Full Metal Village
Was fesselt eine jüdische Fotografin an Schwäbisch Gmünd? Eine Liebesgeschichte. Und die Geister der deutschen Vergangenheit. Ausgerechnet mit Bildern aus der süddeutschen Provinz ist Collier Schorr zum neuen Liebling von Carine Roitfeld geworden – der mächtigen Chefin der französischen Vogue.
Ich blieb mit den Eltern zu Hause, spielte Karten, sah Boxkämpfe im Fernsehen und trank Vogelmilch.“ Es klingt wie aus einer anderen Zeit, wenn Collier Schorr von ihrer deutschen Familie spricht. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Fotobuch mit Bildern aus dem Vogelmilchland: Unter einem weiten Himmel blickt ein Mädchen mit blonden Zöpfen über verwilderte Kornfelder, Sonne fällt auf Fachwerkfassaden und heruntergelassene Jalousien. Jungen posieren in Uniformen der Wehrmacht oder der US-Armee, lümmeln sich im Gras. „Neighbors/Nachbarn“ heißt der Band, der zu „Forests & Fields“, Schorrs erster deutscher Einzelausstellung im Badischen Kunstverein Ende 2006, erschien.
Wir sitzen in ihrem Brooklyner Atelier und nippen am Cappuccino aus dem Coffeeshop um die Ecke. Draußen säumen Back steinbauten und Garagen die Straße, ab und zu donnern LKWs die Driggs Avenue herunter. Während an diesem kalten Frühlingstag kleine Hunde in Mäntelchen ausgeführt werden, wirkt das sommerliche Deutschland im Buch der 43-Jährigen fern wie ein hyperrealer Traum. Der sieht so schwarzweiß und schonungslos aus, als hätte Walker Evans seine Bilder von Landarbeitern nicht im amerikanischen Mittelwesten, sondern in Schwaben aufgenommen. Oder genauer: in Schwäbisch Gmünd, jenem Ort, wo Schorr seit 18 Jahren jeden Sommer verbringt. Der Ort, fünfzig Kilometer östlich von Stuttgart, ist ihre zweite Heimat. Hier leben jene Menschen, für die Collier die amerikanische Schwester ist, deren Häuser, Kinder, Freunde und Verwandte sie immer wieder fotografiert hat.
Was treibt eine New Yorker Künstlerin aus einem liberalen jüdischen Elternhaus in die Enge einer schwäbischen Kleinstadt? Tatsächlich ist es zunächst eine überwältigend schöne Liebesgeschichte, die Schorr an Schwäbisch Gmünd fesselt. 1989 strandet sie hier auf ihrer ersten Deutschlandreise, mit 30 Dollar in der Tasche, und lernt in der einzigen alternativen Bar des Ortes ihre damals 18-jährige Freundin kennen. Deren Eltern nehmen sie auf – Siebenbürger Sachsen, die als Aussiedler nach Schwaben gekommen waren und mit denen sie nun nachts unter gerahmten Puzzlen Karten spielte. Schorr schildert die Panik, die sie bei dem Gedanken an die so unterschiedlichen Herkünfte überfiel, spricht über die Beharrlichkeit ihrer Freundin, die Nachmittage, an denen sich die Großfamilie zum Grillen im Schrebergarten traf, und wie die bedingungslose Zuneigung ihre Ängste schwinden ließ.
Wenn Schorr ohne Zögern von „ihrer“ Familie redet und in ihrem New Yorker Tonfall „Vogelmilsch“ sagt, ganz so, als müsse jeder diese rumänische Süßspeise kennen, dann hat das den Beigeschmack von Eischnee und Zucker und erinnert an das milchige Weiß von Haut und blonden Haaren, das auf ihren Fotografien aufleuchtet. Die Haut der Kinder, die aus dem Schatten von Obstbäumen treten, der adoleszenten Jungen, die in Camouflage- Hosen ausgestreckt auf Feldbetten oder in blühenden Landschaften liegen und in die Kamera schauen, als seien sie heroische Gefangene. Angesichts Schorrs fotografischer Exkursion wird ein weiteres Motiv ihrer Faszination für deutsche Kultur offenbar: die Möglichkeit in eine andere Identität zu schlüpfen, in ein bis zur Feindlichkeit fremdes Land zu gehen und all das zu absorbieren, dessen Gegenteil man verkörpert.
