Porträt

Der Beat der Melancholie

Der Filmkünstler Mark Leckey zelebrierte in den Neunzigern das Nachtleben und findet heute, die Kunstszene sollte ihre eigene Unterhaltungsindustrie haben. Ein Einstieg in die Popcharts steht ebenfalls an.

von Silke Hohmann
01.02.2006

Die Taktzahl liegt heute ausnahmsweise deutlich unter dem üblichen Niveau, denn es war spät gestern. Mark Leckey sitzt am Tisch und denkt zwischen zwei Worten scharf nach. So lange, daß man selbst kurz insgeheim der Frage nachgehen kann, ob es eigentlich jemals Zweck hat, mit Künstlern über ihre Arbeit zu sprechen. Denn wer vermag schon ganz genau zu erklären, warum er etwas macht, das niemand bestellt hat? Wie soll ausgerechnet er wissen, warum seine Arbeit einem ihm unbekannten Betrachter jahrelang nicht aus dem Kopf geht – der Titel nicht, nicht die Bilder, und das, was dann als Gefühl übrigblieb? „D‘ you know what I mean?“ fragt Mark Leckey am Ende eines zuende gebrachten Satzes. Es ist keine Frage, die nach Antwort verlangt.

Im Falle seiner ersten großen Arbeit, „Fiorucci Made Me Hardcore“, schrieben die Kritiker, es sei „das Beste, das seit langem in einer Ausstellung zu sehen war“. Der Film ist eine Hommage an das Nachtleben in den Londoner Clubs und besteht aus aneinander geschnittenem, teilweise gefundenem Material aus der britischen Clubszene des Northern Soul der späten siebziger bis zu den Raves der frühen neunziger Jahre. Man ist mit den Partypeople in ihren merkwürdigen Moonwashedjeans und den grotesken Accessoires unterwegs, um Teil einer Menge zu werden, die in drogenbeschleunigter Ekstase auf dem Tanzboden pumpt wie ein kollektives Herz. Leckey lädt ein in die Welt des gemeinsamen Basses, jenes geglückten Moments, in dem sich das Jetzt so zusammenballt, daß es körperlich spürbar wird – selbst aus zweiter Hand. Doch gerade im Festhalten dieses Moments liegt eine Nostalgie, die von mehr erzählt als nur vom Nachtleben.

Dämmeriges Licht bricht sich in leeren Bierflaschen auf der Fensterbank, etliche Kaffeebecher stehen auf Möbeln und Geräten herum. Gelegentlich schaut ein Student zur Tür herein. Wenn Mark Leckey den Kopf hebt, blitzen die goldenen Ohrring-Scheiben kurz auf wie Markierungspunkte: Ohren, wichtig! Seit 2005 ist er Professor der Filmklasse an der Städelschule in Frankfurt, wo auch Wolfgang Tillmans, Tobias Rehberger oder der aktuelle Turner-Preisträger Simon Starling unterrichten. Popkultur und Autoritäten – das eine war immer des anderen Feind. Wie aber kann einer Autorität sein für Studenten, der selbst die Popkultur derart verinnerlicht hat? „Ich weiß es nicht, ich mache es einfach“, sagt Leckey. Die Antworten kommen mit Bedacht. Nur auf die Nachfrage, was in seinem Leben zuerst da war, Musik oder Kunst, folgt umgehend: „Music.“ Aus ihr hat sich sämtliches Bewußtsein gebildet – über Mode, Politik, auch Kunst. „Meine gesamte Geschichte basiert auf Dancemusic.“

