Punk für Paik
In ihrem Probenraum in Berlin-Weißensee versammelt sich das Art Critic Orchestra mit zwei Tontechnikern zum Gruppenfoto: Auch in der Musik geben die Kunstkritiker den Ton an.
Der Probenraum einer Band ist ein erhabener Ort. Wie das Atelier eines Künstlers. Hier entstehen Ideen, werden umgesetzt oder fallen gelassen und liegen dann auf dem Boden herum. Hier nervt man sich selbst oder schreit sich gegenseitig an, versöhnt sich wieder, wartet auf den genialen Fehler, mit dem alles beginnt, endlich, nach all dem Üben und den Fehlversuchen. Eines Tages, das hat man neulich im Falle Francis Bacons erlebt, wird dann ein Atelier sogar selbst zum Kunstwerk, wird in London ab- und im Museum in Dublin wieder aufgebaut, dort, wo Bacon aufgewachsen ist. Wird dort neu installiert samt all den eingetrockneten Pinseln, den Farbtöpfen, den Bildausrissen und verworfenen Leinwänden: wie um sich einen Zugang zum Gehirn eines Künstlers zu verschaffen.
Der Probenraum des Art Critic Orchestra in Berlin- Weißensee liegt in einem Flachbau am Ende eines dunklen Hinterhofs. Am Eingang steht „Freie Musikschule Berlin“. Man geht eine Treppe im Neonflutlicht hinauf, öffnet eine abgedämmte Tür und betritt: einen Resonanzkörper mit Bierausschank. Es ist eng und schummrig und stickig, aber dafür gibt es gleich ein Beck’s für jeden Besucher. Das Art Critic Orchestra – sechs Künstler und Kritiker internationaler Kunstmagazine, die seit einem Auftritt bei Franz Ackermanns Geburtstag vor drei Jahren zusammenspielen – teilt sich den Probenraum mit zwei anderen Bands. Übt hier eine schnelle Version von Velvet Undergrounds „Sunday Morning“. Und eine langsamere von „Song for Raimar in D“, ein Lied, das ihnen die Künstler Ross Sinclair und Dave Allen geschrieben haben. Mit Raimar ist der Autor Raimar Stange gemeint, der im ACO den Bassisten gibt. Und das Stichwort. „Nam June Paik ist tot“, sagt Stange in eine Pause hinein. Echt? Wirklich? Wann denn? rufen die anderen durcheinander. Dann widmen sie dem Verstorbenen spontan das nächste Stück. Hier sind nun einmal Kunstkritiker am Werk.
Und trotzdem geht es laut zu. Warum auch nicht? Die Musik des ACO ist exzentrischer, großstädtischer Rock, sie spielen ihn auf Vernissagen und bei Kunstveranstaltungen. Das Cover ihrer letzten Platte, eine Picture Disc, die John Bock und Kristine Roepsdorf gestaltet haben, wollte das Londoner Magazin Frieze gleich zum besten Artwork des Jahres 2005 küren. Hier sind nun einmal Kunstkritiker am Werk. Was man aber nicht unbedingt erraten würde, wenn man sich im Probenraum umschaut: Natürlich spielen auch Kunstkritiker auf normalen Instrumenten, und sie verstärken ihre Musik mit normalen Verstärkern. Doch unter Kunstverdacht steht in diesem Raum nur das Plakat einer Ausstellung von Fiona Banner: „Arsewoman in Wonderland“ in der Galerie Barbara Thumm, es hängt hinter dem Schlagzeug von Andreas Schlaegel an der Wand. Es bedecken natürlich auch noch andere „Arsewomen in Wonderland“ die Wände, aber für die nackte Carmen Elektra und andere Unbekleidete sind die beiden anderen Bands verantwortlich, die hier ebenfalls proben. Procton spielen ganz offensichtlich Heavy Metal: Rockerbräute auf Motorrädern, das ist ihr Bildprogramm, ergänzt von Metallica-Bildern. Und mit Konzertplakaten von Bolt-Thrower. Ein Name für Death Metal, für noch dunklere, noch bösere Musik.
Davon ist das Art Critic Orchestra weit entfernt, auch wenn ihre Lieder schon mal „Damnation“ heißen können oder „Starburn“. Für den Herbst plant ACO eine Gruppenausstellung auf CD, für die Künstler wie Christian Jankowski, John Miller, Carsten Nicolai, Elke Krystufek Stücke geschrieben haben. Das Kunstlied des 21. Jahrhunderts wird also in einem Berliner Hinterhof eingespielt.
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