Porträt

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Zwei Frauen, zwei Generationen, eine Leidenschaft: Ingvild Goetz ist, was Julia Stoschek einmal werden könnte – die wichtigste Kunstsammlerin Deutschlands. Die eine beeindruckt seit Jahrzehnten mit ihrem Gespür für bedeutende Werke. Die andere kaufte in Rekordzeit eine Sammlung aktueller Videokunst und eröffnet Mitte Juni ihr Privatmuseum in Düsseldorf. Ein erstes Gipfeltreffen.

von Gesine Borcherdt und Silke Hohmann
17.06.2007
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Julia Stoscheks Vorstoß in die Kunst begann, wo Peggy Guggenheim ihr Lebenswerk beendete. Es war der hei - ßeste Biennale-Sommer, an den man sich erinnern kann, und die junge Frau war nirgendwo eingeladen. „Als ich 2003 zum ersten Mal in Venedig war“, erzählt sie, „hatte ich nicht gerade viele Termine. Ich lief herum als Statist.“ Eine Biennale später feierte sie ihren 30. Geburtstag in einem Palazzo am Canale Grande. Zu ihren Gästen zählten Andreas Gursky, die Chefredaktion von Frieze und Kuratoren wie Klaus Biesenbach. Im Garten lärmten Zikaden, in den Gläsern stiegen Champagnerbläschen nach oben, aus der Anlage perlten bekömmliche Hits. Ihr Fest war in einer langen Reihe von konkurrierenden Veranstaltungen die Party des Abends, und selbst diejenigen, die auf der Jacht des Microsoft-Gründers Paul Allen eingeladen waren, kamen später zur skurril besetzten Familienfeier. Der eine Teil war tatsächlich die Familie. Der andere sollte bald die Familie werden. Ein Film von alten Freunden lief, in denen Ferraris und schnelle Pferde vorkamen. Der Vater der Jubilarin, der fränkische Autoteile-Millionär Michael Stoschek, ließ zwischen den Gratulationszeilen durchblicken, wie viele Nerven seine Tochter ihn gelegentlich kostete. Ihre Jugendfreunde, die Verwandten und die Alphatiere des Kunstzirkus applaudierte. Die Gastgeberin lachte. Schwärmte. Dankte. Warf den Kopf zurück. Tanzte, dass die Ohrringe flogen. Julia Stoschek war drin.

Nur eine weitere Biennale später eröffnet sie bereits ihr eigenes Museum: die Julia Stoschek Collection Düsseldorf, Sammlung für Videokunst. Termin: zwischen der Documenta-Premiere und dem Auftakt der Skulptur-Projekte Münster 07. So jedenfalls ließe sich, wenn man wollte, die dichte Agenda der kommenden Großereignisse lesen. Neben anderen Sammlerkarrieren wirkt die von Julia Stoschek so rasant, als sei sie mit der Fast-forward- Taste abgespielt worden. Woher nimmt die junge Frau ihre Verve und ihre Versessenheit? Fragt man sie nach Vorbildern für ihren Werdegang, nennt sie allen voran die Grande Dame unter den zeitgenössischen Sammlern: Ingvild Goetz.

Als die beiden am Potsdamer Platz im Hotel Grand Hyatt verabredet sind, hat Julia Stoscheks Flug Verspätung. Ingvild Goetz sitzt bereits beim Frühstück im Freien, hellwach, aufmerksam, blendender Laune und in jenem Stil gekleidet, für den der Begriff „sportlich elegant“ erfunden wurde. Sie war vortags bei der Filmkünstlerin Ulrike Oettinger. Demnächst plant sie eine Ausstellung mit ihrem Freund Matthew Barney. „Ich muss ihn mal fragen, ob er Oettingers Arbeiten gesehen hat. Sie kommen mir vor wie ein Vorläufer aus einer früheren Generation.“ Ingvild Goetz sammelt nicht nur Kunstwerke, sie setzt Bezüge. Gewinnt Erkenntnisse. Und ist bestens informiert. Von der jungen Sammlerin Julia Stoschek hat sie früh gehört. Als sie erfährt, dass die Sammlung Stoschek auf 3500 Quadratmetern präsentiert werden wird, ruft sie amüsiert: „Wir haben ein Zehntel!“ Als Ingvild Goetz selbst im Jahr 1992 beschloss, es sei nun Zeit, für ihre Sammlung ein Museum zu errichten, da lebte sie bereits fast dreißig Jahre für und mit Kunst. Bei Julia Stoschek sind es gerade mal vier. Ist das nicht ausder Sicht einer erfahrenen, besonnenen Sammlerin alles ein bisschen wahnsinnig? Ein bisschen zu schnell, zu groß, zu viel?