In einem Katalog gibt es eine Foto von 1984, das ihn als Teenager zeigt: mit Seitenscheitel und taubenblauen Turnschuhen, mit Hemd unterm Sweatshirt und hellen schmalen Hosen. Irgendwie zu brav und angepaßt, um wirklich zu glauben, was man sieht. Als erzähle er damit auch etwas über seine eigene Herkunft, folgt auf der nächsten Katalogseite eine Abhandlung des Künstlers über die „Casuals“ – gewaltbereite Fußball-Hooligans, die sich durch besonders bürgerliche Kleidung tarnten. Den schnellen, aggressiven Soundtrack dazu lieferten Mark E. Smith und seine Band The Fall. Deren Songs handeln von Schlägereien vor den viktorianischen Erkern der Upper Class, vom Zusichkommen auf der Wache. Wobei die Bezeichnung „Soundtrack“ viel zu sanft ist. Es ging schließlich nicht um akustische Untermalung, sondern um den Sound, den man in sich hat. Um etwas Rasendes, Hungriges, das nicht aufhören soll, weil die Stille danach unerträglich wäre. Mark Leckey sammelt den Beat, vielleicht sogar den des Lebens. Er findet ihn in London, im Ausgehviertel Soho, wohin am Wochenende die Rudeboys aus dem Osten und Süden der Stadt kommen, wo die Dealer und Polizisten sich ein endloses Räuber-und-Gendarm- Spiel liefern und die Hupfanfaren sich mischen mit Bässen aus den Autoradios. So beginnt Mark Leckeys Feldaufnahme „Dubplate“, ein akustisches Dokument seines Viertels, bei dem die Straße selbst die Hörspiel-Regie führt. Am Ende ruft jemand auf Französisch: „Wo ist die Party, wo ist die Party? Es gibt keine Party!“ Heute ist die Party vorbei. Wenn Mark Leckey die aktuelle Musikszene betrachtet, interessiert ihn daran nicht mehr viel – all das alternative Potential sei verschwunden, bedauert er, und jede Subkultur werde sofort vereinnahmt von den Musikmanagern und intellektuellen Kritikern, die neuen Trends hinterherjagen. „‚Fiorucci Made Me Hardcore‘ ist auch ein Schwanengesang für die eigene Jugend“, sagt Mark Leckey und dreht den vergnügungssüchtigen Sound auf „leise“ herunter. Es wäre zu kurz gegriffen, in ihm einen Protokollführer der Jugendkulturen zu sehen. Der neugierig- reflektierende Flaneur im balzacschen Sinne, auch das ist er. Mit dieser Bezeichnung kann Mark Leckey zwar leben, aber nicht viel anfangen. „Mag schon sein, aber sind wir nicht alle irgendwie Flaneure?“ Sein Werk ist reich an Zitaten aus der Kunst- und Literaturgeschichte, an Verneigungen vor dem Situationisten Guy Debord und dem britischen Essayisten Walter Pater, der von der Möglichkeit der Kunst sprach, dem Moment trotz seiner Flüchtigkeit die höchsten Qualitäten zuzubilligen.

„Mark Leckeys Filme zelebrieren die Club- Kultur nicht, sie sind vielmehr eine Elegie auf vergangene Empfindungen, die heute nur noch halb abrufbar sind – wie eine Second-Hand-Erinnerung an die Verliebtheit von jemand anderem“, beschreibt es der Künstler und Kurator Maurizio Cattelan. Eigentlich hätte Lekkey an der von Cattelan, Ali Subotnick und Massimiliano Gioni kuratierten 4. Berlin Biennale teilnehmen sollen, doch er sagte ab: Der Ausstellungsort, die geschichtsreiche leerstehende Jüdische Schule in der Auguststraße, bereitete ihm plötzliches Unbehagen. So ist es auch gerade die ernsthafte, nichtironische Erzählweise, die ihn unterscheidet von den cleanen Provokationen der Young British Artists, die Mitte der neunziger Jahre für zeitgenössische Kunst eine neue Ära markierten und zu denen sich Leckey nicht ins Verhältnis setzen will. „Die Kunstszene, das sind für mich immer meine Freunde und ich gewesen.“ Freunde, mit denen Mark Lekkey Bands gründet, um den verlorengegangenen Independent- Gedanken der Musik kurzerhand in die Kunstwelt wiederzubeleben. Es ist schließlich alles schon da – eine sorgfältig durch Selbstselektion entstandene Zielgruppe, die ihre Wertvorstellungen teilt und aufgeschlossen für alle möglichen Experimente ist. Das sagt nun der Musiker Mark Leckey, der herausgefunden hat, daß es im Moment weitaus einfacher ist, in der Musikbranche als Künstler Erfolg zu haben als mit einer Musikerbiographie.

