„Wir machen in Import-Export“
Malerei, Design, Werbung, Aktionskunst: Für Kerstin Brätsch und Das Institut sind das keine unterschiedlichen Disziplinen – alles gehört zusammen. In New York arbeitet die gebürtige Hamburgerin am großen, universalen Experiment. Allein – und mit ihrer Partnerin Adele Röder
Der kleine Hund, der einem während der Preview der Gruppenausstellung „Non-Solo Show, Non-Group Show“ penetrant zwischen den Füßen herumhüpft, wirkt nicht weniger nervös als die Dame, die ihn mitgebracht hat. Sie muss unbedingt mit Kerstin Brätsch sprechen. Ob denn dieses Bild da hinten schon verkauft sei? Das wäre ja was für sie, der Schwager habe ein ähnliches.
Man kann die übereifrige Frau verstehen. Diese großen Formate sind einfach zu schön: Breite, bunt changierende Streifen in Violett und Blau, Grün und Orange finden sich hier zu entspannt-coolen Kompositionen, bunte Plexiglasscheiben als Hintergründe verstärken noch den Flirt mit dem Pop.
Kerstin Brätsch, 1979 in Hamburg geboren, kennt keine Angst vor starken Farben und Effekten. Stilsicher zitiert sie die Geschichte der abstrakten Malerei vom russischen Konstruktivismus bis zur Schwitters-Collage, auch Op-Art-Adaptionen in Glitzerfolie nimmt sie gelegentlich ins Angebot. Und anstatt sich mühsam und grüblerisch von Werk zu Werk zu hangeln wie viele Kollegen, produziert sie stets gleich ideensprühende Serien. Kurz: Sie ist mehr als nur begabt.
Trotzdem erscheint es so deplatziert wie das hibbelige Hündchen, wenn die Dame in der Kunsthalle Zürich am liebsten gleich ein Brätsch-Bild einrollen und mitnehmen würde. Denn Kerstin Brätsch versteht ihre Arbeiten nicht als auratische Einzelstücke für die weiße Wand, und das Öl auf Papier zu bringen macht ihre Kunst nicht allein aus. Sie bindet die Malerei fest in einen Kontext ein: Plakate, Stoffe, Bücherregale. Und sie stellt die üblichen Identitätsentwürfe infrage: „Das Ein-Mann-Künstler-Modell ist doch konservativ, das Ein-Frau-Modell nur das Gegenbild – das sind Klischees, die ich aufnehme und ironisiere.“
Ein Ausweg für sie ist Kollaboration. „Das Institut“ nennt sich die Gruppe, die sie mit Adele Röder in New York gegründet hat. Auch zu dieser Schweizer Schau, in der Kuratorin Beatrix Ruf noch mehrere andere unkonventionelle Künstler von Klara Lidén über Nora Schultz bis zum japanischen Performer Ei Arakawa versammelt, tritt nicht Kerstin Brätsch, sondern „Kerstin Brätsch & Das Institut“ an.
Die präsentierten Installationen mit dem schönen Titel „Swiss Spa ca va / DI WHY RELAX! Campaign“ lassen die komplexe Vorgehensweise zumindest erahnen: Vor einem grün-gelben Streifenbild liegen Tücher auf zwei Stühlen, deren Muster das Gemälde wieder aufnehmen. Daneben wurde ein Ensemble von Postern auf dem Boden ausgebreitet. Dazu fordern bunte Folienplakate mit Slogans zum Work-out für Geist und Körper auf, Bücher laden zum Blättern ein. „Das gehört alles zusammen“, erklärt Brätsch. Und zwar unmittelbar: Bei jeder ihrer Arbeiten setzt Röder die oft sehr witzigen Titel grafisch um oder konterkariert sie.
„DÜRTY GÜRL“ steht zum Beispiel in großer Schrift vor lila Hintergrund auf dem Siebdruck, der zu einem von Brätschs Münzbildern gehört. Wer jetzt aber passend dazu irgendein postfeministisches Statement erwartet, wird enttäuscht. Das Werk ergeht sich mit seinen düsteren Farbwolken vielmehr demonstrativ in den bedeutungsschwangeren Gesten des abstrakten Expressionismus; gebrochen wiederum durch aufgeklebte, kupferfarbene Centstücke, von denen im Lauf der Ausstellung einige auf die Erde fallen wie das Kleingeld der Touristen am Trevi-Brunnen in Rom.
„COULDN’T PAINT ANYMORE“, verkündet dagegen ganz pessimistisch das Pendant zu einem der knalligen, offensiven Streifengemälde. Und einer der neokonstruktivistischen Abstraktionen in nostalgischem Rodtschenko-Braun ist ein Poster mit dem Bild einer eingegipsten Hand zugeordnet: „SEE REVERSE FOR CARE“, heißt es da vieldeutig.
Umdrehen, auf den Kopf stellen, von hinten anschauen und alles völlig neu kombinieren, das ist die Behandlung, die Brätsch und Röder alias Das Institut dem Patienten namens zeitgenössische Kunst angedeihen lassen. Als Kinder des durchökonomisierten 21. Jahrhunderts koppeln sie ihre künstlerische Praxis mit Begriffen aus Marketing und Wirtschaft – nur dass dieses Start-up bewusst unklare Geschäftsbedingungen festlegt. Das Institut sei eine Art „Import-Export-Agency“, sagt Brätsch. „Solche Unternehmen sind die dubiosesten, man weiß nie genau, womit die eigentlich ihr Geld verdienen. Das gefällt uns daran.“
So düsen also die Worte und Formen zwischen den beiden Künstlerinnen und ihren verschiedenen Medien hin und her, Design wird Kunst und Kunst zum Gebrauchsgegenstand. Und auch die Malerei bekommt dabei so viel Flexibilität wie möglich. Brätsch arbeitet bewusst nicht auf Leinwand, sondern Papier: „Das gibt dem Bild maximale Flexibilität und macht die Malerei zum multifunktionalen Objekt. Man kann sie leicht einrollen und mitnehmen, sie wird Kulisse für Performances, Trennwand, Kundgebung ...“ Den Begriff Abstraktion akzeptiert sie dabei nicht. Viel spannender sei doch, die Gemälde als Werbung für das Institut zu verstehen, als Logos, als Zeichen.
