Von Hier Aus

Erdkunde

Es ist einer der ersten warmen Tage dieses Jahres in Washington D.C., noch die frühen Abendstunden bieten eine gute Temperatur, die Stadt zu erleben.

von Klaus Biesenbach
20.05.2010

Auf der Fassade des Hirshhorn Museum bewegt sich etwas. Es handelt sich um eine Testprojektion des kalifornischen Künstlers Doug Aitken. Seine Videobilder sollen das wie eine Festung anmutende Gebäude an der Repräsentationsmeile National Mall aufbrechen – oder verflüssigen, wie Aitken es beschreibt. An diesem Abend sind es Wolken, geometrische Muster und Landschaften, die die Außenhaut des Museums beleuchten. Innerhalb der Sammlung zeitgenössischer und moderner Kunst des Museums bietet eine Kabinettausstellung von John Gerrard einen weiteren Kontrast zur symbolträchtigen Machtarchitektur der Stadt. Der in Dublin geborene Künstler hat Ölbohrtürme des amerikanischen Mittleren Westens fotografiert und in einer digitalen, bewegten Animation wandgroß projiziert. Das wirkt einerseits wie eine naturalistische Liveübertragung, andererseits irgendwie künstlich, wie ein monumentales Computerspiel. Die Lichtverhältnisse der dargestellten amerikanischen Landschaft verändern sich parallel zur Tageszeit des Ausstellungsbesuchs. Wer in Washington aktuelle Kunst an repräsentativen Orten wie dem Weißen Haus sucht, wird fast nur enttäuscht. Hier sind eher in Auftrag gegebenes Porzellanservice und naturalistisch gemalte Porträts der Präsidenten und ihrer Ehefrauen zu finden. Erst eine Autostunde von der Innenstadt entfernt, in Potomac, Maryland, kommt man dann wirklich in einem von neuer Architektur und Kunst dominierten Areal an. Die 2008 eröffnete Sammlung Glenstone ist in einer großzügigen Gartenanlage von der Architekturfirma Gwathmey Siegel ausgeführt worden. Die Auffahrt führt an einer Tony-Smith-Skulptur vorbei zu einer nicht weniger beeindruckenden Stahlellipse von Richard Serra und einem „Totempfahl“ von Ellsworth Kelly. Der 53-jährige Sammler Mitchell Rales hat sich hier ein Denkmal gesetzt. Ein Wohnhaus, Kunstlager und ein Ausstellungspavillon sind um die zentrale Wasserfläche gruppiert. Im Augenblick sind hier Werke der Sammlung unter dem Titel „If we could imagine“, kuratiert von der Ehefrau des Sammlers, Emily Wei Rales, zu sehen. Neun Galerieräume zeigen unter anderem Arbeiten von Uecker, Tuttle, Rauschenberg, Eva Hesse, Jan Dibbets. Joseph Beuys’ „Erdtelephon“ von 1968 wirkt absolut aktuell und relevant und gibt eine plausible Einführung in die ebenso politisch wie persönlich gehaltene Sammlung. Washington 2010 ist eben vor allem die amerikanische Hauptstadt mit der Omnipräsenz der Regierung unter Barack Obama. Auch hier versucht die Ausstellung in ihrem letzten Raum ein vorsichtiges Statement. Eine fünf Meter hohe Plakatskulptur von David Hammons zeigt den schwarzen Reverend Jesse Jackson als blonden, blauäugigen Kandidaten im blauen Anzug und mit rotem Schlips. Jackson hatte 1984 und 1988 für das Präsidentenamt kandidiert. Vor seinem geweißten Konterfei ist eine Absperrung aus Vorschlaghämmern gruppiert, eine amerikanische Flagge steht im verchromten Ständer. Hammons hatte das verfremdete Wahlplakat 1989 im Stadtraum in Washington aufgestellt und den Titel der Arbeit „How Ya Like Me Now?“ aufgesprüht. Das führte zu massiven Protesten, ein Stapel Zeitungen dokumentiert die Kontroverse. Schade, dass die Arbeit nicht an der National Mall, sondern in der bürgerlichen Vorstadt im begrünten Kunstghetto ausgestellt ist. Washingtons Zentrum könnte mehr Zeitgenossenschaft vertragen.

Klaus Biesenbach ist Direktor des P.S.1 sowie Chief Curator at Large am Museum of Modern Art, New York

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