Thomas Demands verborgene Tatorte
Parallel zu einer Beckmann-Ausstellung in der Schirn zeigt der Fotokünstler eine neue Werkgruppe zusammen mit Max Beckmanns koloriertem Grafikzyklus zur „Apokalypse“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (25. März bis 27. August).
Die Zimmerpflanze ist vollkommen trokken, verdurstet, fast mumifiziert. Das Schildchen mit der Pflegeanweisung steckt noch drin. Doch keiner hat auch nur den Mindestaufwand an Zuwendung aufgebracht. Die neue fünfteilige Fotoserie von Thomas Demand entstand, wie seine früheren Arbeiten auch, nach Fotovorlagen, die er vor allem in Printmedien findet. Minutiös baut er Szenen oder Räume aus Pappe und Papier nach, läßt dabei Menschen und Beschriftungen weg, inszeniert das Licht und macht Fotos. Nur eines wählt er aus, die fragilen Pappmodelle landen im Altpapier. Die präzisen Fotoinszenierungen des 1964 bei München geborenen, in Berlin lebenden Künstler sstehen eigentlich im maximalen Gegensatz zu den symbolistischen und expressiven Arbeiten Max Beckmanns – und treffen doch in der aktuellen Ausstellung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt direkt aufeinander.
Endzeitstimmung ist eine der kaum spürbaren Verbindungslinien zwischen den beiden Werkgruppen. 1941, bereits im Amsterdamer Exil, bekam Beckmann von Frankfurter Freunden den Auftrag, einen Grafikzyklus zur Apokalypse zu entwickeln. Die Blätter wurden nach Frankfurt geschmuggelt und dort reproduziert. Um den Künstler zu schützen, entstanden von der 27 Einzelblätter umfassenden Mappe nur 24 Exemplare – erst ab einer Auflage von 25 wurde die Reichskulturkammer auf ihrer Suche nach „entarteter Kunst“ aktiv. 2002 tauchte die einzige von Beckmann selbst kolorierte Version der Edition wieder auf und wurde von einem Frankfurter Industriellen erworben, der sie auf Ausstellungstournee schickte. Obwohl Beckmann die Vorlage aus der Offenbarung des Johannes teilweise wortwörtlich umsetzt, verwischen die Grenzen zu den eigenen apokalyptischen Kriegserlebnissen. Ganz anders begegnet Thomas Demand der Apokalypse. Angeregt von dem Gedanken einer Neuinterpretation und direkt auf Beckmanns Vorgabe bezogen, visualisiert Demand verschiedene Ansichten eines bestimmten Hauses in Saarbrücken. Der schlichte Eingang mit einem Zigarettenautomaten, eine mit Efeu bewachsene Rückwand mit zwei offenen Toilettenfenstern, ein schäbiger Tresen, über dem noch ein paar traurige Luftschlangen hängen. Es stimmt etwas nicht mit diesen Bildern. Eine diffuse Bedrohung geht von ihnen aus, vielleicht weil sie als Pressebilder eine Geschichte illustriert haben, die in unserem Unterbewußtsein gespeichert ist. Ein Kind hat hier in Burbach gelebt. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Der Prozeß ist gerade auf unbestimmte Zeit vertagt worden.
Demand hat sich einen Weg durch das dichte Geflecht von Originalen, Kopien und Metamorphosen gebahnt, die diese Bilder durchlaufen haben. Seine Fotografien geben gar nicht vor, etwas Reales abzubilden, sie konstruieren die Objekte der Darstellung neu, stellen die Realität von Abbildungen in Frage, auch die Virtualisierung eines Vorgangs, der vom Pressefotografen bereits verändert und „in einen mythologischen Zusammenhang“ gebracht wird. In Zeiten, in denen Nachrichten mit den Bildern davon gleichgesetzt werden, legt Demand den Moment frei, in dem aus einem Ort ein Tatort wird. Wobei Demand keine Rätsel inszeniert, die gelöst wären, wenn der Ort entschlüsselt ist. Die Unruhe bleibt, und das Bild vervollständigt sich, wie bei Beckmann, erst im Betrachter. Beide vermögen es, Bilder für Geschehnisse zu finden, die sich jeglicher Vorstellungskraft entziehen, und setzen genau da an, wo die Worte aufhören.
- Thomas Demand (Künstlerdatenbank)
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