Die Schönheit des Scheiterns
Heerscharen von Künstlern arbeiten sich gerade an den Utopien der Moderne ab. Doch keiner tut es so dreist, radikal und mit vollem Körpereinsatz wie Cyprien Gaillard. Falls demnächst Ihr Wohnblock in die Luft gesprengt werden sollte – Gaillard ist der junge Mann mit der Kamera. Und ihr Haus mit Sicherheit der Hauptdarsteller seines nächsten Films
Die Nase ist definitiv gebrochen. Nicht nur das Blut lässt darauf schließen, sondern auch ein Knick, als hätte sie plötzlich ein Gelenk. Dennoch wirkt vor allem der Blick des Mannes mit dem nackten Oberkörper verletzt. Nicht theatralisch anklagend und auch nur ganz kurz. Aber man kann ihm dabei zusehen, wie in seinen Augen ein kleiner, stechender Verdacht aufblitzt.
„Dafür“, fragt er wortlos seinen besten Freund, der ihm nicht geholfen hat, sondern weiterdreht, „sind wir hergekommen?“ Ohne den Unfall wäre der kurze Film jedenfalls kein so gutes Kunstwerk geworden. „The Lake Arches“ von Cyprien Gaillard entstand zufällig an seinem 25. Geburtstag. Eigentlich filmt und fotografiert der Franzose, Jahrgang 1980, auf der ganzen Welt einstürzende Häuser, abgewrackte Wohnblocks inmitten erhabener Landschaft, postkommunistische Steinwüsten oder groteske Monumente. Seine Arbeiten leben von einer schlauen Mischung aus jugendlichem Spaßvandalismus, Romantizismus und besonders von einem extrem guten Blick für die ästhetischen Qualitäten der randständigen Ruinen der Moderne.
Der Künstler rollt auf seinem Stuhl hin und her, während er sehr dünne, lange Zigaretten mit weißem Filter raucht. Das Atelier in Berlin-Kreuzberg, in dem er seit sechs Monaten als Stipendiat des DAAD lebt, ist hell und großzügig und so lässig bewohnt, wie es nur mit richtig bürgerlichen Behausungen funktioniert.
Auf dem Tisch in der Mitte liegen Polaroids, ein Stapel Kataloge, ein Notebook, aus dem ziemlich laut erstaunlich alte Musik kommt. „When I think of all the good times that I’ve wasted having good times“ – Eric Burdon and The Animals. Das erste Mal, sagt Cyprien Gaillard, habe er so etwas wie einen Arbeitsraum. Sonst sei er immer draußen. „Always outside“ hört sich bei ihm wie ein Wort an. Man kann sich einbilden, seiner Stimme die vielen Einsätze im Freien anzuhören. All die Partys und S-Bahn-Tunnel und Explosionen haben sie verstaubt und ein bisschen kratzig gemacht.
An die gegenüberliegende Wand hat Gaillard locker Fragmente seiner Arbeit aus den vergangenen fünf Jahren gepinnt. Unter anderem: die fast schon fantastische Aufnahme eines theatralisch beleuchteten Friedhofs, hinter dem ein verlassener Wohnblock in die Nacht ragt, Sekunden vor seiner Sprengung. Oder die Niagarafälle bei Nacht, surreal himbeerrot angestrahlt. Ein in weiße Schwaden getauchter Park. Und der Blutverschmierte mit den nassen Haaren, hinter ihm ein unwirklich aussehendes Wohnquartier.
Es war natürlich keine Absicht!“ beteuert Gaillard und erzählt von jenem 25. Geburtstag, den er in Paris mit Freunden feierte. Einen von ihnen fragte Gaillard gegen Morgen, ob er sie alle an diesen Ort am Rand der Stadt bringen könne. Sie hatten schon viel getrunken, trotzdem aber noch die Wassertiefe des künstlich angelegten Sees geprüft – bevor zwei der Freunde synchron einen Kopfsprung machen und auf das merkwürdige Haus am Horizont zuschwimmen wollten.
Doch in letzter Sekunde verlegte Gaillard den Startpunkt wenige Meter, um mit der Videokamera eine noch bessere Perspektive auf das Gebäude zu bekommen, ein postmodernes Ensemble in Saint-Quentin-en-Yvelines von Ricardo Bofill aus dem Jahr 1986. Schlecht für die Nase des Freunds, gut für den Film, der, an einem unglaublichen Schauplatz, eben auch von extremem körperlichem Einsatz und engen persönlichen Verbindungen erzählt. Genau von den Dingen, die Gaillards spezielles Verhältnis zur Kunst ausmachen. „Ich versuche, so weit es geht, mit der Landschaft zu interagieren“, sagt Gaillard. Was bedeutet, dass die Landschaft auch zurückschlagen darf.
Mit 20 hatte er über Robert Smithson gelesen und dabei festgestellt, dass die Land-Art der Gegenwart ein Christo-Andy-Goldsworthy-Problem hat, also am Ende ist. „Dann dachte ich, es wäre eine schöne Sache, alle Feuerlöscher der Stadt zu klauen, sie irgendwo aufs Land zu bringen und eine große Wolke auszulösen.“ Zunächst in einen Wald am Pariser Stadtrand. Hier begann Cypriens inzwischen sechsteilige Serie „Real Remnants of Fictive Wars“ – echte Überreste ausgedachter Kriege. Ein pyromanischer Jungs-Katastrophenfilm ohne Feuer, ein großer, verbotener Spaß einerseits. Andererseits: Die Aufnahmen von langsam vernebelten Landschaften sind von entrückter Schönheit. Die Anleihen an die Malerei der Romantik können kein Zufall sein. Die Kameraeinstellung ist perfekt.
Und schon bei diesen frühen Arbeiten ist klar, dass Cyprien Gaillard nicht nur ein cleveres Problemkind ist, das irgendwer in die Kunstwelt eingeschleust hat. Er mag der Typ sein, der in der Schule als Erster den Feuermelder einschlägt und die Feuerlöscher stiehlt. Doch am Ende fährt er damit nach Utah und sprüht Robert Smithsons „Spiral Jetty“ ein.
Im Sommer nahm Gaillard an der Schau „Younger Than Jesus“ im New Museum teil – und auf einmal schrieben zwei New Yorker Kritikergrößen, Peter Schjeldahl und Jerry Saltz, innerhalb derselben Woche hauptsächlich über diesen jungen Mann, der russische Schlägerbanden aufeinander losgehen lässt. Der Film „Desniansky Raion“ ist faszinierend: Er beginnt mit einer Standeinstellung auf das marode 35-stöckige Westtor Belgrads, den Genex-Turm.
Anschließend laufen in einem Vorort von St. Petersburg einheimische und Moskauer Hooligans in blauen oder roten Trikots, manche mit weißen Handschuhen, geordnet einen Hügel hinauf – um dann auf einem Parkplatz umstandslos in eine Massenschlägerei überzugehen. Der organisierte Gewaltausbruch verstört wie ein Schlachtengemälde, gedreht wurde er aus einem der umliegenden Wohnsilos.
Gaillard zählt zu den vielen Künstlern, die sich an der gescheiterten Utopie der Moderne abarbeiten (siehe Essay, Monopol, September 2009). Doch er gehört zu den interessantesten, weil er stets eine physische Unmittelbarkeit ins Zentrum seiner Überlegungen stellt und nicht nur die Theorie.
Ihn auf ein künstlerisches Anliegen festzunageln fällt schwer: Er liebt modernistische Sozialbausiedlungen, und sowohl seine Kenntnisse darüber als auch die Bildästhetik, in denen er sie festhält, sind bestechend. Gleichzeitig freut er sich wie ein aufsässiges Kind über jede Sprengung, an der er teilnehmen kann. Verwachsen mit urbaner Architektur, hasst er den Erneuerungswillen der Städteplaner dennoch inbrünstig.
