Hohe Weihen: Tino Sehgal macht den Besucher zum Teil der Schau. Jetzt auch im New Yorker Guggenheim
Er ist der Momente-Aktualisierer unter den zeitgenössischen Künstlern: Tino Sehgal stellt keine materiell greifbaren Objekte aus, sondern instruiert Darsteller, will seine Werke aber nicht als Performance begriffen wissen, sondern als bildende Kunst.
In seinen Ausstellungen kommt es vor, dass neben einem plötzlich ein Mann zu Boden sinkt, jemand eine intellektuelle Debatte anzettelt oder sich mit genau eingeübten Schritten durch den Raum bewegt. Das klingt in der Beschreibung läppisch, aber wenn man dabei ist, kann man sich diesen Arbeiten buchstäblich kaum entziehen.
Zu seinem 50-jährigen Bestehen hat das Guggenheim Museum in New York den Deutschen jetzt eingeladen, eine neue Ausstellung zu kreieren. Was genau die Gäste erwartet, ist noch geheim, aber so viel wurde schon im Voraus bekannt: Sehgals Veranstaltung wird sich auf die Geschichte und Architektur des Museums beziehen und das Erdgeschoss sowie die gesamte Rotunde des Hauses einnehmen.
Der Tanz und ein konzeptueller Ansatz, das Kunstwerk dem Warenkreislauf vorzuenthalten, verbindet seine Werke. Für Sehgal ist das Museum kein Container, in dem man Sachen platziert, sondern ein Ort der Erfahrungen und flüchtigen Inszenierungen – seine Arbeiten existieren nur für die Dauer der Ausstellung, und sie dürfen nicht fotografiert werden. Im Fall des Guggenheim hat er es zudem mit einer der beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt zu tun; seine Ausstellungen sind immer auch ein Versuch, die Masse aufzubrechen und die Besucher als Individuen anzusprechen.
Es steckt darin weniger Kapitalismuskritik als vielmehr ein sehr bewusster Umgang mit der Geschichte der Museen. Die großen europäischen Institutionen entstanden parallel zum Aufkommen der Demokratie – es waren Orte für jedermann, ungeachtet seines Standes, Erbauungsstätten für den Einzelnen. Sehgal dreht diesen Individualisierungsprozess weiter. Die Besucher seiner Ausstellungen sollen keinen Kanon empfangen, sondern sich selbst als Handlungsmacht und als Realitätsproduzenten erfahren. Als Momente-Aktualisierer.
Guggenheim Museum, New York, 29. Januar bis 10. März