Erst nach vier Jahren, Mitte der Neunziger, fing sie an, in Schwäbisch Gmünd zu fotografieren, und zwar in genau dem Moment, als die US- Armee abzog. Sie konnte in Deutschland an keinen Gleisen vorbeigehen, ohne an die Deportationen ins KZ zu denken, Schornsteine lösten bei ihr ein bedrückendes Gefühl aus. Sie hätte sich als Jüdin damals nur in dem Bewusstsein hier auf-halten können, dass sie als Teil einer Siegermacht in einem okkupierten Land war, in dem sie von der US-Armee beschützt wurde: „In der Minute, als sie den Stützpunkt schlossen, wurde ich geradezu davon besessen, ihre Präsenz in der Stadt in meiner Arbeit wiederherzustellen.“
Die Serien, an denen sie häufig über Jahre hinweg arbeitet und für die sie oft die jugendlichen Freunde ihres deutschen Neffen Herbert als Modelle und Akteure rekrutiert, sind alles andere als Familienbilder. „Es gibt diesen großartigen Text, in dem die Kritikerin Helen Molesworth schreibt, dass die Jungs wie eine Fassbinder-Truppe wären“, bemerkt Schorr, „Und jeden Sommer machen wir einen neuen Film mit ihnen. Es kommen ständig neue Leute hinzu, die Arbeit verändert sich laufend.“ Die so entstehenden Fotos und Collagen sind Rekonstruktionen imaginärer deutsch-amerikanischer Vergangenheiten, inszenierte Landschaften, in denen sich Biographien, erotische Obsessionen, kollektive Geschichte, Ideologien, Folklore und Zitate aus Filmen, der Popkultur oder der bildenden Kunst überlagern. Zugleich haben sie einen sehr performativen Aspekt. Während man Schorrs weicher Stimme lauscht, ahnt man, welche Faszination sie auf Menschen ausübt und dass der Vergleich mit Fassbinder und seinem Clan vielleicht gar nicht so weit hergeholt ist. „Ich interessiere mich dafür, etwas abzubilden“, sagt sie, „das weniger zeigt, wer du bist, sondern vielmehr wie du dich gegenüber anderen repräsentierst.“ Egal ob die Porträtierten nun als „Wehrmachtssoldat“, „US-Soldat“ oder „Verräter“ auftreten, stets ist die Spannung zwischen ihnen und Schorr auf den Bildern spürbar. „Es gibt da eine seltsame Chemie zwischen uns. Eine Menge Miss - trauen. Die Frage ist nicht: ,Was wirst du mit mir machen?‘, sondern: ‚Warum machst du etwas mit mir? Warum interessiere ich dich?‘ Das macht die Qualität meiner Bilder aus.“
Schorr ist eine Entdeckerin, ein Talentscout. Nur in einem Fall kam ihr jemand zuvor – der Bauer-Verlag. Jens, der damals 15-jährige rotblonde Junge, den sie in einem Zug in Süddeutschland kennenlernte, war damals bereits Bravo-Boy gewesen. 2005 widmete Schorr ihm ein ganzes Buch: „Jens F.“. Der limitierte Band zeigt, wie sich in ihrer Arbeit verschiedene Zeitebenen, persönliche Geschichten und Reflexionen über das Verhältnis zwischen Künstler und Modell verschachteln. Die Grundlage für das Projekt bildete das Buch eines anderen Künstlers, die „Helga Pictures“ von Andrew Wyeth, die zwischen 1971 und 1985 unter völliger Geheimhaltung entstanden.
