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Familienbetrieb Kunst (6)

"Wir könnten gut noch einen Bruder gebrauchen"

Monopol Online stellt Galeristen vor, die mit Kunst aufgewachsen sind oder als Familienbetrieb wirtschaften. In Folge 6: die Brüder Frank und Ralf Lehmann. Frank Lehmann eröffnete noch vor der Wende eine Galerie in Dresden; wenig später stieg sein Bruder Ralf mit ein. Seit zwanzig Jahren arbeiten die Geschwister nun zusammen – als einzigartiges Beispiel für eine Galerie in Familienbetrieb, wo zwei Brüder gleichzeitig das Sagen haben und sich dennoch auf Künstler wie Eberhard Havekost, Martin Honert, Frank Nitsche oder Suse Weber einigen.

von Christiane Meixner
27.08.2009
Frank und Ralf Lehmann, 17.6.1989, courtesy Frank und Ralf Lehmannzur Bilderstrecke
Frank und Ralf Lehmann, 17.6.1989, courtesy Frank und Ralf Lehmann

Herr Lehmann, in Ihrer Berliner Galerie steht nur ein Stuhl im Büro. Wer von Ihnen beiden darf denn auf dem Chefsessel Platz nehmen?
Ralf Lehmann: Hier steht im Moment tatsächlich nur ein Stuhl. Aber unser Ziel ist ja, dass die Galerie in Dresden und Berlin autonom funktionieren und wir uns mehr um Reisen und andere Sachen kümmern.

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  • Frank und Ralf Lehmann, 17.6.1989, courtesy Frank und Ralf LehmannMarkus Draper "nächtelang", Galerie Gebr. Lehmann, Dresden, 2000, courtesy Galerie Gebr. Lehmann, Dresden/BerlinEberhard Havekost "Zensur2", Galerie Gebr. Lehmann, Dresden, 2008, courtesy Galerie Gebr. Lehmann, Dresden/BerlinEröffnungsausstellung der Berliner Galerie "Wild West", 2007 (vorn Olaf Holzapfel), courtesy Galerie Gebr. Lehmann, Dresden/BerlinFrank und Ralf Lehmann in der Ausstellung Frank Nitsche "Jazz", 2007, courtesy Galerie Gebr. Lehmann, Dresden/Berlin
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Also soll gar keiner von beiden hier dauerhaft sitzen?
Nicht permanent. Die Reisen, auf denen Frank und ich Sammler besuchen oder Ausstellungen organisieren, haben so zugenommen, dass beide Galerien funktionieren müssen, auch wenn wir nicht da sind.

Sie sind der ältere Bruder. Unter Geschwistern ist es oft so, dass der Ältere den Ton angibt …
Das gilt für uns nicht. Wir sind gleichberechtigt, wenn auch verschieden. Aber das hat ja auch etwas Gutes, weil man sich die Arbeit teilen kann und jeder macht, was ihm mehr liegt. Die Galerie hat ja auch mein Bruder gegründet, und ich bin dazu gestoßen.


Also teilen Sie alles, was die Galerie anbelangt?
Es gibt Bereiche, die wir nicht trennen. Die finanziellen Dinge zum Beispiel regeln wir gemeinsam. Wir haben aber festgestellt, dass der eine mit bestimmten Sammlern besser kann und dem anderen ein Künstler mehr liegt. So etwas merkt man während der Zusammenarbeit. Solche Sachen teilt man sich dann mit der Zeit auf. Ich weiß aber auch, dass viele Geschwister so etwas nicht schaffen.

Kann man das Thema Familie überhaupt aus der Arbeit ausklammern?
Wir sind ja nicht verheiratet und sitzen auch nicht zusammen von früh bis abends an einem Tisch. Jeder von uns hat seine Familie. Für mich wäre es viel problematischer, die Galerie mit der eigenen Frau zu führen, weil dann Arbeit und Privates komplett zusammen fielen.

Aber auf Kunstmessen treten sie gemeinsam auf?
Auf großen Messen wie der Art Basel natürlich. Auf kleinere ist auch schon einer von uns allein gegangen.

Wenn sich einer von Ihnen besonders um einen Künstler bemüht, heißt das, dass der andere mit ihm nicht so viel anfangen kann?
Jeder von uns hat Affinitäten. Aber hinter den Künstlern, mit denen wir zusammenarbeiten, stehen wir beide.

