In seiner neuen Installation „The Procession“ in der Kestner Gesellschaft in Hannover befaßt sich der Schweizer Künstler mit der Ästhetik von Märtyrerbegräbnissen (24. März bis 28. Mai).
Thomas Hirschhorns visuelle Protestmärsche
„Es ist einfach, es ist leicht, es ist kopflos, es ist explosiv, es ist komisch, jeder kann es tun“, sagt Thomas Hirschhorn über die Ästhetik des Agitprop.
Er mag jene schnell hergestellten Formen, wie sie in Protestmärschen und Demonstrationen mitgeführt werden: ihre billigen Materialien, ihren unbedingten Willen zur Aussage. Das hat der Schweizer Künstler in seinen aus Wegwerfmaterialien zusammengefügten Altären, Kiosken und Monumenten immer wieder gezeigt. Sie nähren die Flammen von Liebe und Leidenschaft, sie sind direkt und konfrontativ. Wenn Thomas Hirschhorn über seine Künstler-Vorbilder spricht, dann nennt er Joseph Beuys und Andy Warhol – in einem Atemzug. Joseph Beuys, das kann man verstehen, weil auch der die Fähigkeit besaß, mit allem zu arbeiten, was ihn umgab. Auch die raumtransformierende Geste und der missionarische Duktus erinnern an Beuys. Doch was ist mit Warhol? Hemmungslose Affirmation, gnadenlose Zustimmung zu allem und jedem war bisher nicht Hirschhorns Ding. Dazu erschien er zu politisch. Die Zeitschriften, die er regelmäßig kauft und auswertet, sind Legion: Der Spiegel, Time, The Economist, Bizarre, Newsweek, Al-Mayalla, African Business, New African, Elle, Al-Mussawar, Al-Arabi, Business Week, Arrajol, L‘espresso, Cosmopolitan, Paris Match.
„Zustimmen, das heißt, sich mit der Realität konfrontieren, wie sie ist“, kontert Thomas Hirschhorn. „Andy Warhol hat mir gezeigt, daß die Realität nur dann verändert werden kann, wenn wir ihr zustimmen.“ Bleibt zu fragen, was denn Realität im Jahr 2006 bedeuten soll? Ist es der Zustand heilloser Verwirrung und aufgeputschter Massenemotionen, wie er uns über die Fernsehbilder, die Pressefotos und die Schlagzeilen vermittelt wird? Diesen Eindruck weckt Thomas Hirschhorns aktuelles Werk „The Procession“. Arme von Schaufensterpuppen recken sich aus blutroten Spritzschaumpilzen und stemmen vier Särge in die Höhe: in den Farben Rot, Schwarz, Grün und Weiß. Die Särge sind von vergrößerten Schlagzeilen überzogen: „Precious Suffering“, „Faceless Terror“, „L’Ecole de l‘Haine“, „A War without Winner“, „L’Apocalypse, et après...“. Die sich wiederholenden Bilder sogenannter Märtyrersärge, die auf einem Meer ausgestreckter Arme und Hände schaukeln, Zeichen von Haß, Empörung, Anklage und glühender Verehrung, haben Thomas Hirschhorns Skulptur inspiriert. Irritierend ist der Grund, aus dem das alles wächst: ein von Graffiti überzogener Linoleumbelag. Die Schriftzeichen sind eindeutig westlicher Prägung. Kunst gebe ihm den nötigen Raum, um denken zu können, sagt Thomas Hirschhorn. Mit dieser Arbeit wolle er sich mit der Absurdität gewaltsamer Tode, der Kriegsverbrechen, des Terrorismus und der Märtyrer auseinandersetzen. Aber auch mit der Schönheit solcher ritualisierter Begräbnisszenen.
Was der Künstler unter „Zustimmung“ versteht, ist womöglich: die Wirklichkeit solcher Bilder zuzulassen, ihrer Ausbreitung Raum zu geben, ohne gleich die moralische Keule zu schwingen. „The Procession“ ist eine begehbare Skulptur. Sie erzeugt das Gefühl eines Allover, dem man sich nicht entziehen kann. Die Gestaltungsmittel – Spritzschaum, Puppengliedmaßen, Graffiti – sind kraß und grenzwertig, sie verhindern, daß man das alles wegschieben könnte. Die Schlagzeilen auf den Särgen demonstrieren Hilflosigkeit – das Flüchten in Chiffren der Abkürzung, wo es an allen Ecken brodelt. „Ich möchte die Landkarte meines Gehirns in eine dreidimensionale Form übersetzen“, sagt Thomas Hirschhorn. So jedenfalls versteht er seinen Andy Warhol.
- Joseph Beuys (Künstlerdatenbank)
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