„Es ist schnell. Aber ich habe eine große Achtung vor Julia Stoscheks Entscheidung, sich dem Medium Video zu verschreiben. Darum nehme ich das, was diese junge Frau macht, ernst.“ Hört sich zunächst an wie diplomatisches Ausweichen, doch dafür ist Ingvild Goetz nicht bekannt. „Sie zählt für mich eben gerade nicht zu den vielen jungen neuen Sammlern, die Malerei und Fotografie kaufen, bloß um mit großen Namen und dabei drittklassigen Arbeiten angeben zu können. Sie verschreibt sich jungen Künstlern in einem ganz schwierigen Bereich. Video hat ein schlechtes Standing, das sammelt man nicht, um sich wichtig zu tun.“ Trotzdem ist Goetz überzeugt, dass Video das Medium der Stunde ist. Und wovon sie überzeugt ist, das hat fast immer Gewicht und Dauer.

Ingvild Goetz ist eine der größten Kunstsammlerinnen der Welt. Ihr gehören über 3500 Werke, seit 14 Jahren gibt es auf ihrem Münchner Privatgrundstück an der Oberföhringer Straße die öffentlich zugängliche Sammlung Goetz. Ein schlichter, erhabener Solitär von zeitloser Eleganz aus Milchglas und Birkenholz, gebaut von Herzog & de Meuron – als deren erstes großes Projekt. Womit Ingvild Goetz sich über die Kunstszene hinaus als Pionierin mit Gespür für bleibende Qualität unter Beweis stellte. Zwei Wechselausstellungen mit Werken aus ihrer Sammlung zeigt sie jährlich, der Großteil ist in einem 5000 Quadratmeter großen Lager außerhalb Münchens untergebracht.

In Deutschland gibt es keine zweite private Sammlung, die so viele wichtige Künstler von den sechziger Jahren bis heute vereint. Andy Warhol, mit dem sie in München shoppen ging und der sie porträtierte, gehört dazu, ebenso wie die Leipziger Malerstars Neo Rauch und Matthias Weischer. Doch Goetz sammelt auch sperrige Kunst wie die von Andreas Hofer und Thomas Zipp. Dabei erwirbt sie nicht irgendwelche Arbeiten, wie Galerien sie für kleinere Sammler übriglassen. Viele Werke sind von solcher Bedeutung, dass sie regelmäßig in den Ausstellungen internationaler Museen zirkulieren. Für ihren Einsatz im Kunstbetrieb hat Ingvild Goetz gerade den renommierten Montblanc-Kulturpreis erhalten.

Die Sehnsucht nach Bedeutung haben alle Sammler gemeinsam. Nicht nur in einem eitlen, egoistischen Sinne, sondern auch als Ausdruck eines Hungers nach Inhalten, nach Transzendenz. Dass sie sich die Bedeutsamkeit – und in den weniger intellektuellen Fällen den Lifestyle – bloß bei der Kunst leihen, wird den immer mächtiger werdenden Mäzenen vorgehalten. Der Gegenwert des Deals ist das Möglichmachen von Dingen, die sonst unmöglich wären. Das Gleichgewicht zwischen Künstler, Sammler und Institutionen, das Austarieren von Großmut und Abhängigkeiten ist höchst sensibel, und ein guter Ruf muss in der Kunstszene, die so gerne von sich behauptet, sich nicht einfach kaufen zu lassen, eben hart erarbeitet werden.

Julia Stoschek eilt mit langen Schritten in die Hotellobby. Ihr Jetlag ändert nichts an ihrer Energie. Noch zwei Tage zuvor war sie bei der Operninszenierung des „Fliegenden Holländers“ von Christoph Schlingensief in Brasilien, den sie unterstützt. Julia Stoschek ist sichtlich beeindruckt aus dem „Fitzcarraldo“-Szenario zurückgekehrt. Ingvild Goetz ist begeistert. War sie doch schon vor vierzig Jahren in Manaus. So wie sie im Grunde auch überall sonst schon war. Gerade wieder in Indien. Von vielen Reisen kann sie erzählen, als wäre die Erinnerung daran noch ganz frisch.

