Harald Hauswald Im freien Fall
Kein Foto konnte Harald Hauswald machen, ohne dass die Stasi ihn und sein Motiv aus der Ferne beobachtete. Nur durch die Linse blickte er ganz allein – und wurde so zum „Cartier-Bresson der DDR“. In Monopol zeigt er nun 20 Jahre nach der Wende unveröffentlichtes Material und spricht über Opposition und Ostalgie
Herr Hauswald, woran erinnert Sie dieses Zitat: „Vordergründig zeigen die ausgestellten Arbeiten Skepsis zum in den Fotos dargestellten Leben in der DDR“?
Tja, das ist aus meiner Stasiakte. Ein Bericht über die Eröffnung einer Schau von mir. Und wohl einer der wenigen Punkte, bei denen die etwas richtig erkannt haben: Ich war tatsächlich skeptisch und mit der Regierungsform nicht einverstanden.
Warum sind Sie dann in der DDR geblieben? Ihre damalige Lebenspartnerin reiste 1979 aus.
An den Antrag dachte ich immer. Aber eigentlich brauchte ich auch die Spannung, mich an der Führung zu reiben, trotz aller Ängste. Durch das Fotografieren konnte ich den Kopf freikriegen. Es hat Spaß gemacht, ich habe Leute kennengelernt und konnte diese kleine Welt mit der Kamera erobern.
Größtenteils in Schwarz-Weiß.
Weil die klassische Reportage- und Straßenfotografie darin begründet ist. Außerdem war die Farbqualität im Osten oft zu schlecht.
In Ihren Stasiakten steht auch, es sei ein Mittel gewesen, um die Tristesse der DDR zu präsentieren.
Völliger Quatsch! Ich habe natürlich versucht, Bilder zu finden, die man in der amtlichen Presse nicht zeigte. Aber ich hatte doch gar keinen Vergleich zum Westen. Ob trist oder nicht, war mir total egal.
Sie begannen früh, in westlichen Medien wie „Stern“, „Geo“ und „taz“ zu veröffentlichen. Und 1987 kam sogar ein Fotoband von Ihnen bei einem westdeutschen Verlag heraus. Wie haben Sie das hinbekommen?
Es gab 14 akkreditierte Westjournalisten, die in Ostberlin lebten. Da hatte die DDR einen Fehler gemacht und denen quasi diplomatischen Status zukommen lassen. Die konnten Arbeitsmaterial unkontrolliert hin- und hertransportieren. Ich habe vor allem mit Hans-Jürgen Röder vom Evangelischen Pressedienst und „Stern“-Mann Peter Pragal zusammengearbeitet, häufig eine abenteuerliche Sache. Ich konnte selten mit Peter Termine am Telefon absprechen, sonst stand fünf Minuten später die Polizei vor seiner Tür.
Wann haben Sie gemerkt, dass Sie bespitzelt wurden?
Nach der ersten Verhaftung 1982. Morgens um halb acht wurde ich abgeholt und in einer Art Durchgangszimmer verhört. Mittags lief einer so demonstrativ mit Unterlagen durch den Raum, dass ich gleich sah: Das ist aus meiner Wohnung. Am Abend ließen sie mich wieder gehen. Ich hatte zwei Schutzengel. Zum einen die Westjournalisten, zum anderen die Kirche, bei der ich angestellt war. Die DDR war zu der Zeit sehr auf internationale Anerkennung bedacht. Da konnte man nicht einfach einen Fotografen gefangen nehmen, weil der drüben Bilder veröffentlicht hat. Das hätte in den Nachbarländern für zu große Aufregung gesorgt.
Sie hatten eine kleine Tochter. Bekommt man da nicht Angst, dass einem etwas zustößt?
Selbstverständlich. Ich stellte eine Vollmacht aus, dass sich in diesem Fall die Kirche um sie kümmert. Aufhören konnte ich allerdings nicht mehr. Da war ein Prozess ins Rollen gekommen. Und ich hätte ja nicht zur Stasi gehen können und sagen: „Liebe Leute, lasst mich in Ruhe, ich bin jetzt kein böser Bube mehr.“ Leicht ist das alles nicht gewesen, die versuchten auch mal, mir meine Tochter wegzunehmen, nahmen sie von der Schule und steckten sie ins Heim. Ich kämpfte und hatte sie gleich wieder draußen. Sie konnte doch nichts für meine Fotografien.
Was hat Sie dazu bewegt, weiterzumachen?
Ich steckte damals bereits tief in der ganzen Oppositionsszene, woher unglaublich viel Anerkennung kam. Auch aus dem Freundeskreis. Die wussten meine Arbeiten zu schätzen, verstanden sie, was sehr wichtig für mich war. Außerdem wollte ich mein Leben leben und fand nichts Verwerfliches dran.
Was änderte sich für Sie, wenn Sie durch die Kamera in den DDR-Alltag schauten?
Der Fotoapparat ist für mich zunächst einmal die Eintrittskarte in diese Welt. Ich bin ein neugieriger Mensch, hatte mich schon früh um Ausstellungen bemüht und dann auch schnell einen guten Ruf. Und die Menschen waren auch in Ordnung, die haben sich gern fotografieren lassen. Das ist heute wesentlich schwieriger.