Die deutschstämmige Helga Testorf war Wyeths Nachbarin und wurde sein Aktmodell, als er bereits zu den prominentesten Malern der USA zählte. Schorr fiel das Buch auf, weil das Gemälde auf dem Cover wirkte wie eine Fotografie: „Es waren wirklich scheußliche Gemälde, aber tolle Fotos. Ich liebe das Studiolicht, die Natur, die Farben. Und plötzlich dachte ich, oh scheiße, die sieht ja aus wie Jens! Und ich nahm das Buch mit nach Deutschland und bat Jens die weiblichen Posen von Helga nachzustellen. Eigentlich sollte es nur eine Serie über einen Jungen sein. Ich wollte ihm eine andere Identität verleihen, die Sache mit Wyeth sollte keiner erfahren. Die Kontakte klebte ich nur ins Buch, um im Laufe der Jahre die Übersicht zu behalten, aber das Ganze wurde wie ein collagiertes Logbuch, ein visuelles Tagebuch.“
Als das Buch 2005 erscheint, fällt es auch dem Artdirector von Comme des Garçons Shirts in die Hände, für den Schorr ge - rade die zweite Kampagne fotografiert hatte. Neben ihrer künstlerischen Arbeit fotografiert sie für Magazine wie L’Uomo Vogue, Details, i-D oder für die New York Times. Sie hat Bildstrecken mit Stars wie Lindsay Lohan und Chloe Sevigny sowie zahlreiche Modestrecken geschossen. Als der Artdirector das Buch der Comme-des-Garçons-Chefin Rei Kawakubo zeigt, ist diese be - geistert. „Er sagte, sie sollten mir einen Berg Klamotten schicken und ich könnte mir dann eine Person aussuchen und ähnliche Aufnahmen machen. Aber Rei meinte, wir sollten gleich das Original nehmen.“ Mit einer Mischung aus Stolz und Ironie fügt sie hinzu: „Nur Comme des Garçons können das bringen und den pummeligen Jens zum Star ihrer Kampagne machen.“
Über eine Annäherung zwischen Kunst und Mode spricht sie nicht. Bei Schorr gibt es eine deutlich spürbare Trennung beider Sphären. Auf die Entgegnung, dass Comme de Garçons dieses androgyne Motiv sicher nicht aus Menschenfreundlichkeit gewählt haben, sondern weil sie es für ein absolut zeitgemäßes Image halten, lenkt sie ein: „Ja, das glaube ich auch. Die Chefredakteurin der französischen Vogue, Carine Roitfeld, sagte zum Vorstandsvorsitzenden von Condé Nast, dass sie der Anzeige den prominentesten Platz eingeräumt hätten, weil das eine so großartigeWerbung sei. Ich glaube es ist einfach so modern, weil … Ich kann es selbst nicht sagen. Dieser Junge ist so bizarr.“
Wegen Schorrs Faible für heranwachsende Jungs und ihres offensiven Umgangs mit männlichen Ritualen ist ihr fotografisches Interesse häufig auf eine homoerotische oder „queere“ Perspektive reduziert worden. Dazu beigetragen hat auch eine ihrer bekanntesten Äußerungen. Als sie gefragt wurde, warum sie denn Ringer und Soldaten, aber keine Mädchen aufnehme, antwortete sie: „Tue ich doch, ich nutze nur Jungs dafür.“ Sie hat allerdings Probleme damit, dass ihre Arbeit vor allem einem schwulen Kontext zugerechnet wird: „Das Wort ‚queer‘ hat einfach zu viele Bedeutungen. Ich würde lieber als Künstlerin denn als ‚queer‘ verstanden werden. Ich sehe mich als Teil der Kunstszene, genauso wie auch zum Beispiel Thomas Demand. Es ist allerdings schwer, Deutschland davon zu überzeugen, weil meine Arbeit so radikal anders wirkt. Dabei fußt sie auf dem Werk von August Sander, der mit seinen fotografischen Porträts versuchte, ein weites Spektrum der Gesellschaft der Weimarer Republik festzuhalten. Alles in meiner Arbeit beruht auf dieser Idee, verschiedene Charaktere zu erfassen. Auch Sander brachte Kostüme und Kleidung mit und suchte sich bestimmte Menschen als Stellvertreter aus.“
Collier Schorrs wohl am häufigsten als stylisches Pin-up missverstandene Werkgruppe sind die Serien der Ringer (siehe Cover). Das Projekt begann als eine Auftragsarbeit, weil eine Architekturzeitung sie bat, „Architektur als eine Person“ zu fotografieren. „Ich suchte meine Highschool aus, weil es da noch eine Menge unerledigter Themen gab.“ Auch sie gehört zu jenen Menschen, die gerne mit ihrem heutigen Bewusstsein eine Zeitreise zurück in die Highschool antreten würden, um sich nachträglich doch noch durchzusetzen. Die einzige Gruppe, die sie in der Schule interessierte, waren die Ringer, stolzer Außenseiter, die eine sterbenden Sportgattung ausübten.
„Als ich sie fotografierte, traf ich diesen Typ, Jason, und ich erinnere mich, wie er auf die Nase getroffen wurde. Er begann zu bluten, und im Laufe von fünf Minuten kamen all diese Sachen zusammen. Das war, als würde ich in der Highschool meine Periode bekommen. Da war diese Angst und gleichzeitig diese Anziehungskraft, die ich bei Jungen wie diesem Typen empfunden hatte – und diese Nähe. Ich befand ich mich mit dem schönsten Boy der Schule in dieser intimen Situation, nur dass zwischen uns all die Jahre lagen. Er war sechzehn und ich diese ältere Person, die wieder zurückkehrte. Ich war es, die ihn aussuchte, die ihm sagte, er sei etwas Besonderes, und all diese Bilder aufnahm. Das war ein wirklich erotischer Austausch, bei dem es nicht um Überlegenheit, sondern um Ebenbürtigkeit ging.“
Die erste Abbildung eines nackten Körpers, die sie je in ihrem Leben gesehen habe, sei eine Jesusdarstellung in einer französischen Kirche gewesen. „Ich war sehr klein, und mir kam das Bild sehr erotisch und brutal vor.“ Daran habe sie sich erst wieder beim Entwickeln erinnert, als sie feststellte, dass bei ihren Blitzlichtaufnahmen der Hintergrund schwarz ausgeblendet wurde: „Als ich die Bilder sah, war das, als ob Jesus vom Kreuz abgenommen würde. Ich verstand, wie es wohl sein müsste, diesen religiösen Ausdruck zu erleben, diese Transzendenz, diese Blicke im Angesicht Christi oder eines Wunders. Ich begann, mich mit Gnostikern und den Anfängen der katholischen Kirche zu beschäftigen.“ Tatsächlich kann man auf Schorrs Wrestler-Bildern Posen aus der christlichen Ikonographie erkennen, die Pieta, die Kreuzabnahme, die Aussendung des Heiligen Geistes. Beim Projekt, betont sie, gehe es um Katholizismus, Selbstgeißelung und die Erreichung eines höheren Bewusstseinszustandes, den sie selbst nie erlangen könne, weil ihr die Leidensfähigkeit fehle.
Auf die Frage, ob sie durch das Fotografieren das Gefühl von Kontrolle bekommt, sagt sie, dass die Verletzlichkeit in ihrer Arbeit sie manchmal zur Verzweiflung treibe. Wenn sie den Katalog zu „Reality Bites“, einer aktuellen Ausstellung junger deutscher Kunst in St. Louis, ansehe, seien alle anderen durch Coolness geschützt, nur sie stünde da mit dieser romantischen und sentimentalen Haltung. Schorr sagt das, obwohl ihr Foto von einem blonden Mädchen auf dem Cover ist: „Es gibt Tage, da wünsche ich mir, ich wäre so cool, bunt, ironisch und flach wie Michel Majerus.“ Auch wenn sie den Eindruck vermittele, alles im Griff zu haben, erinnere sie sich noch gut daran, wie sie mit ihrem Foto- Equipment über den Hof ihrer alten Schule gerollert sei und die Jungs sich über sie lustig machten: „Wenn du früher in der Highschool nicht cool warst, wirst du es auch nie werden. Du kannst draußen noch so erfolgreich sein, hier pfeifen sie drauf. Du kannst nie cool sein, sie riechen das einfach.“
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