät, der viel zitierte „Vertrag auf Lebenszeit“ sei reine Fiktion (tatsächlich deutet alles auf zwei Millionen Dollar pro Jahr hin, und der Vertrag läuft bis 2011), die legendäre Tagesgage von 250 000 Dollar für Werbung scheint ebenfalls zu hoch gegriffen. („Sie bekommt weniger als die Hälfte“, informiert ein Eingeweihter.) Auch scheint Annie Leibovitz bis zu diesem Zeitpunkt nicht besonders an Nebeneinkünften interessiert. Trotz eines 100 000-Dollar-Preisschilds für ein Auftragsporträt (die Geschäftspraxis, die Warhol in seiner Lebensmitte das Vermögen sicherte) gibt es stets Nachfrage, bestätigt ihr früherer und erst kürzlich wieder beauftragter Galerist James Danziger.

Es kommt vor, dass Leibovitz einen Job einfach so ablehnt. Und wenn sie ihn übernimmt, kann es Jahre dauern, bis ein Termin gefunden wird. Den sie dann immer wieder in letzter Minute absagt – nicht selten, um einen Eilauftrag von Condé Nast vorzuziehen. 1990 etwa zahlt ihr die Galeristin Mary Boone 197 000 Dollar für fünf Künstlerporträts. Leibovitz legt nur vier vor, verspricht aber, es mit einer Aufnahme von Boones fünfjährigem Sohn wiedergutzumachen. 13 Jahre und zahllose Terminverschiebungen später geht Boone vor Gericht – ihre Klage wird wegen Überschreitung der sechsjährigen Frist abgelehnt.
Edwynn Houk, der Leibovitz von 1998 bis 2008 als Galerist vertritt, hat keine Schwierigkeiten mit dem Verkauf ihrer Fotos. Im Gegenteil. Nur nimmt sich Leibovitz allzu selten die Zeit, ihre Arbeiten zu signieren. Käufer, die schon den vollen Preis bezahlt haben, müssen bei ihm bis zu zwei Jahre auf ihre Bilder warten. „Nichts scheint mir leichter, als ein Foto zu signieren“, sagt Houk heute. „Es ist mir ein Rätsel, warum es so lange dauerte.“ Dass seine Beschwerden nie direkt zu Leibovitz durchdringen, hat mit ihrer Angewohnheit zu tun, auch fest terminierte Telefongespräche regelmäßig aufzuschieben. „Unser Rekord liegt bei 16 Monaten Funkstille“, seufzt Houk.

Inzwischen drücken nicht nur die Raten für die Häuser – auch die laufenden Kosten für ihren Lebensstandard sind immens: die Ausflüge nach Paris, Köche und Hausmeister, das Mädchen für alles, der eigene Yogatrainer, der Gärtner, die Vollzeitnanny. Es ist unmöglich, diese Ausgaben zusammenzurechnen – doch so komisch es für einen Außenstehenden klingen mag: Annie Leibovitz lebt längst über ihre Verhältnisse.
Eine enge Mitarbeiterin glaubt, sie habe sich zu sehr mit ihren Objekten identifiziert: „Fotografen sind keine Profisportler, Popstars oder Supermodels. Verglichen mit 99 Prozent der Weltbevölkerung macht Annie ein Vermögen. Zum Problem wird es erst, wenn jemand meint, mit Oprah Winfrey oder Madonna mithalten zu können.“

2004 nimmt Leibovitz, die immer noch Geld braucht, um für das Nachbarhaus in Greenwich aufzukommen, einen wie üblich hochverzinslichen Überbrückungskredit auf. Er soll sie über Wasser halten, bis andere Immobilien abgestoßen sind, ihr Studio an der 26th Street zum Beispiel. 2005 kommt das Penthouse im London Terrace dazu. Die Verkäufe müssen zweistellige Millionensummen gebracht haben, aber immer noch nicht genug, um die Schulden zu tilgen. Wie so viele Amerikaner während des Booms hat auch Leibovitz Darlehen auf Darlehen gehäuft. Ende 2008 belaufen sich ihre Gesamtschulden bereits auf 15 Millionen Dollar.

Hinzu kommen Probleme mit den Steuerbehörden und vermehrt Klagen wegen unbezahlter, meist deutlich sechsstelliger Forderungen von Lichtverleihern oder Stylisten. 2006 benötigt Leibovitz wieder dringend Geld und nimmt bei einem Unternehmen namens Rhinebeck Properties LLC, das am Hauptsitz von Condé Nast angesiedelt ist, zwei Kredite mit einem Gesamtvolumen von 7,25 Millionen Dollar auf. 2007 richtet sie ihr Finanzmanagement neu aus.
Im Juni arrangiert sie ein Treffen mit Edwynn Houk, um ihm mitzuteilen, er solle ihre Arbeiten ab sofort offensiv anbieten. Houk hat Porträts von Musikern wie Iggy Pop und Johnny Cash für rund 5000 Dollar verkauft, doch Leibovitz braucht mehr Geld, als damit zu erzielen ist. Sie beschließen, ein „Master Set“ in einer Auflage von sieben zusammenzustellen, bestehend aus den 200 bedeutendsten Fotos im Format 100 mal 150 Zentimeter zum Preis von je 25 000 Dollar. Der erhoffte Gesamterlös: 35 Millionen.