Die Reisen, betont sie und zieht die dunklen Augenbrauen hoch, waren für ihr Weltverständnis essentiell. Schon als Teenager brach sie mit ihrer Freundin heimlich den Skiurlaub ab, um stattdes - sen nach Jerusalem und Ägypten zu fahren. Sie deponierten Postkarten an der Rezeption, die das Hotel in Abständen nach Hause schickte, damit sich dort niemand sorgte. Erst hinterher erzählten sie den Eltern von dem Trick. Von da an reisten die beiden immer wieder um die Erde, nach Indien, Alaska und Südamerika. Und stiegen nicht etwa in noblen Hotels ab, wie es das Familienvermögen locker erlaubt hätte, sondern suchten Kontakt zu den Bewohnern von Wüsten und Regenwäldern, wo sie in Hütten und Zelten übernachteten. „Wir gaben uns als Nonnen und Journalistin nen aus, damit man uns überhaupt weiterfahren ließ.“ Der Mythos der Invild Goetz speist sich unter anderem aus diesem Wagemut.

Julia Stoschek war zunächst nur bekannt für originelle Champagnerpartys im teuerstmöglichen firmeneigenen Berliner Loft am Potsdamer Platz mit Blick über den Tiergarten. Für ihren Porsche und ihreKarriere in der Bundesauswahl der Dressurreiter. Nebenbei hörte man immer wieder ihr Bekenntnis, nun ernsthaft sammeln zu wollen. Was keinesfalls bedeutete, auch sofort ernstgenommen zu werden. Julia Stoschek stellte sehr schnell fest, dass man zwar gern zu ihr kam. Aber dass man nicht auf sie gewartet hatte. Ingvild Goetz kennt das Gefühl, wenn es auch lange zurükkliegt. Heute ist ein Besuch der Sammlerin in einer Messekoje ein Qualitätssiegel, ihr Kunstverstand ist über jeden Zweifel erhaben. Doch als sie sich 1969 auf den Weg nach New York, der damals einzigen Kunstmetropole, machte, um Künstler für ihr Galerieprogramm zu finden, hatte sie die Regeln der Branche ab solut unterschätzt. Im Flugzeug saß sie zufällig neben dem großen Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann, der ihr die Adresse eines neuen Talents gab: Sol LeWitt. Was sich als Glückstreffer erwies, denn mit LeWitt verbrachte sie in den damaligen Nogo- Areas an der Bowery lange Abende mit den jungen Avantgardisten Dan Flavin, Donald Judd, Christo und Duane Hanson. Goetz schlug ihnen vor, doch bei ihr auszustellen.

Als sie zurück nach Europa kam, war ihr Ruf ihr bereits vorausgeeilt: Wer war diese Deutsche, die sich einfach unter die New Yorker Szene mischte und den großen Galeristen die Künstler abspenstig machte? „Ich musste erst einmal lernen, wie der Markt funktioniert.“ Ingvild Goetz schüttelt belustigt den Kopf über ihre Naivität. Ihre Galerie in der Schweiz gab sie auf – unter anderem, weil sie wegen einer politischen Aktion mit Wolf Vostell ausgebürgert wurde. Aber auch, weil sie viele Arbeiten einfach nicht mehr hergeben wollte.

Auch Julia Stoschek wollte kurz Galeris - tin sein – und hängte den Job wegen ihrer Berufsuntauglichkeit wieder an den Nagel: Man kann nicht gut etwas verkaufen, das man eigentlich besitzen will. Dabei gibt sie sich nicht als Entdeckerin aus, sondern erzählt von dem großen Glück, bekannte Künstler kennenlernen zu können. Den notorisch grummeligen Dan Graham fand sie ausgesprochen reizend. Sein Glaspavillon, der voriges Jahr in der Galerie Johnen in Berlin ausgestellt war, wird bald auf der Dachterrasse ihrer Sammlung stehen.

Douglas Gordon, dessen filmische Arbeit für sie zu einer Schlüsselbegegnung mit zeitgenössischer Kunst wurde, trifft sie jedes Mal, wenn sie in Manhattan ist. Und zu Alex McQuilkin, einer jungen Videokünstlerin, die Jugendliche so inszeniert, dass sie sogar beim Sex oder einem Selbstmordversuch ausgesprochen gelangweilt wirken, sagt sie: „Ich mag eben auch anstrengende Kunst.“

