Kommentar

Frau Lennon und Herr Björk

Trotz aller Strategien der Händler taugt der Künstler nicht zum Popstar: Zeit für einen Realitäts-Check

von Marc Spiegler
01.02.2006

Seitdem auch Kunstfremde Andy Warhol sofort an seinen weißblonden Perücken erkannten, hat sich das Mem vom Künstler als Popstar verbreitet. Künstler tauchen heute ständig und überall in den Medien auf. Manchmal – wie in der Marc-Jacobs- Modewerbung mit Roni Horn als Model – sind ihre Werke noch nicht einmal zu sehen. Oft wird auf die Kunst nur am Rande eingegangen, während ihre Sünden und Pseudophilosophien, die Wahl ihrer Garderobe und ihr Sex Life genauestens ergründet und die Künstler selbst wie Fußballhelden oder Hollywood-Sternchen behandelt werden.
Die Vorstellung vom Künstler als Popstar hat als Paradigma für das Verständnis der heutigen Kunstszene einiges zu bieten: Künstler können über Nacht zu Ruhm gelangen, Stil und sexuelle Attraktivität sind häufig Ersatz für dürftiges Talent, Kunsthändler können mit ihrem Geld Karrieren ins Rollen bringen wie Produzenten von Boygroups. Damien Hirst, einer der wenigen Künstler der Nach-Warhol-Ära, die sich wirklich Popstar nennen können, betonte einmal: „Die Kunstszene ist sehr seicht und sehr klein, und es ist sehr leicht, bis ganz nach oben zu kommen.“

Inzwischen bin ich ein starker Anhänger dieses Paradigmas, doch gibt es seit kurzem in der Kunstszene immer wieder das Gerede von den Künstlern als den „neuen Popstars“. Illusionäre Spinnerei! Wer daran glaubt, leidet an einer Mischung aus Wunschdenken und totaler Entfremdung von der Popkultur. Zugegeben, die Kunstszene hat von der Unterhaltungsindustrie ihre Taktik der Starproduktion übernommen, aber der Zielmarkt besteht nach wie vor nur aus ein paar hundert potentiellen Sammlern und Kuratoren, nicht den Hunderttausenden, die nötig sind, um einen Film, ein Buch oder einen Song zum Bestseller zu machen. Eines darf man nicht vergessen: Die Gesamtauflage aller Kunstmagazine der Welt reicht kaum an die von Peoplemagazine heran.

Selbst den berühmtesten Künstlern gelingt es nicht, wirkliche Anerkennung zu erlangen, die auch Paparazzischwärme anlockt. Man denke nur an Björk und Matthew Barney. Als Musikerin ist sie nicht annähernd so berühmt wie Beyoncé Knowles oder Shakira. Er hingegen gilt nach Ansicht der New York Times längst als „der wichtigste amerikanische Künstler seiner Generation“, und jeder, der die „Cremaster“-Filme gesehen hat, weiß sofort, von wem die Rede ist. Doch auf der Straße würde der Durchschnittsbürger fragen: „Wer ist der reizende junge Mann mit dem schütteren Haar und dem Kind? Ist das Herr Björk?“ Genauso ist Yoko Ono in den Augen der meisten „normalen“ Menschen die Witwe von John und die Mutter von Sean Lennon, nicht die Künstlerin.

Selbst wenn es um Ausschweifungen geht, kann die Kunstszene nicht mithalten. Vor allem seit Damien Hirst trocken ist und Tracy Emin mit zweijährigen Zölibats- Trips prahlt, hat die Kunstwelt niemanden mehr gegen Pete Doherty aufzubieten. Gibt es Künstler, die eine Menge trinken, Drogen nehmen, Affären haben? Ja, aber Art- Direktoren auch genauso wie Banker und Immobilienmakler. Und rein funktionell betrachtet, ähnelt ein erfolgreicher Künstler heutzutage weniger einem Popstar als vielmehr einem Kleinunternehmer – meist mit Kundenbetreuung, Personalführung und Produktionsüberwachung beschäftigt. Und selbst dann, wenn sich Künstler daneben benehmen, läßt sich an der Berichterstattung ablesen, wie wenig sich die Öffentlichkeit dafür interessiert. Verschwindet Lindsey Lohan mit Nicole Richie mehrere Male am Abend auf der Toilette eines Nachtklubs, wirbelt es in den Klatschspalten von versteckten Andeutungen über Kokainmißbrauch. Damit der Drogenkonsum eines Künstlers ähnliche Aufmerksamkeit erlangt, bedarf es allerdings größerer Anstrengungen. Wie bei Jörg Immendorff, der auf frischer Tat mit neun Prostituierten und elf Gramm Koks, ausgelegt in einem Aschenbecher von Versace, ertappt wurde.

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