Interview

„Wenn alle Stricke reißen, könnte ich immer noch Museumsdirektor werden“

Der Belgier Raf Simons gilt als einer der einflussreichsten Designer unserer Zeit. Mit seinem gleichnamigen Label nahm er seit Mitte der Neunziger die schmale, von Punk und Gothic inspirierte Männersilhouette vorweg, die heute Straßen und Laufstege dominiert. Als neuer Chefdesigner von Jil Sander hat er soeben das Yves-Klein-Blau zur Modefarbe des Sommers gemacht. In Monopol spricht er erstmals ausführlich über seine zweite Leidenschaft, die Kunst, und seine Nebentätigkeit als Art Consultant der belgischen Industriellendynastie Cigrang.

von Cornelius Tittel
07.06.2007

Herr Simons, Sie sind einer der wenigen Modemacher, die niemals Mode studiert haben.
Das stimmt. Ich habe Industriedesign studiert und nach der Uni auch zwei Jahre in dem Beruf gearbeitet. Ich hatte Freunde, die Architekten waren und Häuser renoviert und ausgebaut haben. Sie fragten mich dann immer, ob ich nicht die Möbel entwerfen könnte. Heute noch kommen mir Ideen für Möbel oder Gebrauchsgegenstände – aber leider ist es zu aufwendig, sie neben meiner Arbeit als Modedesigner zu realisieren.

Es muss schon anstrengend genug sein, zwei Labels und ihre Kunstleidenschaft unter einen Hut zu bringen ...
Ja, es ist schrecklich. Ich besuche jedes Jahr die Frieze in London und die Armory Show in New York. Aber schon zur Art Basel fliege ich nur, um ein paar Stunden später schon wieder auf dem Rückflug zu sein. Der Juni ist für Modedesigner besonders stressig, weil wir mitten in der Arbeit für die nächste Männer-Frühjahrskollektion sind. Dieses Jahr wird es besonders hart für mich – alle werden nach Venedig, nach Basel und zur Documenta nach Kassel fahren, ich werde vor allem arbeiten.

Über die letzen Jahre ist das Interesse der Fashion- Industrie an zeitgenössischer Kunst extrem gestiegen. Auf der Art Basel/Miami jagte eine Versace-Party den nächsten Bottega-Venetta-Empfang. Und der Mode-Milliardär und Gucci-Boss François Pinault gehört wie sein Rivale Bernard Arnault von LVMH zu den einflussreichsten Sammlern der Welt. Wie erklären Sie sich die Faszination der Modewelt für die Kunst?
Ich glaube gar nicht, dass das Interesse so sehr gestiegen ist. Leute wie Pinault und Arnault sammeln schon lange. Nur gehen sie mit ihrer Leidenschaft inzwischen öffentlichkeitswirksamer um. Wenn Pinault ein Museum in Venedig eröffnet und jedes Magazin der Welt darüber berichtet, dann ist das doch toll – immerhin bekommen die Menschen jetzt die Gelegenheit, sich all das anzugucken, was früher in Lagern verschwunden wäre. Auch dass zwischen den Modeunternehmern und den Künstlern nach dem Kauf eines Werkes der Kontakt nicht abreißt, finde ich wunderbar – wenn beispielsweise Olafur Elliasson die Schaufenster der Louis-Vuitton-Boutiquen gestaltet. Ich finde das spannend. Nur deshalb konnte man mitten in unserem kleinen Dorf Antwerpen plötzlich eine Elliasson-Installation sehen, für die man sonst weit hätte reisen müssen. Und es hat funktioniert: Ich gehe niemals in Louis-Vuitton-Stores, aber als ich seine Lampen im Schaufenster gesehen habe, da musste ich einfach reingehen.

Ein Anwalt, der fast nur Künstler vertritt, erzählte neulich, dass es gerade mit Modekonzernen als Auftraggeber viele Probleme gebe. Die seien daran gewöhnt, Kreative wie Angestellte zu behandeln und wunderten sich dann, wenn ein Künstler unglücklich damit ist, die Farbe eines Kunstwerks passend zum Thema einer Herbstkollektion zu verändern.
Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Deshalb habe ich auch großen Respekt vor Künstlern, die sich nicht mit der Fashion- Welt einlassen. Obwohl es natürlich ein Zeichen der Stärke ist, wenn man auch davor keine Angst hat. Aber natürlich kann es auch den Ruf eines Künstlers beschädigen, wenn er das Spiel der Modekonzerne zu sehr mitspielt. Ich habe letzten Sommer auf der Schau für mein eigenes Label Mark Leckeys Film „Fiorucci Made Me Hardcore“. Ich habe ihn eingeladen und ihn gleich danach gefragt, wie es ihm gefallen hat. Und er sagte nur: „Du hättest es einfach machen sollen, ohne zu fragen. Jetzt, wo ich es gesehen habe, bin ich mir nicht mehr so sicher.“

Sie selbst scheinen allerdings Gefallen an der Kombination von Kunst und Laufsteg gefunden zu haben.
Absolut. Nicht, dass es zur Regel werden soll – vor der Schau mit Mark Leckey habe ich so etwas nie gemacht –, aber im Januar hat dann der Bildhauer Conrad Shawcross eine Installation um den Laufsteg herum gebaut. Es sah aus, als hätte Leonardo da Vinci das Set für einen Science-Fiction-Film gebaut, was perfekt zu der Kollektion passte.

Früher schrieben die Kritiker nach Ihren Kollektionen immer über die Anleihen an der Pop- und Jugendkultur ...
... ich weiß, was Sie sagen wollen. Und jetzt sieht man eher den Einfluss von Künstlern wie Ellsworth Kelly oder Anselm Reyle.

Genau.
Ganz einfach, weil es das ist, was mich umgibt und begeistert. Obwohl mich zu Hause nur ein Anselm Reyle umgibt, leider kein Kelly. Den kann ich mir leider nicht mehr leisten.

Was fasziniert Sie an den beiden?
An Reyle mag ich, wie er diese metallischen Flächen und verschiedenen Materialien in sein Werk integriert – etwas, das mich auch selbst beim Designen beschäftigt. Und von Ellsworth Kelly bin ich schon lange besessen. Wie er die Grundformen der Natur oder den Schatten eines Stuhls auf ein absolut flaches Gemälde überträgt, finde ich absolut faszinierend. Ich liebe es, wie er mit Farbe umgeht, die Sensibilität seiner Farbgestaltung, die pure In - tensität, wie man sie auch von Yves Klein kennt. Dieses Gefühl wollte ich in meine Mode herüberretten. So habe ich auch für die Jil-Sander-Sommerkollektion an der Idee der „puren“ Farbe gearbeitet – tiefstes Blau, vibrierendes Gelb und Orange, absolutes Rot. Außerdem habe ich große Freude daran, einer jungen Generation von Fashion- Begeisterten etwas näherzubringen, von dem ich weiß, dass sie es nicht kennen. Sie interessieren sich eben für T-Shirts, nicht für Kelly. Und ich freue mich dann, wenn ich in Paris oder New York jemanden mit diesen Shirts auf der Straße sehe.

Was ist das für ein Gefühl?
Es ist aufregend. Ich will dann immer wissen, woher die Person kommt, wo und warum sie das Kleidungsstück gekauft hat, was sie daran mag. Aber ich traue mich nicht, sie anzusprechen. Dafür bin ich dann doch zu schüchtern.

Sammeln Sie außer Reyle andere deutsche Künstler?
Niemanden aus der Leipziger Schule, so viel ist sicher. Zuletzt habe ich Werke von Michaela Meise und Tomma Abts gekauft.

Die Faszination, die Künstler auf Sie haben, scheint eine gegenseitige zu sein. Ein Galerist erzählte neulich, Sie hätten am gleichen Tag wie Kasper König die Debütausstellung einer seiner Künstler besucht. Als er dem Künstler davon erzählte, war der völlig aus dem Häuschen. Der Besuch eines weltberühmten Museumsmannes wie König ließ ihn hingegen kalt.
Das ist dumm. Wenn ihm meine Meinung wichtiger ist, dann ist er vielleicht doch in der falschen Branche.

Können Sie sich diese Wertschätzung erklären?
Vielleicht schätzen mich einige Künstler deswegen, weil ich nie nur als Modedesigner wahrgenommen werden wollte, weil ich immer offen für andere Dinge war. Ich hatte immer dieses Unbehagen, festgelegt zu werden, vielleicht aus dem Grund, dass es bei mir nie den großen Traum gab, Designer zu werden. Ich saß mit 16 nicht zu Hause, mit den Kleidern meiner Mutter auf dem Schoß, und träumte von meiner ersten Kollektion.

Was taten Sie stattdessen?
Ich besuchte Kunstausstellungen. Ich erinnere mich genau, wie Jan Hoet in Gent die Ausstellung „Chambre d’Amis“ kuratiert hat – lange bevor er Documenta-Chef wurde. Es war wunderbar: Er bat eine ganze Reihe von Leuten in Gent, ihr Haus oder ihre Wohnung einem Künstler zur Verfügung zu stellen. Einen Monat lang konnte man, über die ganze Stadt verteilt, diese privaten Häuser besichtigen und sich die Installationen der Künstler angucken. Ich war jung und fühlte mich unwahrscheinlich privilegiert, Zeuge dieser Ausstellung zu werden.

Sie sind nicht mit Kunst aufgewachsen?
Im Gegenteil, ich komme aus einer ganz normalen working-class-Familie. Trotzdem hatte meine Mutter eine ganz eigene Art, sich ästhetisch auszudrücken. In ganz kleinen Dingen, die aber nichts mit Kunst zu tun hatten. Wie sie beispielsweise kleine Blumensträuße gemacht hat, um sie als Frühjahrsgruß allen Nachbarn in der Straße vorbeizubringen. Sie hat diese expressive Ader, die auf mich abgefärbt hat, diesen Wunsch, etwas, was man fühlt und ausdrücken möchte, eine klare Form zu geben.

Um nichts anderes geht es beim Design.
Sie haben recht.

Wie sind Sie doch noch zur Mode gekommen?
Als ich begann, Industriedesign zu studieren, gab es diese Explosion in Belgien. Plötzlich gab’s diese Modedesigner, über die nicht nur in Belgien, sondern auch in London und Paris gesprochen wurde, die „Antwerp Six“ um Leute wie Walter van Beirendonck und Dries van Noten, die wirklich internationale Bedeutung hatten. Davor, ich spreche hier von den Achtzigern, gab es in Belgien nur Schokolade und Diamanten. Leute, die sich für Kultur interessieren, hätten uns kaum auf der Landkarte gefunden. Ich hab’ ein Praktikum bei van Beirendonck ergattert und von da an einfach weitergemacht.

Gab es nicht später Momente in Ihrer Karriere, wo Sie die Modewelt so anstrengend fanden, dass Sie am liebsten alles hingeschmissen hätten, um sich hauptsächlich der Kunst zu widmen?
Natürlich. Eigentlich die ganze Zeit (lacht). Aber inzwischen fühle ich mich als Designer in meiner Haut wesentlich wohler. Wenn ich jetzt etwas mit einem Künstler machen will, muss ich nicht mehr den Beruf wechseln. Ich kann ihn einfach einladen, mit mir zu arbeiten, eine Schau zu gestalten, gerade jetzt, wo ich mit einem Haus wie Jil Sander ganz andere Möglichkeiten habe als früher, als ich nur mein eigenes, kleines Label hatte. Natürlich mache ich vor allem Fashion und verbringe meine Tage mit Entwürfen, Nähereien und Korrekturen. Aber in meinem Kopf sieht es anders aus. Hinzu kommt, dass man am System wächst. Ich habe das Modesystem früher gehasst, die Wiederholung, den Druck, immer in den gleichen Zeitabständen seine Kollektionen präsentieren zu müssen.

Sie sammeln nicht nur selbst, Sie beraten auch die Antwerpener Industriellendynastie Cigrang. Wieso?
Vor sieben Jahren begannen sie, eine Sammlung aufzubauen, und baten mich, sie konzeptionell und bei Käufen zu beraten.

Wie kam die Familie dazu, ausgerechnet Sie zu fragen?
Weil wir eine gemeinsame Geschichte hatten. Christian, einer der Brüder war fünf Jahre mein Teilhaber und Geschäftspartner, und natürlich sprachen wir die ganze Zeit über Kunst. Wir haben uns so gut verstanden und einen so ähnlichen Geschmack, dass er mich gefragt hat, die Sammlung zu betreuen. Also kaufe ich jetzt nicht mehr nur für mich, sondern bin jetzt auch unterwegs, um für die Sammlung zu kaufen. Ihre Idee ist es, irgendwann ein Museum in Antwerpen zu gründen.

Wenn alle Stricke reißen, könnten Sie also eines Tages ...
... ich könnte Museumsdirektor werden. (lacht). Nicht die schlechteste Option, oder?

Wenn Sie das Erbe von Jil Sander mit zeitgenössischer Kunst vergleichen müssten, würden Sie ihre Entwürfe als minimal bezeichnen? Ist Jil Sander der Donald Judd der Modewelt?
Der Donald Judd der Mode? Das könnte man vielleicht so sagen. Obwohl ich weiß, dass sie es immer abgelehnt hat, ihre Mode auf das Minimale zu reduzieren. Und jetzt, wo ich hier arbeite, ist mir klargeworden, dass es bei Jil Sander eben nicht um konzeptuelles Arbeiten geht. Man muss es sich hier eher wie in einem Laboratorium vorstellen, in dem es vor allem um Qualität und Innovation geht. Hier werden Stoffe so entwickelt, dass sie exakt die Weichheit oder Stärke haben, um ein spezifisches Volumen zu kreieren. Schnitte werden mit einer wissenschaftlichen Präzision ausgeführt. Details werden bedingungslos der Funktionalität unterworfen. Ich glaube, man nennt die Mode von Jil Sander nur deshalb minimal, weil sie nüchtern ist. Und eigentlich ist es falsch, Mode überhaupt mit Kunst zu vergleichen.

Wieso?
Es sind zwei verschiedene Sachen. Allein wie Mode entsteht, das Systemische daran, die Zyklen – schon deshalb kann Mode keine Kunst sein. Auch wenn die Ergebnisse der Arbeitsprozesse am Ende ein ähnliches Gefühl vermitteln können, so sind es doch zwei ganz verschiedene Sachen, wie man sich als Künstler strukturieren muss, um zu einem Werk zu gelangen, und wie man sich als Designer strukturieren muss.

Glauben Sie trotzdem, dass die Kunst- und die Modewelt noch näher zusammenrücken werden?
Ja. Und das nicht nur, weil sich die Modebranche immer mehr für Kunst interessiert. Auch weil viele Künstler inzwischen wie Unternehmer aus der Modebranche agieren. Sie machen sich mehr Gedanken um Umsätze und ihre Karriere als darum, gute Kunst zu machen.