Architektur und Alltag

Die Gute Gestalt

Pipelines, Pfahlhäuser, Putzsysteme: Projekte und Produkte rund um das lebenswichtige Thema Wasser

von von Friedrich von Borries
20.05.2010

Gurken bestehen zu 97 Prozent aus Wasser, unser Körper immerhin zu 67 Prozent. Der Zugang zu sauberem Wasser ist die Grundbedingung menschlichen Lebens. Doch laut UN-Projekt „Water for Life“ leben 1,2 Milliarden Menschen in Gegenden mit akutem Wassermangel, weitere 1,6 Milliarden Menschen haben aus wirtschaftlichen Gründen keinen Zugang zu sauberem Wasser – zusammen fast die Hälfte der Weltbevölkerung. Wasser ist heute Ausgangspunkt politischer Konflikte, denn für viele Länder ist Wassermanagement eine Überlebensfrage. Unter dem Begriff „Politics of Verticality“ diskutiert der israelische Architekt Eyal Weizman die Rolle von Wasser im Palästinakonflikt. Auch außenpolitische Beziehungen im Nahen Osten sind vom Thema Wasser bestimmt. 50 Millionen Liter liefert die Türkei seit 2004 in Tankschiffen jährlich nach Israel, bezahlt wird mit Waffenlieferungen. In Zukunft soll eine Pipeline türkisches Wasser, aber auch Erdöl und Erdgas nach Israel bringen. Zypern und Malta werden ebenfalls mit Wasser aus der Türkei versorgt, neben Tankern waren auch schon gigantische Schläuche und flexible Tanks im Einsatz, mit denen Trinkwasser über das Mittelmeer befördert wurde. Wasser könnte zukünftig ein wichtiges Exportgut der Türkei sein. Doch die Frage, an welchen Flüssen die Türkei dafür Wasser entnimmt oder Stauseen baut, ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine politische. Denn das Wasser fehlt dann in Syrien und im Irak, was in der Vergangenheit schon beinahe zu Kriegen geführt hat und heute durch komplexe Verträge geregelt ist. Viele Städte stellen ihr Trinkwasser in Meerwasserentsalzungsanlagen selbst her. 13 000 Anlagen sind weltweit in Betrieb, ganze Länder beziehen so ihr Trinkwasser. Aber auch das kann fatale Folgen haben. Entsalzungsanlagen verbrauchen viel Energie, allein in Japan wurden acht Atomkraftwerke nur für die Trinkwassergewinnung gebaut. Und auch im Meer hinterlässt die Trinkwassergewinnung ihre Folgen: In den Küstenbereichen steigt der Salzgehalt, vor Sturmfluten schützende Korallenriffe sterben ab. Womit wir bei dem anderen großen Wasserthema wären: Überschwemmungen. Die Weltmeister im Überschwemmungsschutz sind die Niederlande. Hunderte Millionen Euro kostet jedes Jahr der Küstenschutz, und wenn mit dem Klimawandel tatsächlich der Meeresspiegel steigt, wird es noch viel teurer. Deshalb findet derzeit ein strategisches Umdenken statt, nun werden amphibische Häuser gebaut. Das sind moderne Pfahlhäuser, die bei Hochwasser nicht überschwemmt werden, sondern einfach nach oben treiben. Ist die Flut vorbei, sitzen sie wieder auf dem Trockenen. In Europa ist aber auch Wassermangel ein Thema, die Verringerung des Verbrauchs wird in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. In der Umgebung vieler europäischer Großstädte sinkt der Grundwasserspiegel, nach Barcelona musste im Sommer 2008 das Trinkwasser mit Tankschiffen aus Marseille angeliefert werden. Die EU plant deshalb, den Verbrauch seiner Bürger zu minimieren. Nach den Glühbirnen stehen nun – kein Scherz – zum Beispiel neue Standards für Duschköpfe an. Ein anderer Weg, den Wasserverbrauch zu reduzieren, ist die Grauwassernutzung. Grauwasser ist Wasser, das nicht sauber, aber auch nicht richtig schmutzig ist. Unser Badewasser ist nach dem Baden zu dreckig (oder zumindest zu seifig) zum Trinken, aber es reicht noch für die Toilettenspülung. Der spanische Sanitärhersteller Roca hat deshalb jüngst ein neues Produkt vorgestellt: „W+W“, eine Kombination aus Waschbecken und Kloschüssel, in der das Abwasser vom Händewaschen und Zähneputzen gesammelt und dann für die Klospülung verwendet wird. „W+W“ sieht großartig aus, und vom Magazin „Wallpaper“ wurde es wohl auch deshalb mit dem Design Award 2010 ausgezeichnet. Unabhängig von der verfügbaren Menge spielt auch die Wasserqualität eine wichtige Rolle. Sauberes Trinkwasser ist in Deutschland überall verfügbar, aber das Wasser vieler Flüsse ist nach wie vor verschmutzt. Ein solcher Fluss ist die Seseke, ein ehemaliger Abwasserkanal bei Kamen. Im Rahmen von Ruhr.2010 hat die Künstlerin Susanne Lorenz gemeinsam mit dem Biologen Stephan Pflugmacher eine reinigende Installation entwickelt. Ein 40 Meter langer Abschnitt der Seseke wird derzeit mit verschiedenen Wasserpflanzen bestückt. So erhält der einstmals begradigte Fluss nicht nur eine neue Form, sondern gleichzeitig auch ein pflanzliches Klärwerk. Aber auch in anderen, nicht industriell verschmutzen Flüssen kann man heute nicht schwimmen. Ein Missstand, den wir meist schon als völlig normal hinnehmen. Dabei ist es eigentlich unverständlich, warum man trotz Kläranlagen heute etwa in die Berliner Spree nicht hineinhüpfen darf. Das hat sich auch der Landschaftsarchitekt und Umweltplaner Ralf Steeg gefragt und eine einfache Ursache entdeckt: In Berlin werden Haushaltsabwasser und Regenwasser im selben Kanalsystem gesammelt. Regnet es einmal sehr kräftig, ist die Mischwasserkanalisation überlastet, statt ins Klärwerk geht die Kloake durch Überlaufrohre direkt in den Fluss. Das passiert an 30 Tagen im Jahr, oft genug, um die Spree nachhaltig zu verschmutzen. Abhilfe soll nun ein neues System schaffen, das Steeg mit Förderung des Bundesforschungsministeriums entwickelt hat. Große Überlauftanks werden an genau den Stellen in die Spree gesetzt, an denen das ungeklärte Wasser eingeleitet wird. Sie sollen bei starkem Regen das Schmutzwasser aufnehmen. Wenn das Wetter wieder gut ist, wird das Dreckwasser in die Kanalisation zurückgepumpt. In Kooperation mit den Berliner Wasserwerken soll im Berliner Osthafen noch dieses Jahr ein Pilotprojekt aufgebaut werden; auf den im Flussbett fest verankerten Tanks können neue, attraktive Plätze und Miniparks entstehen. Mal schauen, ob wir bald in der Spree schwimmen können.

Friedrich von Borries, Jahrgang 1974, ist Architekt und Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg