6. Berlin-Biennale
Invalide Saurier im Klub Europa
Auf überwachsenen Pfaden und vergammelten Stühlen: Am Donnerstag beginnt die 6. Ausgabe der Berlin-Biennale. Ein erster Rundgang zeigt: Kuratorin Kathrin Rhomberg konnte nicht ganz halten, was sie versprochen hat.
Meistens muss man irgendwo an der Seite eintreten oder durch den Keller. Alles Repräsentative, Laute hat Kathrin Rhomberg vermieden bei den Schauplätzen der 6. Berlin-Biennale (BB6), die am Donnerstag eröffnet. Oft genug führt der Parcours durch Zonen, die man selten oder nie aufsuchen würde – wie gut das funktionieren kann, hatte bereits die BB4 von Massimiliano Gioni, Maurizio Cattelan und Ali Subotnik gezeigt, die damals an unerwarteten Orten in der Auguststraße ausstellten.
Dieses Mal ist der Nukleus ein leerstehendes Kaufhaus im Berliner Stadtteil Kreuzberg, am Oranienplatz, „ein funktionierendes System“, sagt Kathrin Rhomberg, da sollte man nicht mit großen Bannern und Absperrkordeln hereinplatzen. Die Ausstellung ist extrem low-key gehalten, und der Künstler, von dem man vielleicht das Größte erwartet hatte, Roman Ondak, der schon im New Yorker MoMA ausgestellt hat. der Berlin liebt und überdies dafür bekannt ist, dass er spezifische Ideen für Orte hat, die auch eine bestimmte Komik haben können, enttäuscht leider mit einer zwar überdimensionalen, aber wenig aufregenden Arbeit: Im Erdgeschoss hat er eine Garderobe errichtet, an der für mindestens 2000 Daunenjacken aus Bratislava Platz wäre – sie wird auch bedient, aber mehr passiert nicht. Das Haus ist groß, man hat ja Platz.
Ein wenig wie Trash-TV
Den
bewältigt die Kuratorin auf vielen Geschossen vor allem mit zahlreichen
Videoinstallationen: Mohamed Bourouissa schickt sich mit einem
Gefängnisinsassen per Bildhandy Bilder zu, der wünscht sich einen
Schwenk über die Dächer. Ruti Sela und Maayan Amir aus Tel Aviv haben
nachts junge Menschen auf Club-Toiletten abgepasst, sie bieten sexuelle
Dienste an oder fragen unvermittelt, wenn sich die jungen Männer gerade
ausziehen wollen: „Habt ihr beim Militär geschossen? Habt ihr getroffen?
Seid ihr traumatisiert?“ Oder: „Schenkst du mir Deine Kette, wenn ich
dir einen blase?“ Das ist aufschlussreich und interessant, aber auch
nicht richtig weit weg von Trash-TV.
Adrian Lohmüllers Installation „Das Haus bleibt still“ ist eine Art melancholische beuyssche Honigpumpe, die statt nährendem Honig zehrendes Gas und ungenießbares Wasser zirkulieren lässt: Eine mehrere Stockwerke umfassende Apparatur sorgt dafür, dass im ersten Obergeschoss weißes Bettzeug sich langsam mit extrem salzigem Wasser vollsaugt – weinen im leeren Bett, bis man zum Kristall erstarrt.
Karikatur ohne Herz
Hans
Schabus, der schon mit einem kleinen Segelboot durch die Wiener
Kanalisation reiste und den österreichischen Pavillon in Venedig in
einen Berg verwandelte, findet diesmal nicht so richtig die große Geste,
zu der er sonst imstande ist: Lediglich zwei prähistorische Dickhäuter
hat er vom verlassenen Ostberliner Spreepark, dem DDR-Fantasialand,
gefunden und in den Innenhof gelegt. Mammut und Saurier sind invalid,
das alles sieht pittoresk traurig aus, aber der Titel „Klub Europa“
lässt an Karnevalswagen und ihre Verbildlichung von politischer Kritik
denken – eine Karikatur ohne Herz.
Danh Vo, das wissen wir nun, wohnt in hübscher Lage aber hässlichem Gebäude, er lädt während der gesamten Ausstellungsdauer in seine Wohnung ein. Dass er selbst dort nicht anzutreffen sein wird, enttäuscht viele Besucher, das Telefon klingelt ebenfalls unablässig. In der Toilette des Künstlers darf man Kacheln besichtigen, die er mit den Bildern von Pflanzen bedruckt hat. Und in der Küche hängen tatsächlich ein paar asiatische Teller aus irgendeiner Versteigerung. Die Situation ist ganz schön und intim, die Objektsammlung des vietnamesischen Flüchtlingsohns, die die Geschichte seines Landes betrifft, wirken im White Cube allerdings doch eleganter – das Private steckt in der Kunst des betroffenen Künstlers ohnehin. Aber Frau Noack aus Haus Nr.3 malt auch, sagt der Hauswirt, sie empfängt gerne ein paar Besucher. Nächstes Mal vielleicht.
