Interpol

Interview

Drei Fragen an Elaine Sturtevant

Die in Paris lebende Amerikanerin glaubt nicht mehr an die Macht der Kunst

von Sebastian Frenzel
13.06.2010
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Frau Sturtevant, Sie begannen in den 60er-Jahren damit, Werke anderer Künstler wie Andy Warhol, Jasper Johns oder Marcel Duchamp zu wiederholen. In einem Vortrag beschrieben Sie jüngst drei grundlegende künstlerische Konzepte als „Bild über Objekt“, „Bild über Bild“, „Objekt über Objekt“. Was meinen Sie damit?
Zunächst einmal: Es ging nicht um „wiederholen“, sondern um die Dynamik des Wiederholens. Die ersten beiden Stufen beschreiben das anfängliche Eindringen der Simulacra. Das Bild ersetzt das Objekt, als Nächstes wird das Bild auf eine Oberfläche reduziert. Das ist unsere kybernetische und digitale Welt: Es gibt nur Äußeres, kein Inneres. Simulacra saugen alles aus. Was wir jetzt sehen, ist eine Rückkehr des Objekts, ein folgenschwerer Schritt. Vielleicht ist da ein Bedürfnis nach aufeinanderprallenden, sich vernichtenden Objekten, was uns ein Gefühl von Substanz gibt, das Gefühl, dass wir da sind. Einige Gegenwartskünstler setzen ganz auf Objekte, und das bringt all diesen alten Mythen des Copyrights und der Authentizität zurück. Es gibt diese Idee, dass Kunst ihren Raum zurückerobern muss. Aber das scheint mir unmöglich. Man kann die Kräfte der digitalen Welt nicht verändern. Tatsächlich weiten die Simulacra ihre Macht stetig weiter aus; sie verbergen ihre Falschheit als Wahrheit. Unsere Wahrheit ist Falschheit; sehr gefährlich.

Also betreten wir, wie Sie es einmal ausdrückten, „the age of stupidity“ – das Zeitalter der Dummheit?
Mit diesem Begriff spielte ich auf die Kampagne der Modefirma Diesel an: „Be stupid.“ Eine unglaubliche Prämisse, aber sehr enthüllend, was unserer eingefahrenen Denkmuster anbelangt. Es gibt eine schleichende und desaströse Anti-Intellektuellen-Bewegung; momentan erhebt sie in den USA ihr hässliches Haupt. Aber auch in Frankreich spürt man sie jetzt am Zustand der Presse und öffentlichen Einrichtungen, was mir große Angst macht. Frankreich ist immerhin unser intellektuelles Spitzenland. Ich habe auch mal ein Video gemacht mit dem Titel „Dumbing Down and Dunkin’ Doughnuts“. Dummheit ist unser neuer Chic, Sadismus ist unser Hochspannungskabel.

Kann die Kunst Abhilfe schaffen?
Vermutlich nicht. Die Kunst ist gefangen in ihren eigenen kybernetischen Parametern; es gibt keinen Weg zurück. Das betrifft nicht nur die Kunst, auch Literatur ist heute unmöglich. Und die Musik ohnehin. Denken Sie nur an die ganzen Superstarsendungen! Ich schaue sie, um mich hin und wieder zu foltern.

„Sturtevant: Vertical Monad“, Galerie Neu, Berlin, bis Ende Juli 2010. Informationen unter: www.galerieneu.net

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