Seine erste Band, das Duo donAteller, war benannt nach der Schwester von Gianni Versace („Keine Ahnung, warum“). Mark Leckey trat im Regenmantel auf und bellte Rap ins Mikrofon, während der Frontmann Ed Liq in Netzstrumpfhosen und Lack-Hotpants für androgynen Glamour sorgte. Heute versucht Liq, ein echter Popstar in Berlin werden, donAteller haben sich aufgelöst. Die Musikkritiker zögerten mit ihrem Urteil: zweiundzwanzig Songs, von den Pointer Sisters bis zu Nirvana, in fünfundvierzig Minuten zu covern, und das in einem atemberaubenden Tempo? Machten sich da vielleicht ein paar Künstler über Musik lustig? Aber nein. Die einhellige Meinung lautete: „It rocks like hell“, gute Scheibe. Seine neue Band Jack too Jack kommt bei Rough Trade heraus, in deren Compilation „Counter Culture“ schon Bands wie Franz Ferdinand vorgestellt wurden, als sie noch keiner kannte. „Bands, von denen in Zukunft ständig die Rede sein wird – oder aber nie wieder“, so die Prognose. Bei Mark Leckey ist es für „nie wieder“ natürlich zu spät. Er hat im Spiel der Kräfte aus Image und Geheimnis zwischen Kunst und Musik den Spieß erneut umgedreht.

Bis zum Einstieg in die Charts spielen Jack too Jack indessen weiterhin auf Kunstevents. Im Hintergrund laufen seine Filme. Als Teil des Bandkonzepts. In „March Of The Big White Barbarians“ geht es um Kunst im öffentlichen Raum in London, untermalt von den Gedichten des Lettristen und Situationisten Maurice Lemaitre, und all das mit beachtlichem Popsong-Potential. Was aber macht die Kunst-Zuhörerschaft besser als die andere, allgemeine? Mark Leckey sagt etwas, das sich so ähnlich anhört wie „It’s more syllabolistic“. Auf die Entgegnung, man kenne leider diese Vokabel nicht, antwortet er bedauernd: „Ich auch nicht.“ Mit Mark Leckey zu sprechen ist eine Freude, erst recht, wenn man nicht immerzu darauf besteht, to exactly know what he means. Eigentlich stecken die Antworten in seiner Kunst selbst, der so viel Energie innewohnt, daß sie sogar an die Stelle der dröhnenden Leere zu treten vermag, die sich einstellt, wenn der DJ den allerletzten Song gespielt hat.

Mark Leckey ist an der Tate Triennale 2006 beteiligt, die bis zum 14. Mai in der Tate Britain in London zu sehen ist. Die CD „Counter Culture 05“ ist bereits bei Pinnacle I / Rough Trade erschienen.

ANZEIGE
AKTUELLES HEFT
Aktuelles Heft

Ein Jahr im Leben von Gerhard Richter. Erzählt von Alexander Kluge zum 80. Geburtstag des großen Malers

Die Künstler und das Kino: Mit Andy Warhol, Isa Genzken, Christian Marclay, Douglas Gordon u.v.m.

Ein Portfolio von Ron Galella

Im Porträt: Jeremy Shaw

Monopol 02/2012
JETZT AM KIOSK ODER HIER DIREKT BESTELLEN
Werden Sie Fan und folgen Sie uns
Fan Facebook
ANZEIGE