Was macht die Kunst, Christoph Schlingensief?
Der Regisseur und Filmemacher vertritt Deutschland auf der 54. Biennale in Venedig
Wie war Ihre Reaktion auf die Ernennung durch Susanne Gaensheimer, den deutschen Pavillon 2011 in Venedig zu bespielen?
Na prima! Ich sehe meinen Vorteil darin, dass ich nicht so dick verpackt in der ganzen Kunstszene drinstecke, sondern mich immer auch woanders aufgehalten habe. Es gibt wohl viele Leute, die sich freuen, ich habe aber auch gehört, dass einige Künstler betrübt sind. Vielleicht, weil sie ihren Status anders sehen? Dabei habe ich mich nie als totalen Außenseiter verstanden. Bei Performancekunst habe ich einen ganz guten Blick. Da sehe ich schnell, ob einer nur vorm Spiegel geübt hat oder ob er wirklich was will. Und das gilt auch für die anderen Kunstzweige.
Wer sind Ihre Fixsterne in der Kunst?
Dieter Roth und natürlich Kaprow und Beuys, obwohl mich sein esoterischer Jüngeranstrich oft gestört hat. Aber er hat gerade durch seine Person Normalpublikum erreicht. Louise Bourgeois finde ich anziehend, weil sie von sich spricht. Eigentlich schlimm, dass man sich „Künstler“ nennen muss, um über sich selbst sprechen zu dürfen.
Wie verliefen Ihre ersten Schritte in die bildende Kunst, als Sie von Hauser + Wirth unter Vertrag genommen wurden?
Nach einer Aufführung sprachen mich Leute an, ob man nicht so eine Tafel haben könnte, die ich da vollschmiere. Das hab’ ich nicht abgelehnt, denn mit dem Geld konnte ich gleich wieder einen Film drehen. Na ja, einen Kurzfilm. Dann kam eine Galerie, und ich muss zugeben, da wandelte sich manchmal mein Blick auf die eigene Arbeit so stark, dass ich nicht immer das getan habe, was ich wirklich wollte. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ein Produkt herzustellen und nicht mehr das, was bei intensiver Arbeit sowieso entsteht, nämlich Wahrhaftigkeit. Zum Glück kam dann die Krankheit und hat mir noch mal gezeigt, was wirklich wichtig ist.
Wie erleben Sie die Kunstszene?
Manchmal sieht man ein Werk, man fragt: Wo ist der Künstler? Und dann heißt es: Der kann nicht, der ist fertig, der sagt nichts. Ich finde aber, in Disziplinen wie Theater, Oper, Kunst ist die Haftbarkeit der Person entscheidend. Was ist jemand bereit, hineinzugeben? Das können Arbeitsstunden oder eine Haltung sein, aber es kommt darauf an, dass er als Person vorkommt. Diesen Maßstab möchte ich anlegen.
Sie haben in Bayreuth inszeniert, jetzt repräsentieren Sie Deutschland in Venedig. Verspüren Sie eine gewisse Erwartung, die an Sie gestellt wird?
In Bayreuth dachten alle: Jetzt kommen bestimmt die BDM-Mädchen, und ich mache ein Hakenkreuz aus Scheiße auf die Bühne. Dann wären ja alle begeistert gewesen, also bewusst entrüstet, hätten abgewinkt und gesagt: Ja, typisch. Das habe ich nicht gemacht. Worüber Familie Wagner ernsthaft geschockt war, denn damit hätten sie wunderbar umgehen können. Aber ich bin nicht auf der Welt, um alles schräg zu machen und zu verkanten. Ich glaube nur nicht an das, was ich immer sehe. Das ist seit meiner Kindheit so: Bei allem, was irgendwie eindeutig daherkommt, habe ich Bedenken. Und zwar nicht im Sinne von „Das sehe ich aber anders“, sondern ich empfinde es als Aufforderung, das Gegenteil zu probieren. Das ist der Auftrag, der darin schlummert.
Wie sehen Sie die Arbeit Ihrer Vorgänger?
Hans Haacke, da stimme ich Susanne Gaensheimer zu, ist kaum zu überbieten. Aber ich finde, es geht absolut nicht ums Überbieten, das sind wieder diese Ausschläge der Verkaufskultur, die die Kunst so wichtig nimmt. Was mir richtig vorkam, war Gregor Schneiders „Totes Haus u r“. Eine tolle Übertragung – plötzlich steht da ein 50er-Jahre-Haus drin. Eigentlich ein Filmset. In Hollywood könnte man das problemlos in Auftrag geben. Man könnte den Pavillon in ein Science-Fiction-Haus verwandeln lassen, dann wäre man in der Zukunft. Doch dann wäre es nur die Installation eines Hollywood-Bühnenbildners, und man würde fragen: Was hat das hier zu suchen? Gregor Schneider oder auch Christoph Büchel sind Künstler, da ist es anerkannt. Auch solche Fragen beschäftigen mich.
Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie Sie mit dem Pavillon aus der Nazizeit umgehen werden?
Ein Traum wäre, man könnte auf Knopfdruck das Haus wegklicken. Man macht „pling“, und es ist weg, und „pling“ ist es wieder da. Wir haben ja auch den Palast der Republik abgerissen, und in 30 Jahren bauen wir ihn vielleicht wieder auf – das würde ich gerne beschleunigen. Aber die Technik ist noch nicht so weit. Das Gebäude ist ganz klar nicht wegzulügen, die Vergangenheit ist auch nicht wegzulügen. Ich gehe davon aus, dass wir sowieso wissen und spüren, was das für ein Gebäude ist. Aber wissen das auch die normalen Besucher? Wollen wir denen das wieder vor die Nase halten? Also brauche ich den Reflex nicht weiter zu bedienen. Sondern kann sagen: Auf dieser Matrize existieren auch weiterhin Kräfte und Schwingungen, die sich in unserer Zeit auf neutralisiertem Boden weiterentwickelt haben. Dazu bedarf es keiner Aufmärsche von Neonazis – auch Neoliberalismus ist in gewisser Weise eine Ebene, die sich daraus entwickelt hat.
Neben Ihrer Ausstellung werden die Jachten von Multimillionären dümpeln.
Vielleicht mache ich mit denen auch was. Ich habe da keine Berührungsängste.
- Christoph Schlingensief (Künstlerdatenbank)
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