Interview
Drei Fragen an Elaine Sturtevant
Die in Paris lebende Amerikanerin glaubt nicht mehr an die Macht der Kunst
Frau Sturtevant, Sie begannen in den 60er-Jahren damit,
Werke anderer Künstler wie Andy Warhol, Jasper Johns oder Marcel
Duchamp zu wiederholen. In einem Vortrag beschrieben Sie jüngst drei
grundlegende künstlerische Konzepte als „Bild über Objekt“, „Bild über
Bild“, „Objekt über Objekt“. Was meinen Sie damit?
Zunächst
einmal: Es ging nicht um „wiederholen“, sondern um die Dynamik des
Wiederholens. Die ersten beiden Stufen beschreiben das anfängliche
Eindringen der Simulacra. Das Bild ersetzt das Objekt, als Nächstes wird
das Bild auf eine Oberfläche reduziert. Das ist unsere kybernetische
und digitale Welt: Es gibt nur Äußeres, kein Inneres. Simulacra saugen
alles aus. Was wir jetzt sehen, ist eine Rückkehr des Objekts, ein
folgenschwerer Schritt. Vielleicht ist da ein Bedürfnis nach
aufeinanderprallenden, sich vernichtenden Objekten, was uns ein Gefühl
von Substanz gibt, das Gefühl, dass wir da sind. Einige
Gegenwartskünstler setzen ganz auf Objekte, und das bringt all diesen
alten Mythen des Copyrights und der Authentizität zurück. Es gibt diese
Idee, dass Kunst ihren Raum zurückerobern muss. Aber das scheint mir
unmöglich. Man kann die Kräfte der digitalen Welt nicht verändern.
Tatsächlich weiten die Simulacra ihre Macht stetig weiter aus; sie
verbergen ihre Falschheit als Wahrheit. Unsere Wahrheit ist Falschheit;
sehr gefährlich.
Also betreten wir, wie Sie es einmal
ausdrückten, „the age of stupidity“ – das Zeitalter der Dummheit?
Mit
diesem Begriff spielte ich auf die Kampagne der Modefirma Diesel an:
„Be stupid.“ Eine unglaubliche Prämisse, aber sehr enthüllend, was
unserer eingefahrenen Denkmuster anbelangt. Es gibt eine schleichende
und desaströse Anti-Intellektuellen-Bewegung; momentan erhebt sie in den
USA ihr hässliches Haupt. Aber auch in Frankreich spürt man sie jetzt
am Zustand der Presse und öffentlichen Einrichtungen, was mir große
Angst macht. Frankreich ist immerhin unser intellektuelles Spitzenland.
Ich habe auch mal ein Video gemacht mit dem Titel „Dumbing Down and
Dunkin’ Doughnuts“. Dummheit ist unser neuer Chic, Sadismus ist unser
Hochspannungskabel.
Kann die Kunst Abhilfe schaffen?
Vermutlich
nicht. Die Kunst ist gefangen in ihren eigenen kybernetischen
Parametern; es gibt keinen Weg zurück. Das betrifft nicht nur die Kunst,
auch Literatur ist heute unmöglich. Und die Musik ohnehin. Denken Sie
nur an die ganzen Superstarsendungen! Ich schaue sie, um mich hin und
wieder zu foltern.
„Sturtevant: Vertical Monad“, Galerie Neu,
Berlin, bis Ende Juli 2010. Informationen unter: www.galerieneu.net
- Elaine Sturtevant (Künstlerdatenbank)
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