Auf vergammelten Stühlen
In
dem ehemaligen, dunklen, schmutzigen „Café Ferat“ in der Dresdener
Straße hängt der Rauch von mindestens hundert Jahren, man soll auf
vergammelten Stühlen Platz nehmen um einen Film von John Smith von 1976
aus London ansehen, doch manchmal ist es einfach so, dass das Ambiente
die Werke selbst überstrahlt. Oder vernebelt. Und dann gar nicht richtig
klar wird, warum man jetzt in einem vermutlich türkischen Café einen
Film aus London ansehen soll, während unter dem Dach in der
Oranienstraße eine Projektion läuft, in der eine Frau mit Kopftuch einen
wunderschönenen Song von Leonhard Cohen, „Hallelujah“, singt.
Vielleicht, weil das hier unten im Café unerträglicher Kitsch gewesen
wäre?
Es ist immer ein bisschen Alternative-Stadtführung-Didaktik dabei, wenn man etwa auf einen Hinterhof auf den Mehringdamm geschickt wird, um zwischen Autowerkstätten das tatsächlich faszinierende filmische Gesamtwerk der Undergroundfilmers George Kuchar gezeigt wird – ein Extra-Besuch ist hier auf jeden Fall keine schlechte Idee.
Die Dringlichkeit, den großen Realisten Adolph Menzel in der Gegenwart zu zeigen, erweist sich beim Besuch der Alten Nationalgalerie nicht, man könnte die – von Michael Fried kuratierten und durchaus sehenswerten – Arbeiten auch getrost unter alle möglichen anderen Vorzeichen stellen und es würde funktionieren. Doch das extrem Museale dieses Ortes ist eine nette Abwechslung zu Unterbodenwäsche, unverputzten Wänden und 90-minütigen Videos.
"Komm nicht wieder!"
Petrit
Halilaj, vorgestellt in der Juni-Ausgabe von Monopol, wird in den
Kunst-Werken (KW) ausladend repräsentiert, auch seine Hühner sind wieder
dabei, sie picken ein bisschen im Untergeschoss. Und natürlich muss man
wieder durch den Keller in die KW, nur so lässt sich die große Arbeit
Halilajs würdigen: Man steht unter seinem Haus, beziehungsweise unter
den Verschalungen, mit denen er es in Kosovo errichtet hat. Das erste
Stockwerk ist ganz weiß gehalten, so weiß, dass man es kaum aushält und
aus dem Fenster schauen muss. Soll man auch, dann sieht man nämlich,
dass das Haus der Halilajs sogar die Decke durchbricht.
Mehrere Arbeiten von Shannon Ebner, einer konzeptuell arbeitenden Fotokünstlerin aus den USA, ergeben eine sehr souveräne, kleine Einzelschau innerhalb der Großausstellung, und ganz am Ende, im letzten Geschoss, steht der alte Marx-Satz „All That Is Solid Melts into Air“ - „Alles Ständische und Stehende verdampft“ - aus dem Kommunistischen Manifest auf dem Beschriftungsschild. Die Arbeit stammt von Mark Boulos, Jahrgang 1975, und ist eine zweiteilige Videoprojektion, eine Gegenüberstellung, die plakativer kaum sein könnte. Auf der einen Seite ist das Börsengeschehen zu sehen, die ganze Spannung und die fast unwirkliche Erregung der Broker beim Starren auf die Anzeigen. Auf der gegenüberliegenden Leinwand schimpft ein afrikanischer Fischer aus dem Nigerdelta über die Ausbeutung, er sagt er befinde sich im Krieg mit allen Weißen. Seine abschließenden Worte zum Kameramann: „Komm nicht wieder. Heute ist dein letzter Tag hier. Mein Vater hat mir beigebracht, wie man jagt.“
Auch das ist die Wirklichkeit. Die 6. Berlin-Biennale macht sie vor allem durch filmische Dokumentationen erfahrbar, und richtig sinnlich ist das nun mal nicht. Jedenfalls lernt man die Stadt immer wieder neu kennen, durch den Filter der Kunst. Die angekündigte Vision für die „Zukunft, die von heute aus gedacht wird“ ist allerdings kaum zu erkennen.
11. Juni bis 8. August, an verschiedenen Orten in Berlin. Mehr Informationen unter www.berlinbiennale.de
- Petrit Halilaj (Künstlerdatenbank)
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Berlin-Biennale - Maurizio Cattelan (Künstlerdatenbank)
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„Meine Hoffnung war immer, es hört bald auf“
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