Wir ersteigern uns die Jugend zurück
George Michael sticht Robbie Williams aus: Auktionen mit Devotionalien von Superstars treiben den Fankult auf die Spitze.
Paul ist tot. Einem weit verbreiteten Großstadtmythos zufolge starb Paul McCartney 1966 bei einem Autounfall und wurde durch einen Doppelgänger namens Billy Shears ersetzt. Beatles- Exegeten wollen am Ende des Songs „Strawberry Fields Forever“, der im Folgejahr erschien, die von John Lennon gesprochene Zeile „I buried Paul“ – „Ich begrub Paul“ – herausgehört haben. Verschwörungstheoretiker deuten obendrein das von Peter Blake gestaltete Cover von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, auf dem die Bandmitglieder vor ihrem aus Blumen gesetzten Schriftzug wie vor ihrem eigenen Grab stehen – neben ihnen nachgebildete Wachsfiguren, umringt von Pappkameraden internationaler Superstars – immer wieder als eine aufwendig gestaltete Ikonographie dieses tragischen Verlustes.
Eine Auktion, die am 27. Oktober vergangenen Jahres bei Madame Tussaud’s in London abgehalten wurde, dürfte Anhängern dieser Theorie ein neues Argument liefern. Ausgerechnet die Wachsbüste von Paul McCartneys Konterfei war im Lager nämlich nicht mehr aufzufinden und mußte, der Vollständigkeit halber, rekonstruiert werden. Repräsentant und Replikation der einflußreichsten Band der Welt sind demnach verschwunden. Daß nur drei Originale angeboten wurden, hielt die Sammler jedoch nicht davon ab, auf das Los mit der Nummer 273 zu setzen. Gut möglich, daß das sogenannte „Paul Is Dead“- Phänomen den Preis sogar noch etwas in die Höhe getrieben hat. Die Köpfe, die auf 70 000 bis 80 000 Pfund geschätzt worden waren, kamenjedenfalls für 95 000 Pfund unter den Hammer.
Bei Popstars wie den Beatles sind nicht nur die musikalischen Produkte Ausdruck des künstlerischen Schaffens, sie selbst sind Kunstwerke und die Dinge, die in ihren Besitz gelangen oder die sie mit ihrer Unterschrift adeln wie Maler ihre Bilder, gelten als Readymades. Allein durch ihre Berührung bekommen Alltagsgegenstände einen auratischen Charakter. Zu recht werden Musiker von ihren Plattenfirmen deshalb auch als „Artists“ bezeichnet. Fans halten signierte T-Shirts, Schlagzeugstöcke und Gitarren, Tickets und Poster in Ehren, betreiben einen Kult um sie wie die Kirche um Reliquien verstorbener Heiliger – bis sie die Kostbarkeiten zu Geld machen. Spezialisiert auf Versteigerungen solcher Pop- und Rock-Memorabilia ist das britische Auktionshaus Cooper Owen. Das Unternehmen – mitbegründet von Ted Owen, dem ehemaligen Besitzer des Londoner Moonlight Clubs und Entdecker von den Pretenders, Adam And The Ants und The Cure – verkaufte neben den Beatles-Wachsbüsten am 28. Juli 2005 die von John Lennon handgeschriebenen Textzeilen zu „All You Need Is Love“ für 690 000 Pfund (geschätzt auf 500 000 bis 600 000 Pfund) und am 17. Oktober 2000 ein Steinway-Klavier, auf dem John Lennon einst „Imagine“ komponierte, für 1 500 000 Pfund (1 Million Pfund). Das ist der höchste Preis, der je für ein Musikinstrument gezahlt wurde, das mit den Beatles in Verbindung steht. Ersteigern konnte es George Michael, der damit Robbie Williams und die Oasis-Brüder Liam und Noel Gallagher ausstach. Am begehrtesten sind Andenken an Musiker aus den fünfziger bis siebziger Jahren, was vor allem daran zu liegen scheint, daß viele Protagonisten der Beatgeneration wie Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Janis Joplin früh starben und ihre Zeit popkulturell weitaus stilbildender und bewußtseinserweiternder war als alles, was danach kam. Und das hat seinen Preis. Ein mit den Autogrammen der Fab Four bedecktes Exemplar von „Beatles For Sale“ beispielsweise wird bei der nächsten Versteigerung am 28. April auf 20 000 Pfund geschätzt. Die Auktionen, die Ted Owen zweimal im Jahr bei Madame Tussaud’s unter dem Titel „Music Legends“ oder unregelmäßig in Hard Rock Cafés in Berlin, Las Vegas oder New York veranstaltet, reichen an Partys heran: Aus den Lautsprechern dringt Musik, Filme werden an die Wände projiziert, Hostes- sen reichen kühle Drinks und Häppchen. „Wir möchten unterhaltsam sein und nicht formal und langweilig“, definiert Owen seinen Anspruch. „Aber sobald es um’s Geschäft geht, wird’s auch bei uns ernst.“ Die Pop-Versteigerungen von Christie’s nehmen sich dagegen ruhiger aus, obwohl auch hier die Regeln gelockert werden: Man braucht keine Eintrittskarte, und es gibt keinen Dresscode, dafür aber jede Menge Kuriositäten aus der Musik- und Filmgeschichte. Für Gitarren von Eric Clapton werden in New York und London seit Jahren Preise zwischen 134 500 und 959 500 Dollar angesetzt. Ein zweiteiliger Anzug von Elvis Presley, getragen 1963 in der Komödie „Fun In Acapulco“, brachte es vor zwei Jahren auf 11 950 Dollar (7000 bis 9000 Dollar), eine der wenigen heil gebliebenen Gitarre von Pete Townsend, eine polarweiße Gibson SG Special aus dem Jahr 1963, auf 100 450 Pfund.
Während immer mehr Investoren im populären Devotionalienhandel einen lukrativen Markt wittern, bleiben die meisten Kunden einfache Fans. Sarah Hodgson, bei Christie’s London für Pop-Memorabilia zuständig, sucht nach einer Begründung für das Phänomen: „Viele Bieter, hauptsächlich ältere Männer übrigens, sehnen sich danach, ein Stück ihrer Jugend zurückzuersteigern, etwas Seltenes, Einzigartiges, Persönliches, etwas, mit dem sie sich von der Masse abgrenzen können.“ Zum Beispiel mit einem Portfolio von 13 erotischen Lithographien von John Lennon, die am 26. Mai in London, für 7000 bis 9000 Pfund angeboten werden.
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