Als Sammlerpersönlichkeit ist Julia Stoschek noch schwer zu fassen. Der Galerist der Leipziger Schule, Judy Lybke von Eigen+Art, findet: „Die ist prima.“
MoMA-Kurator Klaus Biesenbach beschreibt sie als überaus verantwortliche Figur in der Kunstwelt: Sie sei Mitglied im Trus tee Committee on Media des MoMA, habe Stimmrecht bei Ankäufen und durchaus ein eigenes Profil. „Einige Ausstellungen wurden durch sie überhaupt erst möglich“, sagt er. Doch wie wurde der rasante Quereinstieg der Julia Stoschek möglich? Nicht zuletzt durch den Kontakt zu KlausBiesenbach, der sie mit den wichtigen Knotenpunkten ihres jetzigen Netzwerks bekannt machte. Wenn die schwarz ge - kleidete Ökonomin mit ernstem Blick das Wort „hochdienen“ verwendet, es aber gleich darauf bereut, klingt ehrlicher fränkischer Unternehmergeist durch, und das ist sympathischer, als Julia Stoschek selbst es vielleicht glaubt. Seit 1993, da war sie achtzehn, ist sie Gesellschafterin des Coburger Familienunternehmens Brose. Ihr Vater hat das Geschäftsvolumen der Firma, die Fensterheber oder automatische Sitzversteller herstellt, seit 1971 verhundertfacht. Die Familie unterstützt ihre Kunstleidenschaft, vermutlich mit der freundlichen Duldsamkeit, die man exzentrischen Vorlieben seiner Familienmitglieder eben so entgegenbringt. Zuvor hat Julia brav BWL studiert. Da gebe es für jedes System Schaubilder, sagt sie. Julia Stoschek hat gelernt, wie man effektiv Zusammenhänge herstellt, wie man die Dinge miteinander verknüpft, bis das gewünschte Ergebnis vorliegt. Ihr bisheriger Weg war zielstrebig.

„Über Familie und Privatleben möchte ich nicht sprechen“, sagt sie routiniert wie ein Filmstar im Scheidungskrieg. Das tun ohnehin andere für sie. Sie ist mit Andreas Gursky zusammen, nicht irgendeinem Künstler, sondern dem erfolgreichsten deutschen. Seit der Eröffnung seiner Einzelschau im Haus der Kunst in München, wo Stoschek bei allen Kameraeinstellungen mit im Bild war, ist es offiziell.

Bei einem ersten Treffen in Düsseldorf, auf der Baustelle ihrer Privatsammlung, geht noch manchmal ein fragender Blick zu ihrem Pressebeauftragten hinüber. Im Umgang mit Kunst fehlt ihr nicht die Leidenschaft, sondern die Erfahrung, sich darüber mitzuteilen. Ihre Antworten wirken formatiert: Die Sammelleidenschaft, die sie sich nicht erklären kann. Die kreative Urgroßmutter. Die Liebe zur Videokunst, weil dies das Medium ihrer Generation sei, weil auch ihr eigenes Leben auf Video dokumentiert sei. Es sind wohlüberlegte Auskünfte von jemandem, der am Anfang den Fehler gemacht hat, über Schuhmarken zu sprechen. Jetzt spricht sie von der Notwendigkeit, „die Kunst ihrer Bestimmung zuzuführen“. Das heißt: Videos zu zeigen, vor allem sich selbst.

Die Architekten Kühn Malvezzi, die unter anderem für die Flick Collection in Berlin bauten, gewannen die Ausschreibung für ihr Privatmuseum. Eine Pionierentscheidung ist es nicht, aber auch keine Nummer sicher. Zu vielen ihrer zahlreichen Termine setzt Julia Stoschek einen Schutzhelm auf. Wie sie über ihre Bauarbeiter spricht, wie sie in der Rolle als Bauherrin auftritt, mit welch freundlicher Bestimmtheit sie den Arbeitern signalisiert, dass sie über den aktuellsten Stand genau Bescheid weiß, und dabei dem Hund der Nachbarin im Jogginganzug den Kopf tätschelt – das gibt mehr Auskunft über die Person Julia Stoschek als der Gossip.

Es geht eine sehr angenehme Großzügigkeit von ihr aus, die nichts mit Zahlen zu tun hat, sondern mit einer grundsätzlichen Offenheit. Julia Stoschek strahlt eine Zuversicht aus, in der Niederlagen nicht vorgesehen sind. Dieses Selbst -bewusstein der Privilegierten lag Ingvild Goetz nicht in der Wiege. Es gab Zeiten in ihrem Leben, in denen war an Mäzenatentum gar nicht zu denken. Zum Kriegsende floh die Familie von Westpreußen nach Hamburg. Was bald zum florierenden Familienbetrieb und dann zum Milliardenunternehmen wurde (über das Frau Goetz nie öffentlich spricht), begann in bitterer Armut. In der Grundschule wurde Ingvild Goetz wegen ihres polnischen Akzents – von dem heute nichts mehr zu hören ist – ausgegrenzt, von Kinderhorden über den Schulhof gejagt und verprügelt. Später, auf dem Gymnasium, war es kaum besser. Da stellte sich ihre Lehrerin, eine bezopfte BDM-Nostalgikerin, vor die Klasse und imitierte gehässig ihren Akzent. „Das war eine schwere Zeit. Ich war anders als die anderen, nicht nur wegen der Sprache – auch von meinen Interessen her.“ Ingvild Goetz hält für einen kurzen Moment inne und fixiert mit starrem Blick die Tischplatte vor sich, doch gleich darauf hebt sie wieder das Kinn und sagt mit sicherer Stimme: „Ohne diese Erfahrung könnte ich manche Künstler heute gar nicht verstehen.“ Hätte sie in den frühen sechziger Jahren, statt um die Welt zu reisen und sich mit Kunst zu beschäftigen, nicht eine Familie gründen müssen, wie es sich gehörte? „Überhaupt nicht. Um Konventionen habe ich mich nie geschert. Meine Eltern haben meine eigene Entwicklung nicht behindert.“