Ein Jahr später, kurz nachdem er die ersten Abzügen auf der Paris Photo zeigt, erhält Houk einen Anruf von Leibovitz’ Assistenten: Annie werde seine Dienste nicht länger in Anspruch nehmen. Wenig später kündigt das Auktionshaus Phillips de Pury & Company an, es vertrete ab sofort Annie Leibovitz und präsentiere im Oktober, quasi als erste Amtshandlung, 24 Bilder des „Master Set“ in der Londoner Dependance für 33 000 Dollar pro Abzug.
Als de Pury Annie Leibovitz unter Vertrag nimmt, scheint das Management nicht über eine entscheidende Tatsache im Bilde zu sein – eine Tatsache, von der man angeblich erstmals durch eine Titelstory in der „New York Times“ vom 24. Februar dieses Jahres erfahren hat. Dort berichtet die Zeitung, dass Leibovitz zwei Kredite über insgesamt 15,5 Millionen Dollar (mittlerweile weiß man: 24 Millionen) bei der Kunstpfandfirma Art Capital aufgenommen hat.
Im Rahmen einer Vereinbarung, die einige Monate später getroffen wurde, scheint das Unternehmen dafür das alleinige Recht zu besitzen, Leibovitz’ Fotokatalog zu Geld zu machen. (Die Künstlerin hat sich inzwischen von Phillips de Pury getrennt und wird wieder von James Danziger vertreten. Anscheinend glauben sowohl Leibovitz als auch Danziger, sie besäßen noch Rechte oder könnten diese zurückerlangen.)

Im Art-Capital-Deal laufen alle Verbindlichkeiten einschließlich der beiden Hypotheken zusammen. Die Zinshöhe ist nicht bekannt, nur die Laufzeit von einem Jahr. Eigentlich musste Leibovitz bis zum 8. September dieses Jahres 24 Millionen Dollar zuzüglich Zinsen zurückzahlen – in letzter Sekunde wurde ihr ein Aufschub gewährt. Laut Vertragsbedingungen hat Art Capital noch zwei Jahre nach Begleichung der Schuld Anspruch auf bis zu zehn Prozent aus dem Verkauf von Leibovitz’ Immobilienbesitz und auf 15 Prozent aus dem ihrer Arbeiten. Sollte Leibovitz den Betrag nicht begleichen können, werden zudem Verzugsgebühren von 25 Prozent fällig und Prozesskosten von mindestens 14 Prozent.

Über die Zusatzbestimmungen des von ihr unterzeichneten Vertrags sei sie sich nicht im Klaren gewesen, behauptet die Fotografin – sie zeigte das Dokument vorher keinem Familienangehörigen, nicht ihrem Agenten oder Anwalt. „Glauben Sie mir, sie war überzeugt davon, dass es sich um ein reines Darlehen handelt“, sagt ihre Schwes­ter Paula.

Die Chancen, sich von dem gewaltigen Schuldenberg zu befreien, sind schlecht. Früher hätte ihr wohl Condé-Nast-Chef Si Newhouse geholfen, doch seit der Verlag selbst in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, ist es kaum vorstellbar, dass er für mehr als einen Bruchteil aufkommt.
Einzig Getty Images, die größte Bildagentur der Welt, bietet sich als Retter an. Viele Jahre hatte sie sich vergeblich um Leibovitz bemüht. Im Januar trat Art Capital an Getty heran, um zu sondieren, inwieweit die Agentur Interesse am Fotokatalog habe, Schätzwert: 50 Millionen Dollar. Getty bot 15, das Geschäft kam nicht zustande. Im März gab Getty bekannt, man werde mehrere Projekte mit Annie Leibovitz realisieren, für acht Fotoaufträge habe man ihr 1,1 Millionen Dollar versprochen.

Kurz nach der Veröffentlichung der Pressemitteilung sollen sich Vertreter von Art Capital wiederholt bei Annie Leibovitz gemeldet haben, um mit ihr einen Termin zur Besichtigung des townhouse in Greenwich Village zu vereinbaren. Sie wollten ihren Besitz inspizieren und den Wert des Hauses schätzen lassen. Leibovitz fühlte sich belästigt: Sie habe nicht den Eindruck, ihr Apartment verkaufen zu müssen.
Nun prozessiert Art Capital gegen Getty und gegen Leibovitz wegen Vertragsbruchs. Was dabei auch herauskommt: Leibovitz’ Leben wird sich dramatisch ändern. Ihre Schwester meint, es sei Zeit, völlig von vorn anzufangen. „Ich habe versucht, sie zum Weggehen zu überreden“, sagt Paula. „Ich sage ihr immer wieder, komm zu uns, die Leute in Kalifornien sind wirklich nett.“
Aus dem Amerikanischen von Matthias Sommer