Manchmal fliegt er schnell nach Glasgow, dort reißen sie gerade, für ein Commonwealth-Sportfest 2014, zahlreiche der unter Thatcher errichteten Sozialbauten ab. „Das ist ein extrem machiavellistisches Ding: Die Menschen wollen natürlich ihre Häuser behalten, sie demonstrieren gegen den Abriss. Aber das Spektakel selbst ist so unfassbar schön, dass es alle euphorisiert. Die stärkste Erinnerung, die sie an ihre Bleibe haben werden. Und plötzlich legitimiert das Schauspiel die Entscheidung der Stadt.“
In einem Film von 2008, „Pruitt-Igoe Falls“, filmte Gaillard den Einsturz eines 18-stöckigen Wohnhauses in Glasgow bei Nacht. Lautlos kollabiert das Gebäude, der Staub verteilt sich unaufhaltsam, und mit fast unmerklicher Überblendtechnik erscheint eine nächtliche Ansicht der pink beleuchteten Niagarafälle – zwei Versionen von vergeblichen menschlichen Versuchen, alles irgendwie schöner zu machen.
Gaillard zeichnet die Zerstörung nicht nur auf, er wird auch selbst gern destruktiv, wenn er zum Beispiel die Natur mit Löschpulver vergiftet. Er hält das nicht für bedenklich – verglichen mit dem „Staatsvandalismus“, der ganze Nachbarschaften zerbrösle, um olympische Dörfer hochzuziehen. Er selbst setze schließlich nur menschliches Maß dagegen.
Gibt es überhaupt zeitgenössische Architektur, die er schätzt? „Am Anfang gefiel mir Rem Koolhaas, aber heute muss ich sagen, seine Bauwerke sehen nach ein paar Jahren nicht mehr gut aus. Ehrlich gesagt hasse ich Architekten wegen ihrer Arroganz. Wie können sie behaupten, ausgerechnet ihre Objekte würden besser altern als die, die es bereits gibt?“
In Gaillard einen streetsmarten Untergrundkämpfer zu suchen führt nicht weiter. Es geht ihm nicht darum, die eine Welt zu sabotieren, um eine andere aufzubauen. Den Verfall selbst gilt es zu akzeptieren. Das Kaputte ist für ihn nicht das Gegenteil eines Idealzustands, kein zu behebender Fehler, sondern selbstverständlicher Teil dieses Modells. Wie die Ruinenmaler der Romantik antike Säulenstümpfe mit ewigen Pyramiden zu imaginären Sphären zusammenstellten, so müsste es für Gaillard hier aussehen. Und niemand hätte Angst vor dem Chaos einer immer weiter wuchernden, sich in Schichten übereinanderlagernden Stadt.
In einer Sequenz des Filmklassikers „Koyaanisqatsi“, in der von Hubschraubern aus einschüchternd große Wohntürme gefilmt werden, entdeckte Gaillard erstmals das soziale Projekt Pruitt-Igoe in St. Louis. Errichtet in den 50er-Jahren und Anfang der 70er unter großer öffentlicher Diskussion wieder abgerissen, wurde die Großsiedlung von Regisseur Godfrey Reggio als unmenschlicher Schreckensbau eingesetzt. Gaillard jedoch, zwei Generationen später, nahm Pruitt-Igoe mit Empathie in seinen künstlerischen Kosmos auf. Seine bislang beste Ausstellung im Fridericianum in Kassel Anfang 2009 nannte er „Pruitt-Igoe Falls“.
Das Scheitern interessiere ihn am meisten, erklärt der junge Künstler und streckt die Beine von sich. „Erst wenn man begreift, dass der eigene Vater kein Held und auch die Mutter angreifbar ist, kann man doch anfangen, seine Eltern zu lieben. Eben nicht auf diese blinde Art und Weise wie zuvor. Mit Bauwerken verhält es sich genauso: Sobald man ihre Unzulänglichkeiten versteht und das Ganze sieht, beginnt man, sie wirklich zu mögen.“
Jedes modernistische Gebäude, das in den allgemeinen Architekturkanon aufgenommen ist, sollte die Patenschaft für eines übernehmen, das es nicht geschafft hat und demontiert wurde. Das schlug Cyprien Gaillard auf der 5. Berlin Biennale 2008 vor. Er ließ vor der Neuen Nationalgalerie, dem Kronjuwel der architektonischen Moderne, die Bronzeskulptur einer Ente errichten. Die plumpe, fast tragikomische Statue stammte aus Beaugrenelle, einem der wenigen innerstädtischen Pariser Bezirke mit Wohnhochhäusern, wo sie als identitätsstiftendes Maskottchen so rührend wie vergeblich jahrzehntelang herumstand.