Wie werden Sie von den Künstlern wahrgenommen? Als ein Galerist mit zwei Köpfen oder als zwei völlig unterschiedliche Charaktere?
Das müssen Sie die Künstler fragen. Es gibt viele Dinge, die sie besser oder lieber mit einem von uns besprechen. Wichtige Sachen entscheiden wir aber gemeinsam. Das gilt für Ausstellungsprojekte genauso wie für Fragen, welche Arbeit man welchem Sammler vorschlägt und wer von ihnen nun eine VIP-Karte fürs Art Forum bekommt. Grundsätzlich wissen Frank und ich über alles Bescheid. Wenn zwei ihre Ideen zusammenwerfen, kommt doch meist etwas Besseres heraus.

Weshalb haben Sie eine Galerie eröffnet? In ihrer Familie gab es vorher weder Künstler noch Galeristen.
Unsere Eltern sind sehr kunstinteressiert und haben uns schon als Kinder zu Ausstellungen und in Ateliers mitgenommen. Zwei Maler, Curt Querner und Willy Wolff, besuchten wir häufiger, Querner hat Frank und mich auch porträtiert. Das hat uns geprägt. Wer sich in Dresden für Kunst interessierte, das aber nicht studieren durfte, der hat entweder Steinmetz oder Tischler gelernt. Das waren die zwei Berufe, in denen man sich tummeln und Kontakte zu anderen knüpfen konnte, die künstlerisch arbeiteten. Mein Bruder wurde also Tischler, und ich war Architekt. Dann kam einer im Freundeskreis auf die Idee, eine Galerie zu eröffnen.

Eine informelle. Es war schließlich Januar 1988.
Ja, in meiner Wohnung. Die war groß und auch vorher schon ein Treff. Mein Bruder wohnte damals bei mir, und ich habe gesagt: Ihr könnt das machen. Ich brauche bloß ein Zimmer. Nach der Wende hat Frank die Galerie offiziell gegründet. Ich hatte schon vorher immer wieder mitgearbeitet und habe Anfang 1989 entschieden, als Architekt aufzuhören und ganz einzusteigen.

Sind auch die Künstler der ersten Stunde geblieben?
Wilhelm Müller war von Anfang an dabei, ist aber leider mittlerweile verstorben. Müller war ein Konstruktivist, seine Arbeiten werden wir auf dem Art Forum zeigen. Ein anderer Künstler war Hirschvogel.

Nehmen Sie nur Künstler ins Programm, von denen beide gleichermaßen überzeugt sind. Oder genügt es, wenn einer von beiden sein Interesse am Künstler vehement genug vertritt?
Ich würde sagen, der andere muss mindestens zu 50 Prozent überzeugt sein. Und dann hat jeder seine Vorlieben, was es auch spannend macht. Unser Geschmack ist nicht deckungsgleich, das wird es auch nie geben.

Wer von Ihnen hatte vor zwei Jahren den Wunsch nach einer Dependance in Berlin?
Den Wunsch gab es schon länger. Unsere Familien leben in Dresden, dieser Standort wird auch bleiben. Allein wegen der guten Kontakte zu den Museen. Außerdem gibt es immer mehr Sammler in Dresden. Es wäre sträflich, das aufzugeben. Bis heute entdecken wir dort immer wieder junge, gute Künstler, so wie Frank Nitsche, Eberhard Havekost, Markus Draper, Olaf Holzapfel und Thoralf Knobloch. Andererseits arbeiten inzwischen fast alle unsere Künstler in Berlin und wollen hier ausstellen. Da haben wir gesagt: Das machen wir selbst. Hier teilen wir uns sogar eine Wohnung.

Was ist der größte Vorteil enger Familienbande? Und was ein Nachteil?
Man kann sich auf den anderen unbedingt verlassen. Und man muss viele Entscheidungen nicht allein tragen. Man fühlt sich gestärkt, hat tiefes Vertrauen und nie das Gefühl, einer von uns spielt den Chef – zumindest ist das so in unserem Fall. Nachteilig ist vielleicht, dass manche Entscheidungen länger brauchen. Sonst fällt mir keiner ein.

Haben Sie noch mehr Geschwister?
Nein, leider nicht. Dabei wird die Arbeit immer mehr. Wir könnten gut noch einen gebrauchen.