Über das muffige Rollenverständnis von damals kann Julia Stoschek zwar lachen. Trotzdem weiß sie genau, wovon Ingvild Goetz spricht, wenn sie von männlichen Einschüchterungsversuchen und Anfeindungen erzählt. Und umgekehrt. Während die eine spricht, lächelt die andere still und nickt zustimmend. „Passen Sie auf“, rät Goetz. „Sie haben eine Menge Neider. Was ich in Ihren Interviews gelesen habe, fand ich gelegentlich sehr offen. Vielleicht zu offen für manche, die Ihnen Ihren Erfolg absprechen wollen.“ Wer seine Sache gut macht, schnell ist und wachsam, zieht Feinde an. Wer dazu eine Frau ist, auch noch Gerüchte. „Ich trug damals gerne Stiefel und kurze Hosen, wie es Mode war. Na und?“ Ingvild Goetz wurden alle möglichen Affären angedichtet, womit man sich ihren Erfolg ganz läppisch zu erklären versuchte. Oder Galeristen zischten ihr Unverschämtheiten ins Ohr, um sie von einmal getroffenen Entscheidungen abzubringen. „Es ist regelrecht bestürzend, in welch konventionellen Mus tern damals teilweise gedacht wurde! Wie es heute ist, kann ich nicht beurteilen.“

Wie weit geht man, um dahin zu kommen, wo man sein will? Wie viel Anpassung muss sein, etwa, indem man das eigene Auftreten verändert und sich auf die Codes einlässt oder vor unsichtbaren Hoheits - linien klein beigibt? Julia Stoschek denkt einen Moment nach. „Ich kann mich nicht verbiegen.“ Ingvild Goetz bekräftigt sie: „Wir sind in der Kunstwelt unterwegs, wo man eigentlich annehmen sollte, dass man sich nicht an spießige Reglements halten muss.“ Dabei geht es um mehr als um das Tragen von Stilettos und Hot Pants. Es geht um Selbstbehauptung in einem scheinbar extrem aufgeklärten, aber nach wie vor männlich dominierten Gebiet, in dem die großen Kunstsammlungen in aller Regel die Handschrift der Ehefrauen tragen, aber den Namen der Männer. In dem eine so offen gelebte Unabhängigkeit, wie Julia Stoschek und Ingvild Goetz sie zeigen, für viele noch immer schwer zu ertragen ist.

Julia Stoschek ahnt, dass ihr Alter, ihr Aussehen, ihr Geld oft mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt werden. Und ihr Tempo. „Aber die Kunstwelt ist wahnsinnig schnell geworden“, springt Ingvild Goetz ein. „Wenn man rund um die Uhr an der Kunst dran ist, kann man nicht zur Ruhe kommen. Man muss schnell sein, man muss früh sein. Von den meisten Künstlern ist das Frühwerk der bedeutende Teil der Arbeit. Wenn sie noch niemand kennt. Und noch niemand kauft.“ Neulich haben beide sich sehr um eine Arbeit von Paul Chan bemüht, ein Künstler, bei dem sie beide anfangs nicht hundertprozentig sicher waren – und dann anschließend wie besessen von seinem Werk. Julia Stoschek hat sie bekommen. „Das Gute ist, dass es nur ganz wenige gibt, die so früh dran sind“, lachen die beiden. Als sie ihr Credo auf den Punkt bringen, geschieht das, versehentlich, synchron. Herausgekommen sind zwei Versionen desselben Slogans, mit einer Generation Unterschied. Bei Ingvild Goetz lautet es: „Qualität setzt sich durch.“ Bei Julia Stoschek: „Leistung setzt sich durch.“ Das Update für die nächste Generation wird lauten: Schnelligkeit setzt sich durch.

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