Und immer wieder entdeckt sie neue Varianten der Präsentation: In ihrer Pariser Galerie Balice Hertling etwa hängte sie im vergangenen Jahr täglich eine neue Kombination aus Bild und Poster ins Fenster, gleichzeitig zeigte sie Kopien dieser Werke auf transparentem Material, sie nannte sie „Geister“ in einer Stuttgarter Schau. Die Künstlerbücher in den Regalen, die außerdem Teil jeder Ausstellung darstellen, funktionieren wie ein Index für die überbordende Produktion von Brätsch, Röder und dem Institut.
Exemplarisch vertritt Brätsch einige junge Maler und Malerinnen, die zwar vom traditionsreichen Medium nicht lassen wollen, seine Möglichkeiten jedoch erweitern – und es relativieren, in eine Reihe stellen mit vielen anderen Ausdrucksformen. Die Kippenberger-Generation steht dabei noch deutlich Pate, mit ihrer Respektlosigkeit, ihrem Alles-ist-möglich-Selbstbewusstsein und, speziell im Fall von Brätsch, mit ihrem aphoristischen Wortwitz. „MY LIFE AS FRAU COW WILL SHOW YOU HOW TO CHEW THE LEFT OVER GRASS ON THE FIELDS“: Auch so kann man ein abstraktes Gemälde nennen.
Im Institut verantwortet Kerstin Brätsch nicht nur beim Generieren der Titel und Slogans die Wörter, das wird schnell klar. Die ein Jahr jüngere Adele Röder sorgt für die Bindung zu den angewandten Künsten. Kennengelernt haben die beiden sich beim Studium in Berlin. Doch erst als Brätsch nach New York ging, wo sie 2007 den Master an der Columbia University abschloss, entwickelte sich die Idee zur Kollaboration: „‚Komm her‘, habe ich zu Adele gesagt, ‚wir arbeiten hier zusammen!‘“
Röder war in Berlin vor allem installativ tätig gewesen, hatte dann aber vorübergehend das Feld verlassen. „Ich habe mich immer schon für den sozialen Aspekt interessiert und Kochaktionen veranstaltet. Eine Weile war ich sogar gar nicht künstlerisch tätig und habe stattdessen in einer Patisserie gearbeitet“, erzählt sie. In New York, als Mitglied des Instituts, stellte sie ihr Werk auf ganz neue Füße: mit den am Computer designten Siebdrucken und den Stoffen, den Künstlerbüchern und Installationen.
Unter der schützenden Hülle einer Corporate Identity können Brätsch und Röder frei experimentieren. 2008 gründeten sie gemeinsam mit anderen Künstlerinnen eine Tanzgruppe mit dem schönen Namen „It’s Our Pleasure To Serve You“ und traten in engen, schwarzen Fetischanzügen kunstnebelumwallt zwischen den Bildern und Postern auf. Für das fiktive Fashion-Heft „When You See Me Again It Won’t Be Me“ posierten sie in rasant geschnittenen, grafisch gemusterten Kleidern, androgyn geschminkt und absurd frisiert. Die Siebdrucke dazu evozieren Fritz Langs „Metropolis“ und den Charme der Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts.
Für jeden, der sich mit der Überführung von Kunst ins Leben beschäftigt und der die Gestaltung von Stoffen und Bekleidung genauso zum künstlerischen Handeln zählt wie das Malen von Gemälden, müssen die alten Pioniere zwangsläufig eine wichtige Referenz sein. Aber auch die Bezugnahme auf die Ästhetik des Konstruktivismus und vergleichbarer Strömungen jener Zeit ist spielerisch gemeint.
Brätsch pocht auf den entscheidenden Unterschied: „In diesen Bewegungen war alles auf ein historisch-politisches Ziel ausgerichtet, es gab sozusagen einen zentralen Signifikanten. Der existiert bei uns nicht. Es gibt kein Zentrum.“ Produzieren, aufeinander reagieren, Dinge miteinander verketten, Fragen stellen zu Design, Werbung, Reproduktion – ein hinreichendes Ziel. Das Stichwort „Horizontalisierung“ möchte Brätsch jetzt sofort unterstrichen haben auf dem Block der Interviewerin.
Kerstin Brätsch, eine dieser schmalen Frauen mit ausgeprägtem Willen, traut man schon nach einer kurzen Unterhaltung so ziemlich alles zu. Ihre Teilnahme an der viel beachteten „Younger Than Jesus“-Schau vorigen Sommer im New Yorker New Museum findet sie nicht besonders erwähnenswert: Klischeeveranstaltung. Für die Rolle der hippen Nachwuchskünstlerin lässt sie sich nicht casten. Über ältere Arbeiten möchte sie gar nicht mehr groß erzählen, die Gegenwart ist prall genug.
Sie hat schon viel gemacht, aber noch mehr vor sich – und keine Zeit für Nebensächlichkeiten. So läuft das bei diesen Import-Export-Firmen mit dubioser Geschäftsidee und ohne doppelte Buchhaltung: jeden Tag ein neuer Deal.