Gaillard wollte den lächerlich proportionierten Vogel eigentlich stehlen, aber selbst mit zehn Leuten war er nicht auf die Ladefläche zu bekommen. So lag er ein halbes Jahr lang neben seinem Sockel. Bis Gaillard 2008 von Biennale-Kurator Adam Szymczyk die Einladung nach Berlin erhielt, diesem das Objekt vorstellte und man den Umzug der Ente als offiziellen Kunsttransport durchführte.
Wir sehen uns Skaterfilme aus San Francisco an. Tony Hawk in den 90ern auf dem Justin Herman Plaza, einem öffentlichen Platz, in dessen Mitte sich damals noch eine pyramidenförmig ansteigende, weitläufige Sitzplastik befand. Extrem lange Betonkanten, Geschwindigkeit und Abrieb, Vollkontakt mit der City. Gaillard, Sohn einer Amerikanerin, war oft in den USA. Auf ebendiesem Plaza, um genau zu sein. „Ich habe jeden Tag acht oder zehn Stunden in San Francisco an dem einen Stück Beton verbracht. Das Großartige am Aufwachsen in der Skateboard- und Graffitiszene ist, dass man so eng mit der Architektur verbunden ist. Man sieht dann jeden Ort der Welt erst einmal aus dieser Perspektive, die entscheidenden Plätze kennt man schon aus Videos, man muss gar nicht dort gewesen sein.“
Straßenkultur in Galerien hasst er. „Das hat dann überhaupt nichts mehr mit der Architektur zu tun, total sinnlos und hohl!“ Er erzählt seine Erkenntnis aus der Sprayerszene: „Wenn man fragen würde: Was magst du lieber, Graffiti oder Züge?, wäre die Antwort bei den meisten: Züge. Graffiti ist nur die Erfindung einer Beschäftigung, damit man Zeit mit Zügen und in Tunnels verbringen kann. Erfunden für einen Ort, der keine Beschäftigung anbietet.“ Der vermeintliche Vandalismus sei nichts anderes als der übermächtige Drang, sich mit der Stadt körperlich auseinanderzusetzen und sie nicht nur passiv zu bewohnen.
Seine eigenen Arbeiten sollen das Leben auf der Straße allerdings niemals imitieren. Er legt sogar großen Wert darauf, seine „Geographical Analogies“ besonders leblos, wie Präparate aus dem Naturkundemuseum, zu präsentieren. Für diese Polaroidserie fügt er immer je neun Fotografien von ähnlichen Motiven aus aller Welt zu einem Rhombus zusammen und zeigt sie in Vitrinen. Die analogen Sofortbilder sind ja tatsächlich vom Aussterben bedroht. „Polaroid ist perfekt für mich, perfekt für ungeduldige Menschen.“ Außerdem: Sie altern.
Verfall ohne jede morbide Lust ist der Schlüssel zu seinem berserkerhaften und gleichzeitig weisen Universum. „Hier“, sagt er und krempelt sein rechtes Hosenbein hoch: neben dem Schienbein eine 20 Zentimeter lange, tiefe Schramme, zahllose andere Narben lassen sich erahnen. „Das ist aus Georgien, da war ich gerade mit Freunden. Wir sind in ein Haus eingestiegen und haben Ärger bekommen. Man muss was riskieren.“ Die Ruine umarmen, die man einmal sein wird. Nichts vermeiden. Dafür ist Cyprien Gaillard hergekommen.
Im April 2010 eröffnet Cyprien Gaillard seine große Einzelausstellung im Hirshhorn Museum, Washington. Aktuelle Ausstellungen, an denen Gaillard teilnimmt: „Die Moderne als Ruine“, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz, bis 17. Januar 2010. „Warsaw Under Construction“, Museum für Moderne Kunst Warschau, bis 22. November
- Cyprien Gaillard (Künstlerdatenbank)
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