Richter vs. Gould: Varianten der Vollkommenheit
„Glenn Gould, Goldbergvariationen. Seit einem, seit zwei Jahren höre ich fast nichts anderes. Was mich zu ärgern anfängt, ist die Vollkommenheit. Diese völlig absurde, langweilige, bösartige Vollkommenheit. Kein Wunder, dass er früh gestorben ist. Ich sollte Radio hören.“ Gerhard Richter, Notizen, 19. Oktober 1984
Gerhard Richters Katalog der Editionen verzeichnet zahlreiche Unikat-Arbeiten, also Werke in Auflagen, bei denen sich aber jedes Exemplar von den anderen unterscheidet und einen eigenen Charakter bewahrt. Dazu gehören auch die 1984 entstandenen „Goldberg- Variationen“. Richter hat die Langspielplatte mit Glenn Goulds Einspielung des Stückes von Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 1982 (CBS) mit Pastos aufgetragener Ölfarbe abstrakt übermalt. Goulds dreißig Variationen des musikalischen Themas stellt er 120 malerische Ausführungen zur Seite, von denen sich fünfzig heute bei Sammlern in Mönchengladbach befinden. Der Museumsverein hatte eine Mappe „Hommage á Cladders“ mit Editionen verschiedener Künstler herausgegeben, die auch Richters Annäherung an Gould enthielt. Mit dem Rakel hat Gerhard Richter zunächst einen zweigeteilten gelbblauen Farbklang als Grundton aufgetragen, in den er anschließend individuelle, gegenläufige weiße und rote Pinselzüge setzte. Die Aufnahme von Glenn Gould war Gerhard Richter zu diesem Zeitpunkt wohlvertraut. Sie war fast die einzige Musik, die er bei der Arbeit im Atelier hörte. Seine kraftvollen Übermalungen der Alben erscheinen so als ein Akt des Widerspruchs und der Zerstörung, aber auch wie der Versuch, es dem Pianisten gleich zu tun, ihn in seinem Variantenreichtum vielleicht sogar noch zu übertrumpfen.
- Gerhard Richter (Künstlerdatenbank)
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