Sie haben vor allem Randerscheinungen porträtiert: Punks, Menschen, die im Müll nach Essen suchen, verbitterte Senioren …
… gab es alles in der DDR. Aber eben nicht offiziell. Die Punks bewunderte ich, weil sie allein durch ihr Äußeres auf Konfrontationskurs zum Staat gegangen waren. Ich wollte diese Solidargemeinschaft festhalten. Und das Bild des älteren Manns an der Mülltonne, über dem ein Schild prangt, das in die Sauna einlädt – ich habe viele von diesen Fotos gemacht.
Wie empfanden Sie die Künstlerszene im damaligen Ostberlin?
Nun ja, die Kunst hatte in der DDR eine ganz bestimmte Funktion. Um die zu umgehen, musste man bei seiner eigenen zwischen den Zeilen sprechen. Wer fähig war, hat das dann entsprechend verpackt.
Haben Sie sich schon immer als Künstler gesehen?
Ich war Dokumentarfotograf. Heute ist das jedoch eine merkwürdige Mischung: Ich hatte möglicherweise das Glück, dass mein ganzes Land verschwand. So ist aus meiner Fotografie vielleicht Kunst geworden.
Deshalb haben Sie auch die Schau „Ostzeit“, die diesen Sommer im Berliner Haus der Kulturen der Welt lief, mitgeplant.
Eine sehr gute Ausstellung übrigens. Mit viel mehr Zulauf und Resonanz, als wir erwartet hatten. Mein Beitrag war, gegen die Verklärung der DDR anzugehen, was mir besonders am Herzen liegt. Und gegen Schönfärberei hilft das Medium der Dokumentarfotografie unbedingt.
Wie gehen Sie mit dem Kontrast um, in Fachkreisen eine Legende zu sein, aber in Kaufhäusern und Rathäusern auszustellen?
Das ist für mich kein Widerspruch. Ich fotografierte damals all diese Menschen und möchte etwas zurückgeben. Ich habe sogar schon in Friseursalons ausgestellt. Und glauben Sie mir, das werde ich immer wieder tun – egal, wie viele große Museen meine Werke kaufen.
In einem Magazin hieß es mal, Sie seien ein Maler, ein Pleinair-Künstler, der die Kamera benutze.
So etwas ehrt mich natürlich. Obwohl man das schon so sagen kann, da ich großen Wert auf Komposition lege. Der Inhalt allein reicht mir nicht, auch die Form muss stimmen. Ich schaue beim Fotografieren immer bis in den letzten Winkel.
Sogar als der Cartier-Bresson der DDR wurden Sie schon bezeichnet.
Ja, ja, aber das will ich nicht beurteilen. Natürlich fühle ich mich der Tradition der Magnum-Fotografen verpflichtet, und vielleicht rührt daher der Vergleich. Aber mit Vorbildern bin ich vorsichtig. Man kann doch immer nur mit seinem eigenen Gefühl fotografieren, ansonsten ist das Ergebnis nicht mehr authentisch.
Wie entscheiden Sie, ob Sie in Schwarz-Weiß oder in Farbe arbeiten?
Das passiert, bevor ich losgehe. Weil man dann auch so oder so denkt. Du musst den dreidimensionalen Raum in ein zweidimensionales Bild verwandeln. Bei Schwarz-Weiß ist das viel härter. Wenn ich in Farbe arbeite, habe ich meistens einen Auftrag oder ein bestimmtes Ziel.
Die Farbfotografien des Monopol-Portfolios sind bislang unveröffentlicht geblieben. Warum?
Ich hatte sie, ehrlich gesagt, vergessen. Sie entstanden für eine „Geo“-Reportage Ende der 80er-Jahre, aus Kodak-Material, so etwas gab es in der DDR nicht. Die hatten mir damals 100 Filme geschickt. Ich habe diese Bilder erst kürzlich in meinem Archiv wiederentdeckt und war sehr überrascht.
Sind Ihnen die Geschichten dazu direkt wieder eingefallen?
Das Foto mit dem Kohlenträger ist bei Zittau an der polnischen Grenze aufgenommen, die Kleinen, die aus der Holzhütte gucken, im Kindergarten der Zionskirchgemeinde. Diese Gemeinde wurde damals wegen eines Überfalls von rechten Schlägern und einer Stasidurchsuchung bekannt. Das blaue Rostauto, in dem der Junge spielt, stand im Hinterhof meiner Wohnung. Mir gefällt auch das Foto vom Alexanderplatz sehr, das mit der Flugwerbung „Europa, Asien, Afrika, Amerika“. Eine wirklich schöne Ironie.
Was bedeutet Ostalgie für Sie?
Die ist seit vier, fünf Jahren weg, die gibt es nicht mehr. Gut so! Denn mit dieser Welle machte man sich über die DDR lustig. Witze sind völlig in Ordnung, aber bitte nicht als Mode- oder Kunsterscheinung. Irgendwann muss man sich auch mal ernsthaft mit der Geschichte auseinandersetzen.
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